laut.de-Kritik

Ein Album voller ergreifender Schönheit zum Hinwegdriften.

Review von

Anfang 2018 veröffentlichte der in Berlin lebende Hamburger Klangtüftler und Multiinstrumentalist Nils Frahm mit "All Melody" sein bis dato anspruchsvollstes und gleichzeitig brillantestes Werk. Um diese Essenz aus zwei Jahren Arbeit und über 200 Stunden Musikmaterial realisieren zu können, rekonstruierte Frahm im Vorfeld des musikalischen Entstehungsprozesses das Studio Saal 3 im altehrwürdigen Funkhaus Berlin (ehemals Sitz des Rundfunks der DDR) und stattete es, auf der Suche nach seinem ganz eigenen Soundkosmos zwischen zeitgenössischer Klassik, Ambient und Electronica, komplett mit Tasteninstrumenten, analogen Synthesizern und sonstigen nicht-digitalen Tonwerkzeugen aus.

Zeitgleich zu den Arbeiten für "All Melody" entstanden weitere Stücke, die der begnadete Experimentalist erst im Studio und später live auf der Bühne während seiner Konzerte ausarbeitete. Das Konzept hinter diesen Stücken: Drei einzelne EPs unter dem Namen "Encores" einzuspielen, von denen jede ihre spezifische musikalische Stilistik und Thematik aufweist und die sich dadurch grundlegend von den jeweils anderen unterscheidet. Alle diese EPs finden sich auf dem jetzt veröffentlichten "All Encores" chronologisch zusammengefasst auf einem Tonträger. "Ich denke, die Idee von 'All Encores' ist gewissermaßen mit klanglichen Inseln zu vergleichen, die "All Melody" einrahmen" kommentiert Frahms sein aktuellstes Release.

Auf dem aus fünf Songs bestehenden ersten Teil "Encores 1" widmet sich der 37-Jährige fast ausschließlich jener Disziplin, die er auf "All Melody" eher nutzt, um akzentuierte Zwischentöne zu setzten: dem klassischen Klavierspiel. Entsprechend ist dieser Teil stark geprägt vom Erforschen rein akustischer Klangwelten. Frahm setzt dabei einen dominanten Fokus auf fast schon pastoral wirkende, sehr langsam dargebotene Stücke, die er mit seinem wunderbar warm klingenden Klavier in lieblich-sanfte Harmonien und Melodien hüllt.

Stets zu hören: Die für Frahm so charakteristischen, ornamentierenden Vorschlagsnoten sowie die ostinaten Bässe, über denen er wie ein Klangarchitekt seine faszinierenden Tongebäude aufschichtet. Schon der zärtlich tönende Opener "The Roughest Trade" macht dies deutlich und weckt dabei klar Assoziationen an sein bereits vor zehn Jahre veröffentlichtes, komplett improvisiertes Klavieralbum "Wintermusik".

Diese in sich gekehrte Grundstimmung setzt sich über den gesamten Verlauf des ersten Teiles fort. Daneben baut der Tastenmagier auch außermusikalische Elemente des Innehaltens in seine Songs ein. Dazu zählt nicht nur, dass bei allen diesen Klavierstücken das dezente Klappern der Tastenanschläge hörbar ist, was den Aufnahmen in gewisser Weise ein erdendes, körperliches Element verleiht. Nach dem Ende von "Ringing" ist zudem deutlich vernehmbar, wie Frahm sich eine Zigarette anzündet, entspannt ausatmet und erst dann mit dem nächsten Stück "To Thomas" beginnt. Der auf einem Harmonium gespielte, sehr elegische Elfminüter "Harmonium In The Well" ist der beschließende Höhepunkt des ersten Teils.

Gegensätzlich hierzu setzt Frahm auf dem in einem mallorquinischen Steinbrunnen aufgenommenen und vier Songs starken Mittelteil "Encores 2" vermehrt auf Ambient-Texturen. Im verträumten und hallverwaschenen, von Akkordbrechungen geprägten "Sweet Little Lie" und dem repetitiven, fast unmerklich fortschreitenden "A Walking Embrace" knüpft er ästhetisch noch an "Encores 1" an, erweitert aber mit einem Marimbaphon dessen Klangspektrum. Dieses baut er mit dem andächtigen und in die Ferne schweifenden "Talisman" nochmals aus, da er ab hier auch explizit elektronische Töne mit einbezieht.

Tatsächlich lebt das enorm getragene und stark reduzierte "Talisman" vollständig von seinen an- und abschwellenden Ambient-Klangwolken, die wie die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm, auf das furiose Finale des Mittelteils "Spells" hinführen. Nach einem kurzen und überaus unprätentiösen Vorspiel mit Marimbaphon und Cello entpuppt sich dieses als zwölfminütige, kaleidoskopartig in sich kreisende Synthie-Orgie, die glatt als Klaus Schulze-Reminiszenz durchgeht und die die große Klasse eines Nils Frahm beeindruckend aufzeigt.

Der dritte und letzte Teil der "Encores"-Reihe schließlich ist zweigeteilt und dient ihm vorzugsweise dazu, die rhythmischen und elektronischen Aspekte seiner Musik tiefer zu erkunden. Das Klavier sucht man im Gegensatz zu den anderen beiden Episoden in diesem Teil vergebens. Nach dem äußert kurzen Interludium "Artificially Intelligent", bei dem er die 'Verrückte Professor'-Orgel seiner Shows in einer Art Tonexperiment gemeinsam mit dem Harmonium in den Mittelpunkt rückt, konzentriert sich Frahm in "All Armed", der vorab veröffentlichten Auskopplung aus "Encores 3", vollständig auf das perkussive Element seines Schaffens.

In zwölf Minuten bahnt er sich, geprägt durch ein sich stetig wiederholendes zweitöniges Keyboardpattern im Bass, seinen Weg durch ein dunkel klingendes und stetig pulsierendes rhythmisches Geflecht. Hier und da scheinen wie von Geisterhand enigmatische Flöten-Melodien aufzusteigen und schwerelos erscheinende Stimmen hindurch zu schweben. Dass dies zu jederzeit spannend und sehr lebendig klingt, ist dem treffsicheren Gespür des musikalischen Geschichtenerzählers für eine narrative Dramaturgie geschuldet. Innerhalb dieser arbeitet er mit kleinen, aber sehr raffiniert eingesetzten Verschiebungen und warmen Sequenzen.

"All Armed" ist für Kenner von Frahms Musik dabei keineswegs unbekannt. Bereits seit 2015 ist dieser Song Bestandteil seines Live-Repertoires. Besonders die absolut herausragende Live-Version seines 2015er Gastspieles auf dem Montreux Jazz Festival sei an dieser Stelle für interessierte Hörer empfohlen.

Das sich über einen Zeitraum von 14 Minuten erstreckende finale und rein elektronische Stück "Amirador" ist der kontemplativste Song auf "All Encores". Die sehr langsamen, fast statischen, aber immer majestätisch-warmen Synthie-Orgeltöne und Akkorde des Stückes wirken wie ein hypnotisierender Ambient-Sog und lassen wie in einem endlosen Bewusstseinsstrom Bilder aus weiter Ferne vor dem geistigen Auge vorüberziehen. Der Rezipient findet sich mit seiner Phantasie als heimlicher Protagonist des Songs wieder.

Frahm hüllt den Hörer dabei so andächtig in sonische Watte ein, dass die Zeit komplett still zu stehen scheint. Überhaupt spielt die Zeit in diesem entschieden behäbigen Stück absolut keine Rolle. Die Sound-Gebilde klingen am Ende von "Amirador" so langsam aus, dass es anfangs nicht auffällt. Fast unmerklich versinken sie in einem sehr leise tönenden weißen Rauschen, das ebenso langsam und über den Verlauf eines mehrere Minuten andauernden Diminuendos ausklingt. Es ist die Vollendung seines von John Cage inspirierten Credos, dass "Stille heute radikaler als Lärm ist". Dann, irgendwann nach einem nicht mehr spürbaren Zeitraum, schaltet Nils Frahm hörbar klickend einfach ab und überlässt die Hörerschaft sich selbst.

"Ich bin daran interessiert, wie Menschen in gewissen Situationen reagieren und was Musik mit ihren Emotionen macht. Daran, wie wir die Haltung von Menschen mit Tönen [hin zur Glückseligkeit] verändern können ... Das ist meine Religion", kommentiert Ausnahmemusiker Frahm in einem Interview mit The Quietus sein spirituelles musikalisches Schaffen. Mit dem durchgängig organisch-warmen "All Encores" liefert er voller ergreifender Schönheit mit kontrapunktischer Langsamkeit eine bewusst gesetzte Antithese zur überbordenden Alltags-Hektik und dem Lärm der modernen Gesellschaft. Das macht dieses Album zu einem komplementierenden und mehr als würdigen Nachfolger von "All Melody", voller erhabener Momente zum Hinwegdriften. Musik um der Musik Willen in Reinform!

Trackliste

  1. 1. The Roughest Trade
  2. 2. Ringing
  3. 3. To Thomas
  4. 4. The Dane
  5. 5. Harmonium In The Well
  6. 6. Sweet Little Lie
  7. 7. A Walking Embrace
  8. 8. Talisman
  9. 9. Spells
  10. 10. Artificially Intelligent
  11. 11. All Armed
  12. 12. Amirador

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1 Kommentar

  • Vor 4 Jahren

    Ziemlich untergegangen, wenn ich daran denke, wie begeistert All Melody hier aufgenommen worden ist.

    Das Konzept mit den drei Klanginseln als nachträgliche Umrahmung ist eine ganz nette Spielerei, finde ich. Der letzte Titel scheint dabei jeweils einen Vorgeschmack auf den nächstel Teil geliefert zu haben, jedenfalls habe ich als Nur-das-Gesamtpaket-Kenner beim Tippen der Trennlinien entsprechend danebengelegen, obwohl die Unterschiede in Stil und (teils) auch Instrumentenwahl schon recht deutlich sind. Führt unter anderem dazu, dass meine Frau bei den ersten (Klavier-)Stücken noch interessiert nachfragen und ausdrücklich die Musik loben, bei "Spells" dann aber entnervt um Lärmstopp bitten kann (Moin Maddin, ich weiß, aber ich gebe mein Bestes...).

    Mir selber gefällt "Spells" ziemlich gut, den übrigen 2. Teil einschließlich gefühltem Intro "Harmonium In The Well" finde ich aber ein bisschen langweilig. Und weil es mir mit dem abschließenden, aber irgendwie trotzdem nicht so recht enden wollenden "Amirador" ähnlich geht, bin ich mit der reduzierten Aufmerksamkeit diesmal einverstanden. Dass Nils Frahm eh kein wirklich schwaches oder auch nur mittelmäßiges Album rausbringen kann, sollte klar sein...