laut.de-Kritik

Tool-Chef Maynard James Keenan als Winzer im Wilden Westen: "Warum betrinken sich Menschen eigentlich?"

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Die Assoziation ist unzweideutig. Wie Jesus einst Wasser zu Wein vewandelte, zaubert Rock-Heiland Maynard James Keenan auf ausgedörrtem Wüstenboden leckere Tröpfchen. Der Tool-/A Perfect Circle-/Puscifer-Fronter ist seit Mitte der Neunziger Winzer. Davon handelt dieses von Ryan Page und Christopher Pomerenke in Kinoqualität gefilmte Material.

Und natürlich liefern die Autoren keine spröde Infodoku im Stile der dritten Programme ab, sondern verquicken die Story eines auf den ersten Blick exzentrisch wirkenden Rockstarhobbies mit harten Fakten rund um die Herausforderungen des Weinanbaus: die Weinherstellung, Weinkreation, den Weingenuss und auch die Weinkritik. Doch immer bevor es zu infolastig wird, fährt die Regie mit einer satten Portion nerdiger Comedy in die Parade.

So sieht man den völlig geerdet wirkenden und sympathisch ruhigen Maynard regelmäßig in einer Fake-Talkshow mit den US-Komikern Tim Heidecker und Eric Wareheim (zum Schreien, die Typen) - die selbstverständlich durchweg vor den Gefahren des Trinkens warnen - und seinen Wein dissen. In den Staaten läuft der Streifen übrigens im Kino.

Von der ersten Minute an staunt man, wie sich der ansonsten öffentlichkeitsscheue Keenan, der auf der Bühne gerne ganz hinten steht, mit seiner zweiten Leidenschaft von der Kamera porträtieren lässt - obgleich es natürlich um Promotion geht: Wer weiß schon, dass in Arizona Wein angebaut wird? Aber dass man Maynard sogar auf der Kloschüssel sitzen sieht?

Nun, der Rocker bezeichnet die Weintraube auch als "göttliches Wesen". Das mag viel erklären. Primus-/Puscifer-Drummer Tim Alexander zeigte ihm einst den Ort Jerome in der Hochwüste Nord-Arizonas. Tourerinnerungen an Europa mit Busfahrten durch Weinanbaugebiete kamen dazu - so gebar Maynards Hirn irgendwann die Idee. Die andere Conditio sine qua non für die Umsetzung des Projekts: der studierte Weinfachmann Eric Glomski.

Ihn traf Keenan vor Ort: Die Philosophie, Ökologie und Ökonomie in Einklang zu bringen, eint beide. Dazu kam der Wille, etwas Einzigartiges im US-Weinbau auszuprobieren. Diese besondere Story erzählt die Doku aus verschiedenen Perspektiven: Man erfährt etwas über die Beschaffenheit des Bodens, auf dem der Tool-Cabernet gedeiht, über die Wirtschaftsstruktur der Region oder auch die Geschichte des Weinanbaus im Westen. Die Kamera begleitet Maynard und Eric auch auf einer Weinpromotour.

Dazu kommen Gastauftritte (z.B. Milla Jovovich) und unterhaltsame Anekdoten. Etwa, wie es sich anfühlt, wenn ein Typ, der mehr als 30 Millionen Platten verkauft hat, im schwarzen Wagen in einem Kleinstädtchen vorfährt, um Winzer zu werden (ein Grund: Man braucht jede Menge Zaster). Neben bildschönen Naturaufnahmen, Besuchen in Weinkellereien oder einem Blick auf die tägliche Arbeit am Weinberg wird Fragen nachgegangen wie: Warum betrinken sich Menschen eigentlich? Oder: Weshalb baut Keenan überhaupt Wein an?

Keenan schätzt das Wühlen in der Erde mittlerweile mehr als das Touren - und das meint er wohl ernst: Die Asche seiner Mutter verstreute er vor Jahren über dem Weinberg - eine der wenigen traurigen Momente der DVD. Aufregend gerät zum Ende des Films auch der Auftritt des Weinkenners James Suckling, der extra aus Italien einfliegt, um Keenans Tropfen zu testen. Ein großartiges Stück Info-Comedy.

Trackliste

  1. 1. Hauptfilm
  2. 2. Bonusmaterial

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14 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    auf a perfect circle bin ich auch gespannt, thirteenth step ist einfach grandios.

  • Vor 2 Jahren

    @satanic667 (« auf a perfect circle bin ich auch gespannt, thirteenth step ist einfach grandios. »):

    Und gleich nochmal WORD - ihr bestes Werk bis dato und indiskutabel eine der besten "Rock"-Platten des letzten Jahrzehnts!

  • Vor 2 Jahren

    @hibb (« klingt ja ganz lustig, aber irgendwie denke ich wenn ich sowas lese, dass er mittlerweile kein bock mehr hat zu musizieren, jedenfalls auf Tool. Als wenn nur musiziert um sich seinen traum von einer weinplantage erfüllen zu können. »):

    Dieses Thema kommt in "Blood into Wine" auch zur Sprache. Das Weingut hat mittlerweile einen großen Stellenwert in MJKs Leben eingenommen. Zu den aktivsten Zeiten von Tool sagt Maynard, er sei damals häufig depressiv gewesen und es ging ihm schlecht. Daher war Tool für ihn wortwörtlich ein Werkzeug, seine Probleme zu verarbeiten. Mittlerweile hat er die meisten davon hinter sich gelassen und es geht ihm im Gesamten besser. Daher ist es für ihn sehr anstrengend geworden, mit Tool unterwegs zu sein und er kümmert sich derzeit eben lieber um sein Weingut. Kurzfassung beendet.