laut.de-Kritik

Ihre Zukunft ist so hell, sie brauchen Sonnenbrillen.

Review von

Wenn er nicht gerade laut.de-Autoren nahelegte, ihre Johnny-Rotten-Poster abzuhängen, war Conor Mason in 2020 eher mit sich selbst beschäftigt. Der Nothing But Thieves-Sänger hatte plötzlich die Zeit, den gelegentlich auftretenden Problemen seiner psychischen Verfassung auf den Grund zu gehen, um sich dadurch "besser in den Griff zu bekommen." Für seine Fans schnappte er sich die Akustische und schrubbte Coverversionen vor der Laptop-Kamera, im Falle von "Creep" beeindruckender als der Originalinterpret.

Anfang des Jahres glomm dann die nachvollziehbare Hoffnung auf, aufgrund der guten Impfstoffverteilung in Großbritannien "Ende des Jahres ein paar Konzerte" spielen zu können. Diese Hoffnung besteht nach wie vor. Zumal die Band aus Essex kurz davor steht, den Traum aller Künstler*innen aus Großbritannien zu verwirklichen: Einmal in der Londoner 02 Arena aufzutreten.

Weil dann im Oktober aber auch schon wieder ein Jahr seit "Moral Panic" vergangen ist, servieren Nothing But Thieves nun einen Nachschlag, der noch einmal unterstreicht, auf welchem Niveau die Briten mittlerweile unterwegs sind. "Moral Panic II" kommt im EP-Format daher, beinhaltet aber nicht etwa Outtakes, die man letztes Jahr nicht mehr auf dem dritten Studioalben haben wollte, sondern frisch komponierte Songs. Ein Schnellschuss, der auch ein Label wie Sony Music überforderte, denn die Presswerke sind momentan heillos überfüllt, so dass die EP zunächst nur digital erscheint.

Doch das Warten der Vinyl- und CD-Liebhaber lohnt sich, Nothing But Thieves zeigen sich absolut "Futureproof" und legen fünf Songs vor, die den eingeschlagenen Weg konsequent weiter gehen. So dockt "Futureproof" direkt an "Can You Afford To Be An Indivdual?" an, düsteres Riffing vermischt sich mit subtiler Elektronik und dem kraftvollen Drumming von James Price, das im Refrain im Doppel mit dem Lead-Riff fast schon Nu-Metal-Vibes transportiert. Selbst ein QOTSA-Gedächtnisbreak kommt absolut authentisch rüber, Kopistenalarm besteht bei NBT sowieso schon nicht, weil im Mittelpunkt stets Conor Masons Ausnahmestimme thront.

"If I Were You" macht eine Kehrtwende in Richtung Pop und rückt eine weitere Paradedisziplin des Quartetts in den Fokus: Wie harmonisch sich die rein synthetische Bridge hier aus einer Riffwand heraus schält, bevor Mason mit seinem Matt-Bellamy-artigen Schmerzorgan den Bogen zurück zur alten Songstruktur schlägt, ist schon meisterlich. Das eingängige "Miracle, Baby" führt die Band zurück in ihre O2-Arena-Traumwelt, wo es um brennende Feuerzeuge geht und hymnische Mitgröl-Refrains.

In "Ce n'est Rien" wird die Laut-Leise-Dynamik dann auf die Spitze getrieben wie man es sonst nur von Awolnation kennt. Nothing But Thieves landen damit irgendwo bei auf Krawall gebürsteten Foo Fighters, was für viele Bands ein Ritterschlag wäre, hier aber - aufgrund der übrigen Songs - fast schon einen Schwachpunkt der EP markiert. Denn mit der Emo-Ballade "Your Blood", die sich in ein sattes Rockfinish hineinsteigert, ziehen Nothing But Thieves einfach noch mal alle Register ihres Könnens. Gänsehautalarm. In aktuellen Interviews muss sich Mason sichtbar zurück halten, um nicht versehentlich von den Songs zu erzählen, an denen die Band im Moment gerade arbeitet. The future's so bright, they gotta wear shades.

Trackliste

  1. 1. Futureproof
  2. 2. If I Were You
  3. 3. Miracle, Baby
  4. 4. Ce n'est Rien
  5. 5. Your Blood

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