laut.de-Kritik

Anachronistische Electronica für einen die Zeit überdauernden Film.

Review von

Franzis sitzt mit bangem Blick neben seinem schielenden Gesprächspartner. Bläser und unruhige Streicher beschwören eine unheimliche Atmosphäre herauf und lassen den Zuschauer erahnen, dass die kommenden Minuten die Eröffnungsszene, die nun endlich fortgesetzt wird, in einem anderen Licht erscheinen lassen werden. "... und seit diesem Tage hat der Wahnsinnige die Zelle nicht mehr verlassen", teilt uns eine Texttafel die Worte Franzis' mit. Die Violen kratzen unruhig, während sich Franzis mit bangem Blick umsieht und die Szenerie wechselt. Die Szene in der Psychiatrie wird wesentlich harmonischer musikalisch untermalt als die vorherige, die Streicher und das Piano wecken Mitgefühl mit den Insassen. Bild und Ton ergänzen sich perfekt – ein Triumph für eine viele Jahrzehnte nach der Filmveröffentlichung erfolgte Neuvertonung. Plottwist: Die Rede ist hier nicht von Karl Bartos' nun erscheinender Neuvertonung von Robert Wienes Stummfilmklassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari", sondern von der 2014 entstandenen Vertonung der Freiburger Filmmusikklasse unter der Leitung von Cornelius Schwehr.

Zeitsprung, Februar 2024: Franzis sitzt mit bangem Blick neben seinem schielenden Gesprächspartner. Eine simple Keyboardmelodie ("Scary Memories 2") untermalt die Szenerie. Die Texteinblendung "... und seit diesem Tage hat der Wahnsinnige die Zelle nicht mehr verlassen" erzeugt aufgrund des recht lieblichen Keyboardsounds keine Gänsehaut. Szenenwechsel, wir befinden uns in der Psychiatrie: Abrupt verklingt die Keyboardmelodie, stattdessen ertönen zu den Lippenbewegungen der Darsteller asynchrone, allzu prätentiöse (teils Goethes "Faust" entnommene) Sätze, die wahlweise alle Klischees von Psychiatrieinsassengebrabbel erfüllen oder aber alle Klischees eines allzu ambitionierten Laientheaters. Willkommen in Karl Bartos' eigenwilliger Neuvertonung des ersten Psychothrillers der Filmgeschichte, willkommen auf dem – offensichtlich auf einen internationalen Markt schielenden und daher englischsprachig betitelten – Soundtrack "The Cabinet Of Dr. Caligari"!

Auf die Idee, einen Stummfilmklassiker mit elektronischen Klängen zu modernisieren, kamen bereits einige Künstler und scheiterten zumeist kläglich. Bei Giorgio Moroders 1984 umgesetzter Idee, Fritz Langs "Metropolis" mit zeitgenössischen Popsongs zu unterlegen, handelt es sich wohl um den traurigsten jener Versuche. Wenn aber die altehrwürdige Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, der wir die liebevolle Restauration zahlreicher deutscher Stummfilmklassiker verdanken, trotz einer erst wenige Jahre zuvor veröffentlichten äußerst gelungenen Neuvertonung aus dem eigenen Hause einen Pionier der elektronischen Musik wie das ehemalige Kraftwerk-Mitglied Karl Bartos für eine Neuvertonung engagiert, verstummen alle Vorverurteiler – zu Unrecht. Man nimmt es Bartos ab, wenn er voller Begeisterung über Wienes Filmklassiker und seine Arbeit am neuen Soundtrack bzw. – um es mit den Worten des Musikers zu formulieren – seine Arbeit an "Sounddesign und [an der erzählenden] Filmmusik" spricht. Leider hört man dem Endprodukt diese Begeisterung nicht an.

In den Pressetexten zu Bartos' Neuvertonung ist etwas hochtrabend von einem "[experimentellen] Klanggewand aus virtuosen Geräuschkulissen und elektronisch modulierten Orchesterklängen" die Rede. Musique concrète also. Doch ein Keyboard – wie jenes oben erwähnte, das die Szene auf der Parkbank begleitet – bleibt ein Keyboard, mitnichten handelt es sich um ein "elektronisch moduliertes" Klavier oder Ähnliches.

Während Bartos Uhrenticken (zu Beginn des 2. Aktes, als das erste Todesopfer gefunden wird) wirkungsvoll einsetzt, greift er zu inflationär auf Trommelschläge zurück. Zudem werden die Trommelschläge häufig an den falschen Stellen eingesetzt, einige Szenen wirken so überdramatisiert. Bei den Morden Cesares, des Somnambulen, bleiben die Pauken hingegen unverständlicherweise unangetastet. Als unglücklichste Entscheidung Bartos' erweist sich jedoch die Einbindung von Stimmen in einigen Szenen. Der Stummfilm bleibt insofern ein Stummfilm, als die Darsteller (zum Glück) nicht nachträglich synchronisiert wurden. Bartos unterlegt aber einige Szenen mit (zu den Lippenbewegungen der Nebendarsteller asynchronem) Stimmengewirr. In der ersten Jahrmarktsszene hören wir nun Sätze wie "Ich komm mal vorbei, ja!" oder – immerhin örtlich passend – "Hummel, Hummel – Mors, Mors". Was wohl als vitalisierend intendiert war, wirkt teils unfreiwillig komisch. Mitunter wähnt man sich in akustischer Hinsicht in einem PC-Strategiespiel.

Musikalisch greift Bartos fast ausschließlich auf elektronische Klänge aus der Mottenkiste zurück. Das Aufeinandertreffen von Franzis und seinem Freund Alan, der ihn zum Jahrmarktbesuch überredet, begleitet der Musiker mit einer Keyboard-Fanfare ("Full Of Life"), die auch von den Pet Shop Boys stammen könnte. Und die Jahrmarktsszenen ("At The Funfair" und "At The Funfair 2") untermalt er nicht nur durch das im vorherigen Absatz angeführte Stimmengewirr und einen Drehorgelsound, sondern später auch durch den aus den ersten Kraftwerk-Alben bekannten Prä-Techno: Der Bass stampft, die Synthies quäken. Auch für die Untermalung der anschließenden Vorstellung Cesares durch Dr. Caligari greift Bartos im Titeltrack auf allzu aufdringliche elektronische Musik – inklusive verfremdetem Chor aus der Konserve – zurück. Der musikalische Tiefpunkt wird erreicht, als schrille 70er-Keyboardtöne das Eindringen Cesares in Janes Schlafzimmer begleiten.

Die Untermalung der ruhigen, atmosphärischen und gruseligen Szenen gerät Bartos insgesamt deutlich besser als die der aktionsreichen Sequenzen und Massenszenen. Positiv hervorzuheben ist vor allem Bartos' Beitrag zum Erwachen Cesares. Als der Konservenchor endlich schweigt, gelingt Bartos die wirkungsvollste und passendste Untermalung seiner Vertonung. Lediglich Trommelschläge – hier endlich passend eingesetzt – begleiten die ersten Regungen Cesares. Als der Somnambule die Augen öffnet, sorgt ein kurzes, einprägsames Keyboardmotiv für einen kurzen Gänsehautmoment. Auch die Keyboardklänge in "Jane's Theme" gefallen, obschon sie für das Geschehen auf der Leinwand viel zu lieblich erscheinen. Wann immer er zu minimalistischen musikalischen Mitteln greift, gelingt Karl Bartos die passendste Begleitung des Filmes. Die legendäre Zwangsvorstellungsszene am Ende des 5. Aktes wird sehr geschmackvoll vertont – bzw. teilweise nicht vertont. Für wenige Sekunden nutzt Bartos keine Tonspur, überlässt uns der Stille – ausgerechnet, um Wahnsinn adäquat umzusetzen.

Ansonsten dominiert leider das Dröhnen anachronistischer elektronischer Musik und das Wiederholen wenig gelungener Leitmotive. Filme, die in einer Zeit vor der Entstehung elektronischer Musik angesiedelt sind, mit ebensolcher elektronischer Musik zu unterlegen, muss keine schlechte Idee sein. Popol Vuh zeigten einst mit ihrem Soundtrack zu Werner Herzogs "Aguirre", wie man einen im 16. Jahrhundert spielenden Film mit elektronischen Klängen nicht nur passend begleiten, sondern auf ein aufgrund des Laienschauspiels nicht für denkbar gehaltenes Niveau heben kann. Dabei legte die Band ihren Fokus auf mehr oder weniger zeitlosen Ambient – was Karl Bartos' "The Cabinet Of Dr. Caligari" ebenfalls gutgetan hätte.

Bartos aber kann auf seinem nachträglichen Soundtrack seine musikalische Verwurzelung in den 1970er-Jahren nicht verleugnen. Abseits der mitunter anstrengenden Nutzung von Soundspielereien in der Tradition Pierre Henrys und Karlheinz Stockhausens bleibt Bartos der musikalischen Epoche treu, die er mit seinen Kraftwerk-Kollegen entscheidend mitprägte. So entsteht ein rückwärtsgewandter nachträglicher Soundtrack zu einem in seiner Entstehungszeit zukunftsweisenden Film.

Trackliste

  1. 1. Prologue
  2. 2. Scary Memories
  3. 3. Atonal Floating
  4. 4. Full Of Life
  5. 5. In The Town Hall
  6. 6. At The Funfair
  7. 7. A Mysterious Crime
  8. 8. At The Funfair 2
  9. 9. The Cabinet Of Dr. Caligari
  10. 10. Jane's Theme
  11. 11. March Grotesque 2
  12. 12. Jane's Theme 2
  13. 13. Shadows
  14. 14. Tragic Message
  15. 15. Suspicion
  16. 16. Tragic Message 2
  17. 17. The Plan
  18. 18. A Dark Figure
  19. 19. Caligari's Theme
  20. 20. Arrest Of The Suspect
  21. 21. Caligari's Theme 2
  22. 22. Worried Jane
  23. 23. Interrogation
  24. 24. Jane's Fear
  25. 25. Francis's Observation
  26. 26. Cesare's Attack And Escape
  27. 27. Safe And Sound
  28. 28. Francis At A Loss
  29. 29. Caligari's Deception
  30. 30. Lunatic Asylum
  31. 31. In Search Of The Truth
  32. 32. Out In The Field
  33. 33. The Director Rants And Rages
  34. 34. Scary Memories 2
  35. 35. Who's Mad Here?
  36. 36. Francis Rants And Rages
  37. 37. Epilogue

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