27. September 2000

"Wir haben Freundschaft mit Geschäft verwechselt"

Interview geführt von

Am Rande des Rock am See-Festivals traf sich H-Blockx-Gründungsmitglied Henning Wehland mit den LAUT-Redakteuren Michael Schuh und Eberhard Dobler zu einem entspannten Bier. Anlässlich des 900. Live-Gigs der deutschen Crossover-Veteranen, die mit "Ring Of Fire" vor kurzem ihre höchste Chartplatzierung erreichten, stellte sich der Sänger unseren Fragen.

Im Januar erscheint euer neuer Longplayer. Eine Single soll es schon im Oktober geben...

Nee, das mit der Single klappt nicht. Ursprünglich wollten wir ja in diesem Jahr eine Auszeit nehmen, um neue Stücke zu machen. Aber dann kam uns der Hit "Ring Of Fire" in die Quere (lacht). In der Euphorie wollte unsere Plattenfirma, dass wir im Oktober eine Single nachlegen. Die Euphorie hat sich mittlerweile gelegt und jetzt machen wir erst mal das Album fertig. Hinzukommt, dass wir innerhalb von BMG zu Gun Records gewechselt sind, weil die mehr von Rockmusik verstehen.

Wann können die Fans denn frühestens mit neuem Material rechnen?

Wir sind momentan im Studio und ich denke, Album und Single kommen im Januar. Vielleicht veröffentlichen wir schon vorher anlässlich unseres zehnjährigen Bandjubiläums eine "H-Box" mit einigen Gimmicks als kleines Give-Away an unsere Fans. Das planen wir schon seit zwei, drei Jahren.

Ihr habt euch mit dem neuen Studioalbum zwei Jahre Zeit gelassen. Warum so lange, ist das "Drummer-Drama" vielleicht mit schuld?

Nein, ich rede auch nicht gerne darüber. Jedes Wort ist da zuviel, denn eine Trennung ist immer problematisch. Fakt ist: Marco Minnemann hat sich von uns getrennt und wir haben mit Steffen Wilmking von Thumb einen supergeilen Ersatz gefunden. Fakt ist auch, dass wir verschiedene Probleme hatten. Weißt du, wenn du zehn Jahre zusammen Musik machst und Platten aufnimmst, dann kommt irgendwann die Frage auf, ob alles richtig läuft. Der Gipfel für uns war dann die US-Tour im vergangenen Jahr.

Wir waren sieben Monate unterwegs und haben 120 Gigs gespielt, unter anderem auf der Vans Warped-Tour. Wir sind außerdem noch mit Biohazard, Filter und auch alleine getourt. Die Promo lief gut und wir hatten Erfolg. Wir sind sogar in den Acht-Uhr-Nachrichten gewesen, was in Deutschland mit dem Ritterschlag durch die "Bunte" gleichkommt. Aber dann ging unser Label pleite und wir haben keine Platten verkauft. Das war der absolute Tiefpunkt. Wir überlegten dann, ob's mit den H-Blockx weitergeht und wenn ja, wie. Vor ein paar Monaten haben wir dies positiv beantwortet. Jetzt nehmen wir unser Management selbst verstärkt wahr, haben einen Verlag gegründet und denken über ein Label nach. Aber jetzt kommt erst mal das neue Album.

Was erwartet uns musikalisch?

Bei den früheren Alben hat es immer geheißen, die Band weiß nicht, was sie will. Wir haben ja auch unterschiedliche Sachen gemacht. Auf der neuen Scheibe wollen wir vor allem unsere Stärken zeigen. Insofern wird es wohl einen modern produzierten Querschnitt aus allen vier Alben geben.

"Wir haben viele Fehler gemacht"

Die H-Blockx feiern ihr Zehnjähriges. Wenn du zurückblickst, bereut ihr etwas oder anders gefragt, habt ihr Tips für junge Bands?

Was mir am Rockbiz nach wie vor gut gefällt, ist, dass man eben in keine Lehre gehen kann, um Fehler zu vermeiden, die andere schon gemacht haben. Du triffst hier auf jede Menge "Zuhälter", die mit dir Geld machen wollen. Es gibt niemand, der dir zu einem ordentlichen Preis wirklich helfen kann. Für mich ist das genug Ansporn, das Biz genau kennen zu lernen, um Fehler zu vermeiden. Und wir haben viele Fehler gemacht.

Welche denn?

Angefangen bei falschen Verträgen oder Managern, die uns übers Ohr gehauen haben, bis zu falschen Promogigs. Zum Beispiel werden wir nie mehr Playback spielen. Wir haben auch Freundschaft mit Geschäft verwechselt. Aber beides zusammen gibt's halt nicht. Ich kann nur sagen, eigentlich muss man, schon bevor man Musik macht, davon ausgehen, dass man zehn Millionen Platten verkauft. Das ist natürlich schwierig, aber nur dann bist du, was das Geschäftliche angeht, mit den Businessleuten auf gleicher Augenhöhe. Hier beginnt sich die Kunst mit dem Kommerz zu vermischen und du bist auf dich alleine gestellt.

Wie sieht die Zukunft der H-Blockx aus? Steht ihr unter kommerziellem Druck?

Was die Fans heute mit uns verbinden ist sicher zu einem guten Teil der kommerzielle Erfolg von "Time To Move", aber wir haben in über 30 Ländern gespielt und über 1,5 Millionen Platten verkauft. Gestern steht beispielsweise Wes Borland von Limp Bizkit vor mir und sagt: "Hey, ich hab in den Staaten von euch gehört und euch heute zum ersten Mal gesehen, geile Show". Wir sind mehr als die Singles von "Time To Move". Was ich sagen will: Es klingt zwar arrogant, aber wir sind lange genug im Geschäft, um zu wissen, was eine Plattenfirma kann, was sie von uns verlangen kann und was wir von ihr verlangen können. Insofern gibt's keinen Druck. Aber ich bin stolz darauf, dass wir nach zehn Jahren trotz der vielen Tiefen noch immer da sind.

Wie seht ihr als Mitbegründer des deutschen Crossover die momentane musikalische Entwicklung?

Einerseits beiße ich mir in den Arsch, dass wir unseren Stil nicht konsequent weiterverfolgt haben. Aber ich bin froh, dass jetzt wieder Gitarrenmucke à la Limp Bizkit angesagt ist und nicht nur deutscher HipHop oder Dancefloor und das ist auch 'ne Chance für uns. Früher hat's geheißen, die können ja nicht mal singen. Heute ist diese Entwicklung rückblickend eine Rechtfertigung für das, was wir früher gemacht haben.

"Chino Moreno ist ein Tier, Wahnsinn!"

Ohne, dass ich Limp Bizkit mit uns qualitativ vergleichen will, sondern ich meine damit den Crossover-Gedanken an sich. In Deutschland haben wir den Crossover mit Bands wie Freaky Fuckin' Weirdoz und Such A Surge mitbegründet. Ich denke, wir haben dabei den Gang hin zum Kommerz glaubwürdig vertreten. Die Amis kennen den Begriff Crossover übrigens gar nicht. Für die gehört er in den Fusion-Bereich von Jazz-Funk oder Jazz-Rock.

Was unterscheidet die H-Blockx von amerikanischen Gitarrenbands?

Wir könnten nie solchen Sound wie die Deftones oder Limp Bizkit machen. Ich möchte auch gar nicht amerikanisch rüberkommen. Unsere Band denkt ganz anders. Wir sind anders gestrickt: Vielleicht etwas einfacher, aber dafür nicht so melancholisch wie die Deftones. Ist auch in Ordnung so. Trotzdem: Chino Moreno ist ein Tier, Wahnsinn!

Wie sind denn die Jungs von Limp Bizkit so drauf?

Ich kenne keinen, der professioneller arbeitet als Fred Durst. Er ist immer freundlich, macht mit jedem Fotos und hat immer ein nettes Wort auf den Lippen. Man weiß bei ihm nicht so recht, woran man ist. Wes Borland ist backstage im Prinzip völlig normal. Zumindest so wie ich ihn kennengelernt habe. Natürlich sind beide letzten Endes normale Jungs wie du und ich.

Was ist aus deiner Sicht in den Vereinigten Staaten anders als in Deutschland?

Die USA sind so viel größer als Deutschland und da geht's ab, das kann man sich nicht vorstellen, außer man ist für längere Zeit drüben. Wir haben auf einem großen Konzert in New York gespielt, da haben sich die Mädels, ich weiß nicht warum, einfach ausgezogen, ohne Aufforderung. Zum Teil war's auch super aggressiv. Die haben sich in die Fresse gehauen und fanden das noch lustig. Auf einer unserer Support-Tours hat ein Rowdie einer anderen Band während unseres Auftritts auf der Bühne eine Frau genagelt. Und die winkt mir noch zu - unglaublich.

Es ist auch alles viel professioneller. Bands wie Rage Against The Machine haben hinter sich einen riesigen Businessapparat stehen, der so groß ist, wie der eines großen deutschen Unternehmens. Du brauchst heutzutage so ein toughes Management. Deutschland ist da ein Entwicklungsland und will alles kopieren. Insofern waren die H-Blockx für unser damaliges Label ein echtes Experiment. Ein anderer großer Unterschied: In den Staaten haben die Bands mit dem Mittelstand nichts zu tun. Die sind zwischen Bier, Kindesmissbrauch und Schlägereien aufgewachsen. Entweder passt du dort ins allgemeine Schema oder nicht. Wenn nicht, dann bist du ein Rock'n'Roller.

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