18. Oktober 2017

"Auch wir haben Leute mit Onkelz-Shirts im Publikum"

Interview geführt von

Reimer Bustorff hat viel zu tun. Es ist Freitagmittag, in sieben Tagen erscheint die neue Kettcar-Platte "Ich Vs. Wir", was den freundlichen Mittvierziger gleich doppelt herausfordert: als Bassist der zurückgekehrten Indie-Rock-Gruppe zum einen, als Gründer und Geschäftsführer des zuständigen Labels Grand Hotel van Cleef zum anderen.

Pünktlich um 14 Uhr meldet sich Bustorff per Telefon aus dem Büro der Plattenfirma. Nach unserem Gespräch müsse er direkt zum Millerntor: Fototermin für das Stadionmagazin des FC St. Pauli. "Im Moment brennt es natürlich bei uns." Er sagt das mit einer hanseatischen Gelassenheit, die auf das genaue Gegenteil schließen lässt.

Bist du von den drei Gründern – Marcus Wiebusch, Thees Uhlmann und dir – eigentlich der aktivste im Label-Headquarter?

Reimer: Ja, würde ich sagen. Ganz am Anfang hat sich das relativ schnell so entwickelt, dass ich die ganze Buchhaltungs-Ecke und den Finanzkram mache. Ich habe zwar auch eine Assistentin, die wahnsinnig viel macht. Aber insofern bin ich eigentlich schon täglich im Büro. Und wenn es manchmal auch nur zwei Stunden sind.

Im Sommer habt ihr mit GHvC euer 15-jähriges Jubiläum gefeiert. Wie sehr ist das Wohlbefinden, oder dramatischer ausgedrückt, Fortbestehen des Labels eigentlich damit verknüpft, dass Kettcar weiter existieren?

Natürlich sehr. Wir sind die letzten Jahre zwar auch so hingekommen. Aber das Label freut sich extrem, dass jetzt eine Platte kommt, die für mehr bestimmt ist. Wir arbeiten ja schon auch viel mit kleinen Sachen, Debütalben und so. Das Label hat sich von Anfang an auf zwei Säulen gestützt: Tomte und Kettcar. Tomte sind dann durch Thees solo abgelöst worden. Und die andere Säule Kettcar war jetzt ein bisschen weg. Dass sie nun wieder da ist, ist natürlich toll. Ich glaub, wir waren noch nie so voll besetzt im Büro. Das ist richtig super.

Im Pressetext zur neuen Platte ist im Bezug auf den Zustand von Kettcar nach "Zwischen Den Runden" die Rede von "Erschöpfung und erhebliche(m) Zweifel, ob man die Stille gegenüber den anderen (...) je wieder wird brechen können". Ist das eine Übertreibung oder mussten die menschlichen Kontakte tatsächlich ein wenig ruhen?

Ganz so war das natürlich nicht. Zum einen bin ich mit Marcus im Label immer eng gewesen, die ganze Zeit. Das geht ja auch gar nicht anders. Wir wohnen alle in derselben Stadt. Wir gehen alle zusammen zu St. Pauli alle zwei Wochen. Da sehen wir uns zwangsläufig auf der Tribüne und sitzen nebeneinander. Wir teilen Leidenschaften, und das auch in der Zeit, in der wir als Band nichts gemacht haben. Wir haben uns immer ausgetauscht – über Musik und über Fußball sowieso. Insofern ist das schon ein wenig übertrieben. Da war keine Funkstille oder so.

Als Marcus gesagt hat, er macht sein Soloalbum, haben wir gesagt: Wir warten dieses Album ab und schauen, wie sich das für ihn anfühlt und wie das läuft. Danach setzen wir uns als Kettcar zusammen und schauen, ob wir noch mal angreifen wollen. Das stimmt schon: Es war nicht klar, dass es weitergeht. Es war nur klar: Man setzt sich zusammen und guckt dann mal, ob man überhaupt noch Ideen hat. Und ob man auch das Gefühl hat, der jetzigen Musiklandschaft noch einen Beitrag hinzufügen zu können, der irgendwie Sinn macht. Das Gefühl haben wir vor zwei Jahren relativ schnell gehabt. Und letztendlich entstand kein Album so sehr in Teamarbeit wie dieses. Man kann schon resümieren, dass uns die Pause sehr gut getan hat. Sicherlich ist man durch die Distanz auch wieder enger zusammengewachsen.

Hat es denn bei dir persönlich phasenweise Unbehagen erzeugt, nicht zu wissen, ob es Kettcar wieder geben wird?

Ich weiß gar nicht, ob ich damals so deutlich gedacht hab. Ich merkte auch: Irgendwie tut mir das ganz gut. Ich hatte keine Idee mehr, wo man jetzt hinwill. Wir hatten uns an der "Zwischen Den Runden" hart abgearbeitet und große Touren gespielt. Da hab ich noch nicht so richtig drüber nachgedacht: Ist es das jetzt gewesen? Steh ich nie wieder auf der Bühne? Ich hatte schon immer die Vorstellung, dass man sich wieder zusammenrauft und neue frische Ideen hat.

Marcus erzählte uns im Zuge seiner Soloplatte, er arbeite gerade bei Musik gerne sehr schnell und intuitiv. "Bei Kettcar wurde das in den letzten Jahren zunehmend langwieriger. Das fand ich manchmal ein bisschen schwierig." War es diesmal wieder einfacher?

Mal so, mal so. Ich weiß schon genau, was er meint. Das war ja auch der Punkt, weshalb er das Gefühl hatte, das Soloalbum machen zu müssen. Weil die Prozesse in einer Band, in der fünf Leute mitreden wollen, natürlich langsamer sind. Da muss man Kompromisse eingehen. Dazu war er in der Phase halt nicht bereit. Das finde ich auch legitim. Da haben wir natürlich viel drüber gesprochen. Ich glaube, es hat ihn aber auch ganz schön geschlaucht. Das Ganze alleine zu stemmen, ist natürlich auch hart. Das hat auch seine Schattenseiten.

Diesmal haben wir am Anfang gar keine Musik gemacht, sondern nur geredet. Musik ausgetauscht, gehört und sondiert. Was geht so gerade in der deutschsprachigen Musik? Finden wir da eine Lücke? Finden wir uns irgendwo wieder? Wo können wir uns da verorten? Was wollen wir textlich? Als wir dann angefangen haben zu schreiben, haben wir wahnsinnig viel weggeworfen, was natürlich auch Frustsituationen mit sich bringt – die wir dann aber ganz gut bewältigt haben. Und das Wegschmeißen hat uns gut getan. Da wiederum hilft es natürlich, dass man zu fünft ist. Fremde Sachen wegzuschmeißen ist leichter als die eigenen. (lacht) Wir haben jetzt zwei Jahre intensiv an der Platte gearbeitet, und es gab zumindest keine Phasen, in denen wir gesagt haben: Oh, es war doch ein Fehler.

Was war das Ergebnis der angesprochenen Sondierungen? Woran mangelt es dir zum Beispiel konkret in der deutschsprachigen Musik?

Wir haben schon gemerkt, dass kaum noch größere, erfolgreichere Bands da sind, die gesellschaftskritisch oder politisch einen Beitrag leisten können: diese allumfassende Böhmermann-Kritik. Da arbeitet er sich ja an Max Giesinger und so ab – auf so was hatten wir auch noch nie Bock. Wir waren immer darum bemüht, textlich tiefer zu gehen, und hatten bei jeder Platte Songs dabei, die von der eigenen Befindlichkeit weggegangen sind und politische Momente hatten. Wir sind ja Punk- und Hardcore-sozialisiert. Das hat für uns immer einen hohen Stellenwert, und das fehlte uns definitiv.

"Tocotronic waren auch mal klarer in ihren Bildern"

Es sind ja auch Leute aus eurem Umfeld, die sich damit schwer tun, und das auch offen eingestehen: Gisbert zu Knyphausen, Olli Schulz, …

Ja, oder zum Beispiel Sven Regener, der ganz klar sagt: Musik und Politik sollten nichts miteinander zu tun haben. Der zieht da eine ganz klare Grenze. Kann er machen, find ich auch okay. Aber das ist nicht meine Welt und nicht mein Verständnis von Musik. Für mich hat Musik, seit ich 14 oder 15 war, immer auch eine politische Komponente gehabt.

Wir sind ja weit davon weg, dass wir irgendwelche Parolen dreschen oder die Welt verändern wollen. So weit bin ich jetzt mittlerweile auch, dass ich das schwierig finde. Aber wenn man sich das mal so anguckt ... Auch bei Bands wie Tocotronic, die natürlich immer noch gesellschaftskritisch sind, verschwimmt es für mich mittlerweile. Das kann ich nicht mehr so richtig greifen. Da kommt es in einigen Songs immer noch durch, aber die waren auch mal klarer in ihren Bildern.

Aber nach den 1990ern, der Hamburger Schule und Bands wie Blumfeld ... da kamen dann noch Wir Sind Helden, die immer so ein bisschen angegriffen haben, und Judith macht das ja auch immer noch. Aber das ist so eine der Wenigen. Wir haben uns ganz viele Sachen zugeschickt, von Bosse zu Mark Forster. Wir haben uns alles angehört und uns gefragt: Was finden wir gut und was finden wir nicht gut? Und wenn es nur ein Satz ist, den wir gut finden: Wir wollten uns alle auf einen Nenner bringen.

Das haben wir gesammelt – und leider gar nicht so viel gefunden. Das war aber auch genau der Punkt, an dem Marcus und ich beim Kaffeetrinken bemerkt haben: Wir müssen dissident sein. Wir müssen mal wieder weg von "Balu". Wir müssen ein Album machen, das mehr auf den Tisch haut, mehr Position bezieht. Das war ein Schlüsselmoment, in dem wir im Grunde schon ganz klar wussten, wie das Album werden soll.

Stichwort "Balu", darüber hast du im letzten laut.de-Interview gesagt, es sei zwar immer noch ein wichtiges Lied für die Band, "aber es hat uns aus unserem Indie-Kosmos herausgelöst und neue Hörer gebracht: Sekretärinnen und so. Plötzlich sahen auch die Konzerte ganz anders aus. Da wollten wir gegensteuern." Andererseits wollt ihr ja laut Pressetext auch nicht nach dem Motto "preaching to the converted" abliefern, sprich: vor einem linksliberalen Publikum spielen, das sich durch eure Texte nur bestätigt fühlt. Ist es nicht auch erstrebenswert, mehr Leute zu erreichen – und diese dann gegebenenfalls zu überzeugen?

Ganz schwierig. Irgendjemand hat mal gesagt: Ab 500 Leuten kommen auch die Idioten. Und so ist es tatsächlich auch. Ich hab auf unserer letzten Tour auch Leute mit einem Böhse Onkelz-T-Shirt im Publikum gesehen. Da denke ich dann auch: Das kann nicht wahr sein. Das gibt's nicht. Wir haben alles falsch gemacht. Das find ich schon wahnsinnig irritierend. Das kann ich auch überhaupt nicht richtig greifen, weil ich selbst Musik ganz anders konsumiere und wahrnehme.

Das geht für mich halt gar nicht zusammen. Das sind dann wahrscheinlich Leute, die sich überhaupt keine Gedanken darüber machen. Weiß ich nicht. Ich kapier's einfach nicht. Aber ich würde da nie mit jemandem eine Diskussion anfangen. Weil es einfach keinen Sinn macht. Ich habe im Laufe der Jahre immer mehr gemerkt, dass diese Diskussionen zu nichts führen. Ich weiß ja, dass die meisten das gar nicht als schlimm empfinden, oder als irgendwas, das nicht geht. Sondern für die ist es halt normal. Die denken dann: Deutschsprachig find ich ganz gut, da versteh ich wenigstens alles. Die hängen sich bei uns dann an einem Satz auf. Oder an einem Song über die Freundin.

Eigentlich will ich die natürlich nicht im Publikum haben. Aber sie kommen halt. Und ob ich da bei den Leuten etwas verändere? Das kann man natürlich nur hoffen. Klar schreiben wir die Texte, wie schon gesagt, nicht, um die Welt zu verändern. Aber wir versuchen natürlich, zu beschreiben und Denkanstöße zu liefern. Und vielleicht nimmt der ein oder andere ja was mit, keine Ahnung. Ich würde mich dem aber nie bewusst stellen und sagen: Wir spielen jetzt hier beim AfD-Parteitag und gucken mal, dass wir die Leute verändern.

Ich kann die Haltung einerseits verstehen, dass man mit den Leuten nicht diskutieren mag ...

Wir haben damals bei Rock am Ring gespielt. Da sollten die Onkelz auch spielen. Und einige Bands haben gesagt: Wenn die spielen, dann spielen wir nicht. Silbermond, wir und ein paar andere. Dann wurden die Böhsen Onkelz wieder ausgeladen und haben ihr großes Festival in der Lausitz gemacht. Da hab ich bei Rock am Ring auch eine Ansage gemacht, und gesagt: Wir haben's geschafft, die Böhsen Onkelz sind nicht da. Super, ich danke euch. (lacht) Das gab natürlich Hassmails und wutentbrannte Kommentare. Weil da natürlich ganz viele Leute waren, die die geil finden und die da gerne gesehen hätten.

Ich kann mich schon klar positionieren, und das mach ich auch. Aber ich würde diese Face-to-face-Diskussion mit jemandem, der bei uns auf dem Konzert im Onkelz-T-Shirt aufläuft, nicht eingehen. Ab wann wirft man jemanden raus? Das kannst du ja auch nicht machen ... Ja, schwierig. Wirklich schwierig. Aber wir haben bis jetzt zum Glück nie so grenzwertige Situationen gehabt, weil unser Publikum sich doch größtenteils aus relativ coolen Leuten mit einer ganz guten Sichtweise auf Gesellschaft und Welt zusammensetzt. Ich glaube zum Beispiel, dass Kraftklub mit so einem Publikum viel mehr Probleme haben. Obwohl die sich ja auch klar positionieren und sehr eindeutig sind. Es ist einfach so: Ab einer gewissen Zahl kommen die Idioten. Das ist nicht von der Hand zu weisen.

"Der kleinste Idealismus wird im Keim erstickt"

Lass uns mal über die neue Platte sprechen. Ich kann schwer einschätzen, ob ihr Fragen zum Thema "Bundestagseinzug der AfD" überhaupt noch hören könnt.

Das geht tatsächlich. Das kommt natürlich immer mal durch, weil wir die Platte ja vorher geschrieben hatten. Einmal gab es die Frage, ob die Platte noch wütender geworden wäre, wenn man das schon gewusst hätte. Das glaub ich aber nicht. Ich glaube, wir hätten genau dieselbe Platte geschrieben. Aber ja, das gibt uns nochmal recht.

Hättet ihr die Platte lieber vor der Wahl rausgebracht?

Nee, aber als die Wahl durch war und die ersten Hochrechnungen kamen, hab ich gedacht: Jetzt müsste man "Mannschaftsaufstellung" raushauen. So ganz schnell. Da hab ich auch direkt Rainer Ott, unserem Koordinator und Manager, geschrieben. Als der Gauland so Wahnsinnssätze rausgehauen hat wie "Wir holen uns unser Land zurück" hab ich gedacht: Jetzt müsste man das eigentlich machen. Es war dann gut, dass wirs nicht gemacht haben. Aber das kommt einem so kurz in den Sinn, weil es halt so gepasst hätte, um sich von dem ganzen Quatsch zu distanzieren.

Kam dir der Song an einem konkreten Fußballabend in den Sinn?

Nee. Fußball ist ja nur der Objektträger für das ganze Konstrukt. Ich dachte immer: Wenn ein Land sich formiert und sich so aufstellt ... so kam dann relativ schnell diese Fußball-Metapher mit rein. Wir sind ja sehr Fußball-affin, da lag das nahe.

Ich finde, es ist dennoch ein sehr Kettcar-untypischer Text.

Ja, da haben wir sehr viel darüber diskutiert. (lacht) Weil der ja auch sehr klar ist. Gerade wenn der Chorus losgelöst wird, ergibt sich ein verzerrtes Bild. Man muss den schon auch mit den Strophen sehen. Es ist mir auf jeden Fall wichtig, dass man den nicht als Aufhänger nimmt. Ich bin zwar kein Freund von Nationen und so, bin auch eher Europäer und Weltbürger. Aber trotzdem würde ich den Satz "Ich bin gegen Deutschland" alleine nicht auf ein T-Shirt drucken.

Ihr seid nicht Egotronic.

Nee, genau. Der ist da ja viel mehr Hardliner.

Spannend fand ich, wie ihr teilweise mit alten Haltungen aufräumt. Bei "Den Revolver Entsichern" geht es zum Beispiel darum, dass auch ihr früher als Punks gegen Gutmenschen, "selbstgerechtes Hippietum" und "Moralapostel auf zwei Beinen" gekämpft habt.

Ich erinnere mich daran, als diese Lichterketten durch die Stadt gingen, als es in Lichtenhagen, Mölln und Hoyerswerda brannte. Da haben die Leute angefangen, sich in Hamburg um die Alster mit einem Teelicht hinzustellen. Da haben wir gesagt: Das kann doch nicht angehen. Das kann doch nicht sein, dass man sich jetzt mit einem Teelicht an die Alster stellt, wenn woanders Menschen angezündet werden. Das war schon eine Haltung, die wir sehr verurteilt haben. Ich glaub, mit Rantanplan gab es auch eine Textzeile gegen die Lichterketten. Krieg ich jetzt nicht ganz zusammen. Das haben wir schon thematisiert und ganz klar gesagt: So nicht. Lieber alles in Schutt und Asche legen als jetzt hier so ein Betroffenheits-Ding zu bringen, sich mit einer Kerze irgendwo hinzustellen und um Weltfrieden zu bitten.

"Den Revolver Entsichern" kam so zustande, dass ich irgendwann gesagt hab: Ich hätte Lust, auch mal einen Song zu machen, der etwas abfeiert. Der auch mal positiv ist, nicht immer nur anti und "Ich bin gegen ...". Dann hab ich die ersten zwei Strophen geschrieben – und anschließend entbrannte bei uns natürlich genau diese Diskussion: Alles findet man ja auch nicht geil. Das muss man jetzt irgendwie auch mehr differenzieren. Dann hat Marcus diesen Schluss geschrieben und das Ding sozusagen in den Hafen gebracht. Unser Gefühl auf den Punkt gebracht.

Es ist ja auch eine Unsicherheit: Ab wann findet man etwas scheiße? Was ist denn noch guter Idealismus? Wo kann man sagen: Ey, das ist doch super. Es wird ja nur noch gehatet. Du schreibst irgendwo einen Kommentar, "ich bin jetzt Veganer", und dann hauen die Leute auf dich ein: "Joa, aber Lederschuhe tragen." Die kleinste Geste ist nichts mehr wert. Immer wird man gleich als Gutmensch abgetan. Das nervt mich tierisch. Da kann ich mich richtig drüber aufregen. Dieses Kommentieren im Netz potenziert das alles extrem. Jeder kleinste Idealismus wird im Keim erstickt. Find ich total zum Kotzen.

Aber andererseits find ich natürlich auch immer noch, dass es nicht reicht, sich mit einem Teelicht an die Alster zu stellen. Weil man sich eigentlich viel mehr aufregen und viel mehr tun müsste. Dieser Song beschreibt ganz gut diesen Zwiespalt, mit dem wir, also Marcus und ich, auch umgehen müssen. Wie der Song entstanden ist, ist genau das Resultat daraus: Ich hab versucht, ein bisschen abzufeiern, und Marcus entfacht die Diskussion: So einfach ist es alles nicht. Es ist halt sehr komplex. Aber ich freu mich total über den Song, weil er unsere Zweifel und unsere Unsicherheit ausdrückt, wie man in Zeiten wie diesen mit sogenannten Gutmenschen umgeht. Oder auch mit den Hatern.

Nach G20 herrschte generell die Angst, dass etwas härtere Gegenpositionen, wie du sie gerade beschrieben hast, nun das gesellschaftliche Ansehen verlieren, das sie gerade in Hamburg vorher genossen haben.

Klar, natürlich. Aber auch da muss man wieder differenzieren: Was ist Krawalltourismus und was ist wirklich politisch motiviert? Auch das ist wahnsinnig komplex. Ich hab das hier ja miterlebt. Das ist ja zwei Minuten um die Ecke, wo es wirklich an's Eingemachte ging. Davon distanziere ich mich natürlich. Ich bin auch der Letzte, der zu Gewalt aufruft. Was die Flora-Leute teilweise für Sätze raushauen ... da sag ich mir auch: Och Mann, ey. Lieber erst mal die Füße stillhalten. Weil das der Gesamtsituation nicht gut tut.

Aber ich versteh natürlich, dass da wahnsinnig viele Emotionen drin sind. Dann haut man halt schneller mal einen Satz raus, wie dass man doch nach Blankenese rausgehen soll, um die Autos anzuzünden. Das ist natürlich nicht gut und stärkt das Establishment. Ist einfach so. Auch da bin ich natürlich tierisch genervt, dass das hier überhaupt so stattfindet. Und dass von irgendwelchen Leuten, die kein Geld haben, die Autos angezündet werden. Das sind alles so Einzelschicksale, die kriegst du dann mit und denkst dir: Scheiße gelaufen. Das kann nicht sein. Und so soll's eigentlich auch nicht sein. Auch dass irgendwelche Handyläden ausgeräumt werden. Furchtbar. Katastrophales Wochenende.

In "Sommer '89" wird am Ende beschrieben, wie der westdeutsche Fluchthelfer an der Grenze zur DDR in der linken Szene in Hamburg verpönt wird. Beruht auch das auf persönlicher Erfahrung?

Wir haben diese Diskussion geführt. Das war genau unsere Zeit. Ende der Achtziger mit der Einheit dachte ich auch: Ist das jetzt gut oder ist das nicht gut? Da hab ich tatsächlich auch eher so politisch gedacht als an die Menschen. Weil es immer darum ging: wenn Deutschland größer wird ... Die Menschlichkeit ist da tatsächlich verloren gegangen. Für mich ist es schon etwas Persönliches. Die Diskussion gab es.

Also auch eine Art Abrechnung mit der eigenen Haltung und die Einsicht, dass man die Dinge zu ideologisch gesehen hat.

Ja, glaub ich schon. Man darf aber auch nicht vergessen, dass man jetzt mehr weiß. Früher wusste man gar nicht: Was ist denn jetzt hinter der Mauer? Das war auch so eine komische Unbekannte. Ich hatte überhaupt keine Berührungspunkte in die DDR. Insofern hab ich immer nur gedacht: Das ist doch scheiße. Wir wollen doch nicht, das Deutschland größer und mächtiger wird. Das kann's doch nicht sein. Und das seh ich jetzt natürlich total anders.

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5 Kommentare mit 22 Antworten

  • Vor 30 Tagen

    Wie ist das denn jetzt mit dem Döner-Laden, hätte man dann aber doch noch nachfragen können...?

  • Vor 29 Tagen

    frage mich immer was genau an leuten in onkelz shirts so schlimm ist?

  • Vor 29 Tagen

    ......Dann wurden die Böhsen Onkelz wieder ausgeladen und haben ihr großes Festival in der Lausitz gemacht......

    Der Neid trieft aus jeder Zeile

    • Vor 29 Tagen

      Ja genau... jeder der diese Proll-Combo kritisiert ist bestimmt nur "neidisch".

    • Vor 29 Tagen

      Lausitz fand damals vor RaR statt die Überlegung war damals RaR noch dranzuhängen da zehntausende Fans damals keine Karten mehr bekommen haben (hätten wohl locker 200.000 verkaufen können!).
      Der Punkt ist aber das wir hier von 2005 reden!
      Und eine Geschichte die so lange zurückliegt ohne Not hervorzukramen riecht tatsächlich nach "nicht drüber wegkommen können".

    • Vor 29 Tagen

      Worüber nicht hinwegkommen? Dass die Onkelz NICHT am Ring gespielt haben? Das wäre in meiner Welt eine eher positiv besetzte Erinnerung, minimiert das Nicht-Erscheinen der Onkelz die Spacken-Dichte auf einem solchen Festival doch um einiges.

    • Vor 29 Tagen

      Das die Onkelz spielend 20 mal mehr Tickets für ein Konzert verkaufen als Kettcar in ihrer Karriere.
      Das es viele Vollhorsts auf Onkelz Konzerten gibt ist allerdings richtig.
      Trotzdem trauriger Move dieser "Band". Aber hat ja funktioniert ich kenne jetzt ihren Namen.

    • Vor 29 Tagen

      Auch wenn Onkelz-Fans das vielleicht nicht verstehen, es teilt nicht jeder Künstler den Größenwahn der Onkelz, und hat den Anspruch vor tausenden Golf-GTI-Fahrern mit großen Heckscheibenaufklebern zu spielen.
      Wie es im Interview steht: Ab 500 Besuchern kommen zwangsläufig die Idioten mit.

    • Vor 29 Tagen

      @Scientologe Stimmt, hatte schon ganz verdrängt, dass das 2005 war - mein erstes und einziges RaR. Da wären mir die Onkelz aber fast noch lieber gewesen als Wir sind Helden und die Toten Hosen.

      @Horst71 Den Golf GTI finde ich auch ziemlich kacke. Über die Fahrer kann ich allerdings nichts sagen. Sehe aber immer mehr Frauen und Männer in gehobenem Alter in diesen Fahrzeugen. Ein bisschen weniger Pauschalisierung wäre angebracht. Und danke nochmal für die Zitierung des Kettcar Weisheiten. Ab jetzt Konzerte nur noch für 499 Gäste!

    • Vor 28 Tagen

      ....Ab 500 Besuchern kommen zwangsläufig die Idioten mit....

      @Horst...So kann man es sich natürlich auch schönreden.
      Eigentlich finde ich deine romantische Vorstellung gar nicht mal unsympathisch. Bin mir aber sicher daß jeder der eine Band hat gerne mal so groß wäre um 100.000 Zuschauer mobil zu machen.
      Doch obwohl die Onkelz sich bei ihren Megaevents absolut nicht lumpen lassen bleiben die Konzerte in 1000er Hallen für mich unerreicht (94' nach einem Buttersäureanschlag noch mit extra Duftnote).
      Würde ausserdem behaupten das die Opel Fahrer bei den Onkelz Fans in der Überzahl sind .....hmmm ....obwohl ....wohl eher die Schwarzfahrer im ÖPNV

    • Vor 28 Tagen

      Wenn man der Logik der Onkelz-Fans hier folgt, muss Helene Fischer echt die beste Musik machen, da sie vor sehr vielen Menschen spielt und mehrere Millionen Alben verkauft.

    • Vor 28 Tagen

      Und das schließt du aus welcher Aussage?

    • Vor 28 Tagen

      Weil das immer das ultimative Totschlagargument des Onkelz-Anhangs ist: guck doch mal wie erfolgreich die sind, alle anderen sind sicher neidisch... blablubb.
      Erfolg ist nur leider kein Garant für Qualität, eher im Gegnteil. Der Massengeschmack ist meist doch eher einfach gestrickt, und ich wage zu behaupten, dass es zwischen den Fanlagern von Helene Fischer und den Onkelz größere Schnittmengen gibt, als letzteren lieb ist.

    • Vor 28 Tagen

      Kann man auch so sehen man könnte jetzt ausführlich darüber diskutieren wann etwas massentauglich ist und dabei schlecht oder gut oder wann es besser ist wenn es nur von kleineren Gruppen gefeiert wird.
      Auch das Phänomen von Fans die dann keine mehr sind wenn der grosse Erfolg eintritt oder Trittbrettfahrern die etwas plötzlich ganz toll finden wenn es alle toll finden wäre diskussionswürdig aber dir geht es leider nur darum die Onkelz zu dissen, ist dein gutes Recht macht mir aber keinen Spass mehr. Von meiner Seite aus Thread closed. P.s Kettcar mal angetestet ...Früher waren die besser ☺

    • Vor 28 Tagen

      Die Onkelz wären ohne ihren Anhang, der wirklich über jedes Stöckchen springt, dass man ihnen hinhält nur halb so schlimm.
      Abgesehen davon, dass ihre Musik zum Großteil ziemlich kacke ist, nervt dieses ständige Opfergehabe gepaart mit dieser Großkotzigkeit, alle anderen wären ja nur neidisch auf den Erfolg dieser Combo.
      Den Weidner find ich bisweilen sogar halbwegs sympathisch, aber die Band als solches hat spätestens durch die überflüssige Re-Union jede Glaubwürdigkeit verspielt, zumal sie einem Vollhonk wie Kevin Russell wieder die ganz große Bühne bieten.

    • Vor 27 Tagen

      "Bin mir aber sicher daß jeder der eine Band hat gerne mal so groß wäre um 100.000 Zuschauer mobil zu machen."

      Nein.

  • Vor 27 Tagen

    Dieser Kommentar wurde vor 27 Tagen durch den Autor entfernt.

  • Vor 27 Tagen

    Was für lahme Hascher von Aufmerksamkeit. Das sind dann die Gutmenschen, die immer schreien Rechtspopulismus um jemanden gleich mal proaktiv in eine ihm passende Ecke zu schieben und das auch noch viele es mitbekommen, damit man die Aufmerksamkeit vlt. bekommt, die man den anderen (Onkelz) neidet.
    Wieso predigen solche Leute eigentlich immer irgendwo Toleranz, wenn sie doch selber die Intoleranz in Persona sind? Ihr solltet mal auf ein Konzert von den Onkelz gehen, um zu Wissen was es bedeutet Fans zu haben. Auf keinem Onkelz Konzert bisher auf dem ich war gab es Propaganda von Rechts oder Ähnliches.

    • Vor 27 Tagen

      Ändert doch nichts an der Mucke dieser Scheisshauskapelle, samt Sektenanhang.

    • Vor 26 Tagen

      Ich find Kettcar auch nicht geil, vor allem nachdem ich das Zaunschneiderlied letztens bei Böhmi Live im Fernsehen aushalten musste (Fernbedienunl zu weit weg), aber Scheisshauskapelle würde ich sie nicht nennen. Instrumentenbeherrschung Schulnote 3, grob geschätzt. Wenn man das Interview querliest springt einem diese live dargebotene Krampfigkeit und Selbstblockade durch Endlosdiskussionskultur auch an. Früher aus Schiss keine Ossis gewollt und heute sich über jeden erhaben fühlen der Skeptik gegen Zwangsbeglückung durch komplett andere Kulturen hegt, was für eine gelebte Vollarschigkeit :D
      Immerhin am Schluss leichte Ansätze von Fähigkeit zur Selbstreflektion, aber immer noch pathologisch unterentwickelt.

    • Vor 26 Tagen

      Gonz mit dem Durchblick

    • Vor 25 Tagen

      Gelesen bis "Gutmensch"...

    • Vor 25 Tagen

      Ich glaube auf die "Aufmerksamkeit" durch den Onkelz-Anhang können viele Musikerkollegen gut verzichten, besteht diese beim leisesten Anflug von Kritik doch aus meist unappetitlichen Kommentaren, sinnfrei eingesetzten Textschnippseln oder wehleidig-endlosen Vorträgen darüber, wie geil und wie unverstanden die Kapelle doch ist.
      Seit jeher ist das Ganze ziemlich schizophren. Einerseits suhlen sich Band & Fans in einem Pseudo-Außenseitertum, welches spätestens seit dem Wechsel der Onkelz zum Majorlabel Virgin anno 1995 zumindest seitens der Onkelz selbst nur noch eine verkaufsfördene Attitüde war und ist, gleichzeitig möchte man aber schon irgendwie vom Mainstream wahrgenommen werden, und das bitte ausschließlich positiv.
      Dann kommen halt so bizarre Situationen zustande, dass auf dem Hockenheim-Ring 100.000 Leute mitsingen, dass man mit "dieser Band nicht viele Freunde habe" oder dass hinter der Bühne bereits der BILD-Reporter zum Inteview wartet, während die Masse vor der Bühne noch "Danke für Nichts" gröhlt.

    • Vor 23 Tagen

      Herr lass Hirn regnen.