12. Juni 2012

"Man wollte ein Pop-Püppchen aus mir machen"

Interview geführt von

Mehr als ein halbes Jahrzehnt lagen Garbage auf Eis und nicht einmal die eingefleischtesten Anhänger der Combo, wussten wie und vor allem ob es mit dem Vierer weitergehen würde.Mit dem Best-Of-Album "Absolute Garbage" schien sich die Akte zu schließen, denn keiner der Bandmitglieder wollte sich nach Veröffentlichung so recht zur Zukunft der Band äußern. Umso überraschender machte dann im letzten Jahr die Nachricht die Runde, dass sich die Band um Shirley Manson mit neuem Material beschäftigt.

Urplötzlich war das Quintett wieder in aller Munde, und die immer noch zahlreiche Gefolgschaft weltweit spitzte fast täglich die Ohren, um an neue Updates hinsichtlich des sehnsüchtig erwarteten Comebacks ihrer Heroen zu kommen. Auch wir schlossen uns der Neugierde an und trafen uns mit der Sängerin zum Release von "Not Your Kind Of People" in Berlin, um herauszufinden, warum das mittlerweile fünfte Studioalbum so lange auf sich warten ließ.

Hallo Shirley, es gab nicht viele Menschen, die noch mit einem neuen Album von euch gerechnet haben. Wie sah das bei dir aus?

Ich kann die Leute gut verstehen, die uns nicht mehr auf dem Zettel hatten. Vielleicht hätten wir in der Vergangenheit klarer Stellung beziehen müssen, aber es bringt jetzt nichts mehr, zurück zu blicken. Fakt ist, dass wir uns als Band nie wirklich aufgelöst haben. Nach dem letzten Album ("Bleed Like Me") waren wir einfach durch. Wir hatten keine Kraft mehr und waren leer im Kopf. Also beschlossen wir, auf unbestimmte Zeit unsere eigenen Wege zu gehen. Wir hatten uns kein Zeitlimit gesetzt. Dass letztlich sechs Jahre daraus werden würden, war uns zu Beginn natürlich nicht bewusst. Aber manchmal brauchen gewisse Dinge im Leben halt seine Zeit.

So richtig durchgehend abschalten konntest du aber scheinbar nicht, denn in der Zwischenzeit hattest du an den Arbeiten für ein Soloalbum begonnen.

Ja, das stimmt, wobei ein Soloalbum nochmal etwas anderes ist, als eine Platte mit einer Band aufzunehmen. Das Ganze hat aber letztlich eh nicht funktioniert, was mich im Nachhinein schon etwas traurig stimmt. Aber irgendwie sollte es nicht sein.

Es hieß, es gab Differenzen mit der Plattenfirma. Stimmt das?

Ja. Wir hatten einfach völlig verschiedene Auffassungen. Man wollte aus mir ein Pop-Püppchen machen. Das wollte ich aber nicht, denn das bin ich nicht. Ich bin keine Marionette, die man benutzen kann, nur um irgendwelchen Trends gerecht zu werden.

Welches Gefühl überwog während dieser Phase? Wut oder Traurigkeit?

Ich denke, es war ein Mix aus beidem (lacht). Ich war schon richtig frustriert. Während dieser Zeit bin ich vor allem meinem Mann tierisch auf die Nerven gegangen. Ich hatte einfach keine Lust mehr, für andere den Arsch hinzuhalten. Ich dachte mir, wenn sie meine Sachen nicht so veröffentlichen wollen, wie ich es will, dann lass ich es halt ganz bleiben. Ich war richtig bockig und hatte keine Lust mehr auf diesen ganzen Scheiß.

"Diesmal haben wir aber gesagt: Fuck you!"


Zum Glück hielt diese schwierige Phase ja nicht ewig an.

Stimmt, und letztlich bin ich heilfroh, dass ich da wieder herausgefunden habe. Ich kann mich noch sehr gut an den Abend erinnern, als alles wieder ins Rollen kam. Ich war mit meiner Agentin essen, und sie lag mir den ganzen Abend in den Ohren. Sie fragte, was denn nur los sei mit mir und warum ich nicht endlich den Stock aus meinem Hintern ziehen würde (lacht). Ich musste mir wirklich so einiges von ihr anhören. Aber sie hatte ja Recht mit dem, was sie sagte. Ich wusste aber nicht, wie ich anfangen sollte. Ich hatte keinen Startpunkt.

Sie erzählte mir dann von einer möglichen Show zusammen mit einem Orchester in der Hollywood Bowl. Ich riss sofort die Augen auf und war Feuer und Flamme. Also rief ich die Jungs an und fragte, ob sie Lust dazu hätten. Das Konzert kam dann zwar aus verschiedenen Gründen nicht zustande, aber viel wichtiger war, dass wir wieder Kontakt miteinander hatten. Wir trafen uns dann im Studio und fingen einfach an zu jammen; völlig ohne Zwang. Wir quartierten uns eine Woche ein und hatten unheimlich viel Spaß zusammen. Die ganze Atmosphäre war sehr entspannt. Wir spielten teilweise bis spät in die Nacht, lachten viel und waren einfach nur glücklich wieder zusammen Musik zu machen.

Das klingt fast schon verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sich in den Jahren zuvor nicht immer alle Bandmitglieder grün waren.

Nun, wir kennen uns alle schon eine Ewigkeit. Da ist es, denke ich, ganz normal, wenn es auch einmal Reibereien gibt. Aber im Grunde sind wir wie eine Familie. Wir lieben uns. Auch wenn es in der Vergangenheit vielleicht manchmal nicht den Anschein hatte (lacht).

Vor allem die Zeit der Aufnahmen zum letzten Album sollen sehr anstrengend gewesen sein. Stimmt das?

Oh ja, das war wirklich keine angenehme Phase. Es hatte aber weniger mit der Beziehung der Bandmitglieder untereinander zu tun, als vielmehr mit der Gesamtsituation. Es war ein immenser Druck da. Es gab permanent Probleme mit der Plattenfirma. Irgendwann schaffst du es dann nicht mehr, diese graue Wolke aus dem Studio und von deiner Arbeit fernzuhalten. Dennoch haben wir ein wirklich tolles Album hinbekommen. Ich bin sehr stolz auf die Scheibe, aber der Weg dorthin war ein Martyrium.

Dieses Mal war wirklich alles anders, weil wir auch gleich zu Beginn klargestellt haben, dass es nur um uns geht. Deswegen haben wir auch in Eigenregie produziert, denn wenn du ein großes Major-Label im Rücken hast, dann hast du auch zwangsläufig Dutzende Leute um dich herum, die meinen, alles besser zu wissen. Jeder will seinen Senf dazu geben. Diesmal haben wir aber gesagt: Fuck you! Wir machen unser eigenes Ding.

"Wir haben nahezu all unsere Ersparnisse in dieses Album gesteckt"


Hätte eine Band eurer Größenordnung nicht einfach den Spieß umdrehen können?

Ich weiß nicht, vielleicht. Aber wir hatten einfach keine Lust, uns weiter mit Leuten auseinander zu setzen, die etwas vollkommen anderes wollten als wir. Es geht letztlich doch immer ums Geld. Das kann ich auch bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen. Ständig erscheinen neue Bands auf dem Schirm, die sich der Industrie anbiedern. Und wenn ich als Label-Verantwortlicher die Wahl hätte zwischen einer blonden, jungen aufstrebenden Stimme, die man noch formen kann und einer alten rothaarigen Kratzbürste, die weiß, was sie will; dann würde ich wahrscheinlich auch lieber meine Zeit mit der Erstgenannten verbringen wollen.

Als Künstlerin kann ich da aber nicht mitziehen, sondern muss klarmachen, was mir und meiner Band wichtig ist. Das haben wir gemacht, indem wir zur Tür raus sind und die Dinge fortan in die eigenen Hände genommen haben.

Gab es eigentlich Berührungsängste, als ihr euch das erste Mal wieder begegnet seid?

Natürlich waren wir alle nervös, als wir uns nach so langer Zeit wiedertrafen. Aber als der Moment dann da war, war davon nichts mehr zu spüren. Es war wie eine Kerze, die man nach langer Zeit wieder anzündet; ein wirklich toller Moment.

Irgendwann ging es dann ans Eingemachte und das Projekt 'Neues Album' wurde mehr und mehr in die Tat umgesetzt. War der Entstehungsprozess diesmal ein anderer, verglichen mit euren Alben zuvor?

Es war insofern anders, als dass es dieses Mal keinerlei Erwartungen gab. Weder von uns, noch von außen. Es gab kein Label, was wochenlang an die Tür klopfte, und es gab auch keine Erwartungshaltung unserer Fans, weil kaum einer wusste, dass wir überhaupt mit neuem Material beschäftigt waren. Ich glaube, hätten wir nach "Bleed Like Me" einfach so weitergemacht, hätten wir uns früher oder später wirklich aufgelöst. Diese Pause war wirklich wichtig für die Band. Und sie war mindestens genauso wichtig für das Album, denn wir konnten absolut druckfrei arbeiten.

Ich bin wirklich dankbar für all die Erfahrungen der letzten Jahre und dafür, dass ich heute hier in Berlin sitze und über unser neues Album reden kann. Wir haben schon so viel erreicht mit allem, was wir bisher gemacht haben. Weitaus mehr, als wir je zu träumen wagten. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass sich die neue Platte auch nur annähernd so gut verkaufen wird wie unsere ersten Alben, auch wenn das nicht am Produkt selber liegt, sondern vielmehr an generellen Entwicklungen im Musik-Business.

Wir haben nahezu all unsere Ersparnisse in dieses Album gesteckt. Das birgt natürlich ein gewisses Risiko, dessen wir uns durchaus bewusst sind. Aber grundlegend ist der kommerzielle Aspekt bei diesem Album eher sekundär, auch wenn wir uns natürlich freuen, wenn es die Leute kaufen. In erster Linie geht es aber um uns und um unser Gefühl. Wir sind sehr glücklich mit dem Ergebnis und vollends zufrieden. Das ist das Wichtigste und die vor allem auch schönste Erkenntnis an dem Ganzen.

Das neue Album klingt für mich aufgrund seiner Vielfalt wie ein musikalischer Befreiungsschlag. Empfindest du das ähnlich?

Absolut. Wir haben in der Vergangenheit oftmals zu steril gearbeitet. Viele Ideen wurden gar nicht erst ausgesprochen, geschweige denn ausprobiert, weil man eigentlich schon von vornherein wusste, dass man auf taube Ohren stoßen würde. Das neue Album hat einen komplett anderen Entstehungsprozess hinter sich. Wenn jemand eine Idee hatte, haben die anderen zugehört. Und so entstand viel Neues und Kreatives. Wir waren diesmal offen für alles. Und ich glaube, das hört man dem Album an.

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