laut.de-Kritik

Polaroid-Bilder eines pechschwarzen Monolithen.

Review von

"It's self-titled." Mit diesen Worten beschreibt Jen Cloher die Gesamtheit ihres inzwischen vierten Albums. Mit dieser Beschreibung kommt sie dem Kern der Sache sehr nahe: "Jen Cloher" umfasst elf Titel, die irgendwo zwischen Shoegaze und Classic Rock eine Nische finden. Sie zeichnen ein so intimes und offenherziges Porträt der Sängerin, dass die entstehende Vertrautheit fast die musikalische Finesse überdeckt.

Entstanden Ende 2016, trägt das Release die Handschrift einiger eigenwilliger Ereignisse im Leben der Protagonistin: Ihre Partnerin Courtney Barnett erlebte in den vergangenen Jahren ein beispielloses Karrierehoch und machte sich auf den Weg, um gemeinsam mit ihrer Band die Bühnen der Welt zu bespielen, Menschen kennenzulernen und wegweisende, unvergleichliche Momente zu erleben – während Cloher selbst im australischen Melbourne bleibt, halbherzig an Musik schreibt und mit Labelarbeit für Milk Records beschäftigt ist.

Eine belastende Situation für ein Paar also, die Cloher auf "Forgot Myself", "Shoegazers" oder "Loose Magic" packend intensiv und doch mit so geringem Pathos einfängt, dass die Melancholie in ihrer gehauchten Unschärfe fast noch deutlicher wirkt. Die emotionale Tiefe dieses Albums fühlt sich an, als halte man einen pechschwarzen Monolithen durch das unscharfe Objektiv einer Polaroid-Kamera fest.

Um das tiefgehende Beziehungsporträt noch zu verfeinern, skizziert Clover die charakteristischen Linien ihrer Personifikationen in einem vieldimensionalen Spannungsfeld zwischen implizierten politischen Statements, unaufdringlicher Nostalgie und einer subtilen Darstellung von Ängsten und Hoffnungen im selben Atemzug. Es ist vielleicht eine perfekte Fassung des Konfliktes, der immerwährenden Ambivalenz zwischen privater Depression und emotionalem Melodrama, während der Nachrichtenstrom die erdrückende Relevanz globaler Probleme, konservativer Denkmuster, neo- und postkolonialer Strukturen und systematischer Unterdrückung in den Hinterkopf einbrennt.

Gleichzeitig flüchtig und omnipräsent mimt Jen Clover dabei den modernen Menschen, zeigt sich verwundbar wie verantwortungsbewusst und lässt eine Themenpalette so homogen zusammenfließen, dass das Gefühl, all diese Themen prasselten gleichzeitig auf das Bewusstsein ein, genauso erdrückend und überfordernd deutlich wird, wie es auch in der Realität geschieht.

Noch perfider erscheint dieses Konzept, weil die musikalische Marschrichtung des Albums keineswegs großspurig, opulent oder dramatisch ausfällt. Ein wenig Gitarrenarbeit und ein paar Perkussionen hier und da bilden einen Klangteppich mit klaren Einschlägen in Richtung Blues, Classic Rock oder Shoegaze, wobei insbesondere Acts wie die Rolling Stones oder Patti Smith Pate für die ein oder andere Soundvision stehen dürften. Aus den rhythmusorientierten Gitarrenlicks geht eine lockere, unaufdringliche Melancholie hervor. Clover steht durchgehend im Vordergrund, lässt der Musik selbst aber genug Raum, um zu atmen.

Daraus resultiert eine subtile, hellhörige Atmosphäre, die den Feinsinn und die Detailliertheit der fantastischen Lyrics noch weiter hervorhebt. Zeilen wie "The trees can't decide / Wheather to lose their leaves / Unseasonably / A little summer snow / And no-one knows / Which way the wind will blow" ("Analysis Paralysis") erinnern an den Poesiestil des modernen New Yorks, während Titel wie "Forgot Myself" oder "Regional Echo" mehr mit überraschend klarer, präziser Benennung von Problemen beeindrucken.

Eine Australierin Anfang Vierzig fängt den Zeitgeist zwanglos und intuitiv ein, ohne es überhaupt darauf angelegt zu haben. Wundervoll melancholisch trägt sie Beobachtungen eines Menschen in der postmodernen Welt und deren Interpretationen zwischen Poesie und Normalität zu einem Gesamtbild zusammen, das so authentisch und offenherzig anmutet wie kaum ein Rockalbum der vergangenen Jahre. Ein Album für jeden, der bereit ist, sich auf eine Musik voller leiser Töne einzulassen, in dem sich unaufdringlich, und doch überdeutlich die Moderne spiegelt.

Trackliste

  1. 1. Forgot Myself
  2. 2. Analysis Paralysis
  3. 3. Regional Echo
  4. 4. Sensory Memory
  5. 5. Shoegazers
  6. 6. Strong Woman
  7. 7. Kinda Biblical
  8. 8. Great Australian Bite
  9. 9. Loose Magic
  10. 10. Waiting In The Wings
  11. 11. Dark Art

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