laut.de-Kritik

Hundert berauschende Farben lassen uns die Musik sehen.

Review von

Als Anfang der 1990er der Grunge um mich herum tobte, begann ich mich mehr und mehr für die Vergangenheit zu interessieren. Ich hörte mich durch die staubigen Platten von Frank Zappa, Led Zeppelin, David Bowie, The Doors, Pink Floyd, The Velvet Underground, Jethro Tull, Genesis oder Can. Nur um über diesen Weg beim Jazz von Miles Davis, Weather Report, Charles Mingus, Duke Ellington oder John Coltrane anzugelangen. An ein Album traute ich mich jedoch nicht, allein, weil das Cover in mir Angst und Unbehagen hervorrief. Erst viele Jahre später entdeckte ich, was für einen Meilenstein ich mir auf diese Weise mit King Crimsons "In The Court Of The Crimson King" für später aufgehoben hatte.

Die verschreckende und alarmierende Zeichnung des Computer-Programmierers Barry Godber, der drei Monate nach Veröffentlichung an einem Herzinfarkt verstarb, übt auch heute noch eine bedrückende Faszination aus. Ein vor Schmerz und Wahn schreiendes Gesicht in Rosa und Blau. Wer das Cover einmal gesehen hat, vergisst es nie wieder. In seinen vielen Facetten beschreibt es vorab die Innovation und die Intensität, die nach wie vor vom King Crimson-Debüt ausgeht. "Peter Sinfield brachte das Bild und die Band war begeistert", erzählte Gitarrist Robert Fripp in einem späteren Interview. "Die Zeichnung auf der Außenseite ist der "Schizoid Man" und das auf der Innenseite der "Crimson King". Wenn man dessen Lächeln bedeckt, verraten die Augen eine unglaubliche Traurigkeit. Was kann man noch hinzufügen? Es spiegelt die Musik wieder."

Später sorgte das Cover im Genesis-Proberaum für Inspiration und Motivation. Während Yes, Van Der Graaf Generator und Jethro Tull dem von King Crimson eingeschlagenen Weg folgten und erweiterten, suchten sich diese ihren eigenen Stil noch mühsam aus den unterschiedlichsten Ecken, Perioden und den verschiedenen Einflüssen der Mitglieder zusammen. Sie verweigerten sich dem über die Sechziger allgegenwärtigen Blues und erschufen mit handwerklicher Perfektion ihre revolutionäre Vision aus Rock, Folk, Jazz, Klassik und Renaissance. Den Funken, der aus der ersten Welle der progressiven Bands wie The Moody Blues, Procol Harum und Pink Floyd entsprang, verbanden King Crimson mit den Beatles, Frank Zappa, Iron Butterfly, Fairport Convention, Nick Drake, Wes Montgomery, Stravinski und vielem mehr. Songtexter Peter Sinfield wollte die Band gar in die Klangwelten von Weather Report und Miles Davis' "Bitches Brew" bewegen. Es sollte vier Jahre dauern, bis Pink Floyd mit "The Dark Side Of The Moon" ein ähnlich wegweisendes Werk des Genres gelang. Auchheute findet man direkte Spuren vom King Crimson-Debüt in Alben wie Steven Wilsons "The Raven That Refused To Sing".

Die Schwangerschaft zwischen der ersten Bandprobe im Januar 1969 im Keller des Fulham Palace Café in London bis zur Veröffentlichung des "In the Court of the Crimson King"-Giganten dauerte traditionelle neun Monate. Ein Auftritt im Vorprogramm der Rolling Stones am 5. Juli 1969 im Londoner Hyde Park, bei dem die Mannen um Jagger und Richards des gerade verstorbenen Gitarristen Brian Jones gedachten und ihr neues Mitglied Mick Taylor vorstellten, machte King Crimson bereits vor Veröffentlichung einer in mehrerlei Hinsicht breiten Menschenmasse bekannt.

Gemeinsam verschieben die Neuankömmlinge Robert Fripp, Greg Lake, Michael Giles, Ian McDonald und Peter Sinfield die Grenzen eines Genres, das es im Grunde noch gar nicht gibt. Ihre ausufernden Songs dominieren lange Instrumentalteile, dunkle surreale Themen, harmonische Komplexität und das Mellotron. Sie nutzen die im Vergleich zu heute beschränkt wirkenden Studio-Techniken bis zum Optimum aus. Auf gerade einmal acht Spuren, von denen zwei bereits das Schlagzeug für sich beanspruchen, klingen King Crimson wie ein überdimensionales Ensemble. "Wir waren Kinder, denen man ein Studio zum Spielen gegeben hatte", erinnert sich Ian McDonald.

Ohne sich je breitbeinig in den Vordergrund zu stellen, nähert sich Robert Fripp, der 'Mr. Spock Of Rock', seiner Gitarre auf eine ganz eigene experimentelle, auf den Klang konzentrierte Weise. Begleitet er eben sanft und elegant, entlockt er im nächsten Moment seinem Instrument harte Riffs und Wehgeschrei. Greg Lake, der später mit Emerson, Lake And Palmer eine der erfolgreichsten Gruppen der 1970er gründete, singt allmächtig und wehmütig, mal verzerrt, mal elegisch. Sein tief schnurrender Bass bildet die Brücke zwischen Fripps Gitarre und Michael Giles exaktem und ideenreichem Schlagzeugspiel.

Von den Autoren Michael Moorcock, J. R. R. Tolkien und Mervyn Peake beeinflusst, verpackt Peter Sinfield seine zeitkritischen Texte, doppeldeutige Abrechnungen mit Vietnam und dem Establishment, in bildreiche und psychedelische Welten. Ian McDonald taucht die Schöpfungen mit Saxophon, Flöten, Klarinette, Vibraphon und Mellotron in hundert berauschende Farben und lässt uns die Musik sehen.

Der bombastische Opener "21st Century Schizoid Man" bricht nach kurzer Aufwärmphase wie biblische Plagen herein. Regen, Hagel, Finsternis. Heuschrecken und Frösche bedecken das Land, schwarze Blattern befallen Mensch und Vieh. Das Paradies ist verloren. In einem aufsässigen Riff reichen sich Gitarre und Saxophon die Hand, bevor Lake mit verzerrt zerfetzten Vocals den Höllensturz ausruft. "Blood rack barbed wire / Polititians' funeral pyre / Innocents raped with napalm fire / Twenty first century schizoid man."

Mit einer schier unglaublichen Dynamik biegen King Crimson, deren Name als Synonym für Beelzebub, den Fürsten der Dämonen steht, in Richtung eines dröhnenden, vom Bebop inspirierten und mit rhythmischen Brüchen und siedenden Unisono-Läufen durchzogenen Instrumentalteils ab. Wütende Ausbrüche an Schlagzeug, Bass und Saxophon begleiten Fripps infernales Solo.

Nach dem Sturm folgt fragile Ruhe. "I Talk To The Wind". Eine einfache und liebliche Ballade, in der sanfte Flöten die Rolle des Windes übernehmen. Während Giles Schlagzeug die Melodien bezirzt und betont, gibt sich Lake dem Lied selbstvergessen hin: "Said the straight man to the late man / Where have you been / I've been here and I've been there / And I've been in between."

"Epitaph" malt düstere Schatten und Zukunftsvisionen an die Wand, die uns heute wohl noch realer und bekannter vorkommen als anno 1969. "Knowledge is a deadly friend / When no one sets the rules / The fate of all mankind I see / Is in the hands of fools." Das dramatisch ansteigende Mellotron, die melancholisch klagenden Flöten, die prunkvollen Streicher und Fripps meisterlich ins Bild passende akustische Gitarre bieten den perfekten Rahmen für Lakes leidenschaftlichen Gesang. Wohl seine beste Leistung auf "In The Court Of The Crimson King." "But I fear tomorrow I'll be crying."

Wie die meisten Songs besteht auch "Moonchild" mit "The Dream" und "The Illusion" aus mehreren Teilen. Die Unterteilungen nahmen King Crimson jedoch erst vor, nachdem sie hörten, dass sie für mehr Stücke auf dem Longplayer auch mehr Geld erhalten würden. Die ersten zweieinhalb Minuten tanzt das Mondkind über die nächtliche Wiese einer unschuldigen Ballade. Den dumpfen Klang seines Schlagzeuges erreicht Giles in dem er seine Instrumente mit Handtüchern abdeckt.

Der mit "The Illusion" betitelte zweite Teil von "Moonchild" gerät zum Stolperstein des Albums und scheidet bis heute die Geister. Ein instrumentaler Trip, frei und nahe am Stillstand improvisiert und ohne jegliche greifbare Form. "Dreaming in the shadow of the willow". Ein Klang-Gemälde mit dem sich Fripp mittlerweile derart unzufrieden zeigt, dass er es in der mit Steven Wilson entstandenen 40th Anniversary Edition um drei Minuten kürzt.

Mit dem mittelalterlichen Titeltrack schließt der scharlachrote König in einem mitreißenden Finale den Vorhang vor seinem Puppenspiel. Der Hüter der Schlüssel, die schwarze Königin und die Feuerhexe tanzen zu einem Trauermarsch einen letzten Reigen. "Niemand sagt je die Wahrheit. Wir wurden von Königen, Fürsten und Päpsten belogen, die einzig und allein ihre Macht behalten wollten", erklärt Sinfield "The Court Of The Crimson King".

Zu Flöten, klassischer Gitarre, Streichern und Greg Lakes eindringlicher Stimme erhebt sich ein ebenso mächtiger wie beunruhigender Chor aus Männerstimmen. Ian McDonalds Mellotron übernimmt mehr und mehr die Hauptrolle, Giles zeigt seine Glanzleistung, bis schließlich zum verstörenden Abschluss die Puppen tanzen. "The yellow jester does not play / But gently pulls the strings / And smiles as the puppets dance / In the court of the crimson king."

Schneller als es die erste King Crimson-Formation das Licht der Welt erblickte, brach sie auseinander. Während der auf das Album folgenden Tournee verließen Ian McDonald und Michael Giles die Band. Ihnen war die eigene Musik zu paranoid, düster und gefährlich. "Mein Magen fühlte sich wie ein schwarzes Loch an", erinnert sich Robert Fripp. "King Crimson waren alles für mich. Um die Band zusammenzuhalten, bat ich ihnen an, an ihrer Stelle zu gehen. Aber Ian meinte nur, King Crimson bestünde mehr aus meinen Ideen als aus ihren." Das einzige, was über die nächsten Jahre Bestand haben sollte, waren die ständigen Besetzungswechsel. Die einzigen Konstanten blieben die Veränderung und Fripp.

Manchmal packt mich noch immer der Grusel und die Angst, sobald mein Blick auf Barry Godbers Vermächtnis, die Fratze des "Schizoid Man", fällt. Doch bin ich mir nun bewusst, welch Perfektion sich über all die Jahre hinter diesem Zerrbild vor mir versteckt hielt. Was die fünf Musiker in der kurzen Zeit, die ihnen gemeinsam gegeben war, mit "In The Court Of The Crimson King" geschaffen haben, definiert bis heute das ganze Genre. Sie formten ein bahnbrechendes Epos und zeitloses Kunstwerk, brillant und intensiv. Obwohl ihr Erstling am Anfang einer langen Entwicklung stand, erreichten nur wenige Progressive Rock-Alben überhaupt noch einmal dieses Niveau.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. 21st Century Schizoid Man
  2. 2. I Talk to the Wind
  3. 3. Epitaph
  4. 4. Moonchild
  5. 5. The Court of the Crimson King

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LAUT.DE-PORTRÄT King Crimson

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16 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Wurde auch Zeit! :D

    Crimsonnote, nun sollst du endlich deinen Seelenfrieden finden.

  • Vor 3 Jahren

    Unverschämtheit! Dass sich ausgerechnet dieser Groschenromanautor Kabelwurz an solch einem Meisterwerk... :D

    Fein, Fein. Hier sollte man mal einige deiner "Fans" hinleiten, die dir vor allem anderen vorwerfen, dein "Handwerk" nicht zu beherrschen. ;)

    Zum Stein selbst: Über jeden Zweifel erhaben. War Teil meiner "Erziehung" - da hab ich das aber noch "rebellisch abgelehnt". Musste selber erst Mitte 20 werden, um das doch noch als das annehmen zu können, was es ist.

    • Vor 3 Jahren

      "[..] klingen King Crimson wie ein überdimensionales Ensemble und kredenzen auf transzendenten Tendenzen."

      Naja, SK's gelegentliche Ausflüge ins Laberland jagen einem nach wie vor ein paar Schauer übern Rücken. Aber immerhin beweist der gute Mann Geschmack...

    • Vor 3 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Jahren

    Jawoll, jawoll, jawoll! Es wundert mich, dass das Album nicht schon längst in der Datenbank gewesen ist. Ist halt wirklich eines der Werke, an welches ich zeurst denken muss, wenn ich den Begriff Klassiker höre.

  • Vor 3 Jahren

    Gewiss ein würdiger Meilenstein. Allerdings kann ich mit dem Gesang nicht anfreunden.

  • Vor 9 Monaten

    KC Court of ...

    Wenn man eure Besprechung hier (und die bei Wikipedia) dieses (doch) bahnbrechenden Albums liest drängt sich einen immer mehr der eh schon längere Verdacht auf ,dass die meisten großen wichtigen Bestandteile gar nicht von Robert Fripp selbst, sondern von McDonald und vor allem Greg Lake stammen...

    McDonald konnte sein Talent auf seinem Nachfolger Album mit Giles nach der Trennung von Crimso nicht wirklich unter Beweis stellen, das Album " McDonald and Giles" plätschert doch etwas zu leichtfüßig daher.

    Eher kommt ihm (Fripp) wohl die Stellung des Mentors und eine gewisse Fähigkeit, ähnlich wie bei seinem alten Freund Brian Eno, auch andere Musiker zu Höchstleistungen und so zu solch außergewöhnlichen Resultaten zu "bewegen" zu.

    Allerdings muss ich betonen das Fripps Gitarrenspiel göttlich ist, fast immer wenn er zu seinen "Frippertronic" artigen Solos ansetzt geht für mich die Sonne auf... da ist jemand im Direktkontakt mit der göttlichen Kraft der Musik...!

    Was sein kompositorisches Können anbelangt lässt es sich nicht genau eingrenzen, zu oft wiederholen sich die einzelnen Teile auf "seinen" Platten, es gibt immer einige hektische, hysterische Stücke, gefolgt von leisen musischen Tracks, öfters tauchen aber auch längere Abschnitte mit improvisierten, teils extrem atonalem Charakter auf, welche vielen Hörern viel abverlangen, selbst ich, als Fan der ersten Stunde, steppe hin und wieder genervt weiter...

    All das wiederholt sich eigentlich auf allen Platten der "frühen" Phase, also von 1969-1977 (Court of.. bis Red)

    Die große Ausnahme stellt hier allerdings das dritte Album "Lizard" dar:

    Das ganze Werk ist ein voll durchkomponiertes Meisterwerk, das im 20Jahrhundert wohl nur ein Pendant sein eigen nennt:
    "Petrouchka" von Igor Strawinsky.

    Die Platte offenbart ein derartiges Kaleidoskop von musikalischen Einfällen, melodischem Reichtum und ausgereiftem instrumentalen Können, das es einem manchmal schier die Luft zum atmen nimmt.

    Keine leichte Kost durchaus, selbst Robert Fripp hat sie nach eigenem bekunden nie so richtig verstanden und bezeichnete Liebhaber dieses JahrhundertWerks als " sehr merkwürdige Leute", was aber in diesem Falle durchaus als Kompliment gedeutet werden dürfte...

    Auf jeden Fall ist "Lizard" ein unbedingter Hörtipp für alle Enthusiasten, am besten alleine mit einem guten Kopfhörer... und viel Geduld!!
    Diese Platte muss man sich (eventuell) wirklich "erarbeiten", man wird aber hundertfach dafür entlohnt ;-))

    Noch ein kurzer Nachtrag zur hier besprochenen "Court of"
    Man sollte sich die Platte mal ganz andersrum anhören, also beginnend mit Seite 2 der ursprünglich als Vinyl erschienen Ausgabe, also mit " Moonchild" als Oppening, und nach "In the court.." mit "Shizoid man" " I talk to the Wind" und das krönende "Epithap" als Finale...!"

    So macht die Platte m.M. nach erst wirklich Sinn ;-)

    In diesem Sinne weiterhin viel Vergnügen mit einer der "besten Bands die je gelebt hat" :-)

    LG Tom