laut.de-Kritik

Die Alternative-Rocker bieten vielseitige Arten von Lärm auf.

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Ein Zaun oder Volleyballnetz, eine Tür mit der roten Aufschrift "6 T", ein geöffneter Briefkasten am Strand. Das Cover-Bild zu "Beyond The Door" von Redd Kross zwingt förmlich zum mehrmaligen Hingucken. Zum Glück lädt auch das Album zum mehrmaligen Hinhören ein, denn es gibt etliches zu entdecken.

Die Alternative-Rocker bieten denkbar vielseitige Gestaltungsarten von Lärm auf. Sie covern einen Electropop-Klassiker der Sparks mit schrammelnden E-Gitarren und verbinden Punk-Subversion mit Party und Eiscreme, den zentralen Themen dieser positiv gestimmten Platte. Power-Pop kann man das Album nur deswegen nicht nennen, weil Kratzbürstigkeit die vorhandene Lieblichkeit abschmirgelt.

Manches wirkt zu konstruiert. "There's No One Like You" baut zwar auf der clever die Ohren führenden E-Gitarrenarbeit auf. Der überdehnte Punkrock-Gesang muss Sänger einen Stimmbandmuskelkater verursachen, allerdings nützt das alles nichts, sich gegen den Verstärkerlärm im Refrain durchzusetzen. In diesem Fall wirkt es so, als wolle man Textschwächen kaschieren. Melodie und Message schälen sich aus dem Songgerüst nicht heraus, was aber auch zeigt, dass die vielen besseren Songs auf der Platte nicht vom Himmel fallen, sondern sich feineren Dosierungen der Zutaten verdanken.

Spiralförmige Gitarrenriff-Echowellen wummern durch den poetisch "Fantástico Roberto" betitelten Mittelteil des Albums. Erfüllen die Songs vor dieser Nahtstelle die Erwartungen altgedienter Fans an die Gruppe, spielen die Songs danach befreit auf.

"Jone Hoople" knödelt so wie die Prototyp-Garage-Punk-Songs, etwa "All Day And All Of The Night" von The Kinks oder "My Flash On You" von Thee Sixpence.

Vorbildlich folgen Redd Kross der Entstehung des Garage Punk in "Ice Cream (Strange And Pleasing)". Diese Art von Musik geht in der Mitte der 60er aus Surf-Rock, den neuen spielerischen Möglichkeiten mit elektrischen Verzerreffekten, aber auch dem kalifornischen Westcoast-Folk und dem Doo-Wop-Gesang hervor. Verschiedenes fließt in Spurenelementen ein. Gerade den Folk halten Redd Kross im akustischen Intro und dem an The Byrds und The Everly Brothers angelehnten Gesang hoch.

Der Refrain überführt die zarteren Töne dann bruchlos und selbstverständlich in den Krach von Rock'n'Roll und Punk. Innerhalb des Refrains steigert sich das Stück dann nochmal ins Explosive, Verstärker-Wimmern und schließlich ein bluesig schreiendes Gitarrensolo. Im Abspann des Titels bauen Redd Kross die Bestandteile wieder zurück und enden mit zwei schnörkelhaften akustischen Takten. Die Vielschichtigkeit und Dynamik von Leise, Steigernd, Laut, Sehr Laut, Extrem Laut bis Noise und Widerhall machen hier die Kunst aus und sind das Salz in der Suppe.

"What's A Boy To Do?" unterscheidet sich nicht allzu sehr von Green Day oder Millencolin und zahllosen anderen; es verwundert aber, wie teeniehaft unbekümmert die Stimme des mittlerweile 56-jährigen Sängers anmutet. Diese Art von Retro-College-Punkrock hat mehr mit den Neunzigerjahren zu tun als mit den elaborierten Experimenten und Feinheiten früher Sechziger-Bands (The Electric Prunes, Tommy James & The Shondells, The Chocolate Watchband) oder gar mit heutigen Produktionstechniken. Man darf auch kritisch fragen, warum Redd Kross hier wenig zur Entwicklung ihrer Musikgenres beitragen. In erster Linie beweisen sie ihre eigene Noch-Existenz.

Ob in "The Party" oder "The Party Underground" oder anderen Songs, den Texten lässt sich wenig Tiefe abringen. Der Fokus des Albums liegt erheblich stärker auf Überschwang und Riffs und der musikalischen Bandbreite: Punk im klassischen Sinne bieten Redd Kross an, Garage, Vintage Rock, Hardrock, Glam-Anklänge, Grunge-Stimmungen, übersteuerte Gitarren, Verzerrer, teils gute Melodien, Spielfreude und eine insgesamt kraftvolle Performance.

Während sie sich der Avantgarde nur am Rande verpflichtet zeigen, wäre die Platte dennoch nichts ohne die überspitzten Noise-Abschnitte und das Verlassen von Hörgewohnheiten, Harmonien und braven Strukturen. Das Cover des Sparks-Titels "When Do I Get To Sing 'My Way'" punktet eher dadurch, dass es frech, als dass es wirklich gut wäre. Ein wahrhaft guter Song mag schon die Vorlage nicht gewesen sein, aber ein damals 1995 überraschender Hit der Siebziger-Band Sparks.

Redd Kross verstecken ihre rotzige Art nicht hinter Coverversionen und verstellen sich nicht. Dieses Herangehen verleiht dem Album seine Berechtigung, auch wenn mehr neue Impulse wünschenswert wären, um dem guten alten funky Garage Rock eine größere Bühne zu bereiten.

Trackliste

  1. 1. The Party
  2. 2. Fighting
  3. 3. Beyond The Door
  4. 4. There's No One Like You
  5. 5. Ice Cream (Strange And Pleasing)
  6. 6. Fantástico Roberto
  7. 7. The Party Underground
  8. 8. What's A Boy To Do?
  9. 9. Punk II
  10. 10. Jone Hoople
  11. 11. When Do I Get To Sing 'My Way'

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