18. März 2015

"Ich habe ein bisschen Angst"

Interview geführt von

Er ist Till Lindemanns Sex- und Prügelsklave, wird regelmäßig zu Kesselfleisch verkocht und segelt im Schlauchboot über Menschenmassen - auf der Bühne. Privat hegt Rammstein-Keyboarder Christian "Flake" Lorenz eine Leidenschaft für Literatur. Jetzt hat er selbst ein Buch geschrieben.

"Der Tastenficker - An was ich mich so erinnern kann" nennt Flake seine Biografie, die seit dem 16. März 2015 in den deutschen Buchläden steht. Auf fast 400 Seiten schreibt der Berliner über alles, was ihn beschäftigt: Bäume, Angst, Familie, Kindheit, Autos und so ziemlich alles andere, was man sich vorstellen kann. Nur nicht über Rammstein. Das macht "Der Tastenficker" nicht weniger lesenswert. Obwohl Flake selbst meint: Biografien sind langweilig. Warum er trotzdem eine geschrieben hat, verriet er uns kürzlich am Telefon.

Hallo Flake, beginnen wir das Interview doch deinem Buch entsprechend. Dort schreibst du ganz zu Anfang, deine Lieblingsbäume wären Birken. Warum?

Das kommt aus meiner Kindheit in der DDR. Birken sind Bäume, die auch in unwirtlichen Situationen wachsen können. In Steinbrüchen zum Beispiel. Ich fand das faszinierend.

Ein Symbol für Durchsetzungsfähigkeit?

Das kann man so sehen, ja.

Du stellst im Buch viele Fragen und gibst dann meistens gleich mehrere Antwortmöglichkeiten. Zu verschiedensten Themen, auch großen Themen wie Leben, Sterben oder Unsterblichkeit. Glaubst du, es gibt für alles eine richtige Antwort muss die jeder für sich finden?

Nein. Eine vollkommene Wahrheit gibt es nicht. Es ist ja auch noch niemand zurückgekommen, der gestorben ist, der uns eine hätte erzählen können. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Ich habe einfach meine Gedanken niedergeschrieben. Ich will niemandem vorschreiben, was er zu denken hat. Das geht auch gar nicht.

Was war denn deine Hauptmotivation hinter dem Buch?

Ich lese sehr viel und sehr gern. Und ich habe schon immer Leute bewundert, die Bücher schreiben. Die eine Welt erfinden können, Geschichten erzählen. Ich wollte das auch mal machen. Nur habe ich gemerkt, dass ich das nicht kann. Etwas erfinden. Ich kann nur über das schreiben, was ich tatsächlich erlebt habe, meine Gedanken dazu wiedergeben. Und selbst das ist mir schwergefallen. Das alles zu ordnen und zu Papier zu bringen. Wenn man etwas denkt oder sagt ist das was ganz anderes als es aufzuschreiben.

Also war der ursprüngliche Plan, einen Roman zu schreiben? Etwas Erfundenes? Und erst als du gemerkt hast, dass du das zurzeit nicht kannst, bist du auf die Biografie umgestiegen?

Ja, genau so war es. Mich faszinieren erfundenen Welten und Geschichten. Biografien langweilen mich.

Naja, langweilig finde ich deine schon einmal nicht. Sie liest sich als wäre es ein einziger langer Gedankenstrom. Gerade sagtest du aber, es sei dir schwergefallen, deine Gedanken zu Papier zu bringen. Hast du demnach nicht in einem Fluss durchgeschrieben, sondern dir schon immer genau überlegt, wie du welchen Satz als nächstes schreibst?

Doch, doch, ich habe das in einem Stück durchgeschrieben. Ich habe die Sätze vor mich hingesagt, und überlegt wie ich sie am besten aufschreibe.

Wie lange ging denn eigentlich in etwa der Schreibprozess? Das Endprodukt ist ja doch recht umfassend.

Ich habe im Grunde recht kurz geschrieben. Letzten Mai habe ich angefangen. Im November habe ich abgegeben. Ich hatte Zeit, Sommerferien und so. Die reine Schreibzeit war aber vermutlich recht kurz. Ich habe über den ganzen Tag verteilt geschrieben. Das lief bei mir nicht geordnet, immer am Computer ab. Mal ist mir beim Spazierengehen ein Gedanke gekommen oder am Abend ... Eigentlich überall.

Und hast du alles ganz alleine gemacht oder hattest du einen Co-Autor?

Nein, alles alleine. Darum ging es ja: Ums schreiben. Nicht darum, eine Biografie zu schreiben. Ich habe auch im Nachhinein nicht viel geändert. Beim Lektorieren flogen halt ein paar Konjunktive raus oder so. Aber ich wollte es ja eben für mich machen. Ich wollte schreiben. Ich wollte sehen, ob ich das kann.

Was liest du denn selbst beispielsweise?

Wirklich alles was mir in die Finger kommt. Um mal einen Klassiker zu nennen: Dostojewski. Und so weiter. Aber da könnte ich stundenlang drüber reden.

"Ich versuche, dem Schlechten entgegenzuwirken"

Weil du vorhin meintest, du wolltest eigentlich einen Roman schreiben: Ist das für die Zukunft immer noch eine Option?

Ja, natürlich. Das will ich schon einmal machen. Ich habe auch schon eine Idee. Aber bevor dann doch nichts draus wird, verrate ich lieber noch nichts Konkretes. (lacht)

Du sprichst im Buch sehr viele verschiedene Themen an. Teilweise sehr komplexe, universelle Themen. Aber du brichst sie immer auf eine private, eher kleine Ebene herunter. Ist das für dich die beste Art, mit solchen teils philosophisch angehauchten Themen, umzugehen? Über den eigenen Erfahrungsschatz?

Ja, ich kann das auch nur auf diese Weise. Über das, was ich selbst erlebt habe.

Oft führst du auch Vergleiche an, die auf den ersten Blick nur wenig Sinn ergeben, dann aber auf eigene Weise doch auf die Situation passen. Das führt mich zu einer sehr allgemeinen Frage: Wie siehst du die Welt?

(überlegt) Hm, ich sehe die Welt einfach als unglaublich faszinierenden Ort. Ich glaube aber auch, dass der Mensch im Innersten doch eher schlecht ist. Wir stammen einfach zu sehr vom Raubtier ab. Aber ich versuche, dem entgegenzuwirken.

Im Verlauf des Buches bezeichnest du dich öfter als "das perfekte Opfer". Besonders in Bezug auf deine Kindheit. Wie erinnerst du dich heute an diese Zeit? Würdest du rückblickend etwas verändern wollen oder gehört das einfach dazu?

Naja, das menschliche Gehirn neigt ja generell dazu, schlechte Erinnerungen zu verdrängen. Das finde ich toll, das hilft auch. Ich erinnere mich an eine glückliche Kindheit. Klar gab es Kleinigkeiten, aber das war eben so. Das hat für mich auch nicht unbedingt eine negative Konnotation. Ich erinnere mich so daran, wie ich es aufgeschrieben habe.

Es kommt generell humorvoll, mit viel Selbstironie verpackt rüber.

Ich weiß gar nicht, ob ich mich als humorvollen Menschen bezeichnen kann. So erinnere ich mich nun mal an Dinge. Da kann ich nichts dafür. (lacht)

"Lesen hat noch niemandem geschadet"

Wie du ja auch im Schlusswort feststellst, schreibst du im Grunde gar nichts über Rammstein. Eigentlich sollte man doch denken, dass die Band einen großen Teil deines Lebens ausmacht oder?

Da müsste ich erst mit den anderen sprechen. Wir werden ja vielleicht mal eine Bandbiografie schreiben. Rammstein bin schließlich nicht ich alleine, sondern noch fünf andere Leute. Und meine Sichtweise auf die Band stimmt nicht unbedingt mit der der anderen überein.

Dieses Buch bin eben nur ich. Das sind meine Erinnerungen. Klar hat mich Rammstein geprägt und ist ein großer Teil meines Lebens. Aber im Buch geht es nicht um Rammstein, sondern um mich als Persönlichkeit.

Siehst du das dann als Problem, wenn Leute dich nur als Teil von Rammstein sehen bzw. dich nur auf das reduzieren und das Buch deshalb kaufen?

Das wird passieren, keine Frage. Das kann ich nicht verhindern. Aber es wird sich hoffentlich rumsprechen, dass das Buch eben keine Rammstein-Biografie ist. Vielleicht sind manche enttäuscht, aber das kann ich nicht ändern. Lesen hat sicherlich noch niemandem geschadet.

Bei Rammstein spielt Provokation ja eine recht große Rolle. Dein Buch hat damit ja im Grunde gar nichts am Hut. Am ehesten geht da der Titel "Der Tastenficker" in diese Richtung, aber wirklich provokant ist das ja nun nicht. Oder siehst du das anders?

Nein, in dem Titel sehe ich überhaupt keine Provokation. Meine Bekannten, denen ich den Titel gezeigt habe, haben alle herzlich darüber gelacht. Das war im Osten ein ganz normaler Begriff für Keyboardspieler. So wie Schießbudenmann für einen Schlagzeuger.

Das Buch als Gegenentwurf zur Band zu sehen, ist zu weit gegriffen nehme ich an, oder?

Ja, das auf jeden Fall. Ich habe es ja nicht geschrieben, um mich von irgendetwas abzugrenzen oder Pole zu schaffen. Das sind einfach meine Gedanken und ich habe sie aufgeschrieben - ohne große Absicht.

Till startet gerade sein neues Soloprojekt, Richard macht Emigrate. Könnte man "Der Tastenficker" eventuell als dein Soloprojekt beschreiben?

Hm, ich weiß nicht. Es ist zwar mein Ding, aber es ist doch etwas ganz anderes. Als Soloprojekt in diesem Sinne würde ich es nicht beschreiben.

Du gibst demnächst eine ganze Reihe begleitende Lesungen. Weißt du schon, wie du diese aufziehen wirst?

Nein, damit habe ich mich ehrlich gesagt noch gar nicht beschäftigt. Ich weiß noch nicht so richtig, wie ich das machen soll. Ehrlich gesagt habe ich sogar ein bisschen Angst davor. Ich war nur einmal auf einer Lesung und das war irgendwie komisch. Der Autor saß da und las aus seinem Buch vor und um ihn herum hockten lauter Omis. Total unspannend. Aber mir fällt ehrlich gesagt auch nichts Besseres ein. Wenn jemand Vorschläge hat - ich bin offen dafür. Aber die Leute wollen ja, dass ich dort etwas vorlese, also lese ich eben etwas aus dem Buch vor.

Weißt du schon in etwa, welche Stellen?

Nein, keine Ahnung. Ich habe das Buch auch noch nicht einmal komplett von hinten nach vorne durch. Ich muss erstmal nachsehen, was ich da überhaupt alles so geschrieben habe. Aber wahrscheinlich lese ich eher die einfachen Stellen. Von meinem ersten Auftritt oder meiner Werkzeugmacherlehre zum Beispiel. Ich lasse das einfach auf mich zukommen.

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