3. Mai 2024

"Ich will nicht die Künstlerin sein, die ich einmal war"

Interview geführt von

Garbages Kult-Album "Bleed Like Me" erschien vor 19 Jahren. Nun releast die Band um Leadsängerin Shirley Manson eine "Extended Version". Im Zoom-Call blickt die Musikerin auf die turbulente Entstehungsgeschichte des Albums zurück.

Ich treffe Shirley im Zoom-Call. Doch statt ihrer blond gebleichten Haare sehe ich ein schwarzes Fenster. Die Sängerin möchte das Interview heute lieber ohne Video führen. Obwohl Manson seit gut 30 Jahren in den USA lebt, verrät ihr charmanter schottischer Akzent ihre ursprüngliche Herkunft. Anfangs wirkt sie noch etwas müde, im Verlauf des Gesprächs jedoch immer lebhafter. Der Re-Release des vierten Garbage-Studioalbums "Bleed Like Me" ist ein idealer Anlass, die aktuelle Relevanz der Songs einmal unter die Lupe zu nehmen.

Hi Shirley, es ist fast 20 Jahre her, dass ihr euer Album "Bleed Like Me" veröffentlicht habt. Die Leadsingle handelt von psychischen Problemen. Denkst du, dass sich das Bewusstsein für diese Themen seither verbessert hat?

Ja, das würde ich schon sagen. Ich denke, dass das Stigma, das mit dem Sprechen über psychische Gesundheit verbunden ist, definitiv etwas abgenommen hat. Ich glaube, wir sind alle ein bisschen vertrauter damit, in der Öffentlichkeit über unsere Unzulänglichkeiten zu sprechen, über unsere Seltsamkeit, unsere Verrücktheit und unsere Einsamkeit. Ich glaube, es wird ein bisschen besser, aber ich weiß nicht, ob wir das eigentliche Problem wirklich in den Griff bekommen haben. Zumindest sind wir jetzt in der Lage, über das Problem zu sprechen, was an sich schon eine große Sache ist.

Erinnerst du dich daran, wie es war, als die Single 2005 herauskam? Wie haben die Leute darauf reagiert?

Ich kann mich nicht genau daran erinnern. Ich weiß nur, dass mir oft vorgeworfen wurde, zu düster und deprimierend zu sein. Aber unsere Fangemeinde hat das ganze Album sehr gut angenommen. Der Song ist in gewisser Weise zu einer Leithymne für die Band geworden. Ich glaube, unsere Offenheit und unsere Bereitschaft, über viele Tabuthemen zu sprechen, wissen unsere Fans zu schätzen.

Gibt es einen Song, der dir persönlich bei diesem Thema geholfen hat, zum Beispiel von einem anderen Künstler?

Alle Künstler, zu denen ich mich als Jugendliche hingezogen fühlte, haben Aspekte von Tabus angesprochen - egal ob David Bowie oder Siouxsie von Siouxsie & The Banshees, Leonard Cohen oder Nick Cave. Sie alle sprachen über Dinge, über die wir, in Anführungsstrichen, nicht sprechen sollten. Weißt du, Siouxsie & The Banshees haben "Happy House" herausgebracht, und das handelt von einer psychiatrischen Anstalt. Das hat mich schon sehr früh zu diesen Künstlern hingezogen, weil ich merkte, dass sie über Dinge sprechen, über die ich noch nie zuvor in einem öffentlichen Forum gehört habe.

Glaubst du, dass es gewissermaßen zur Aufgabenbeschreibung eines Künstlers gehört, diese schwierigen Themen anzusprechen?

Nein, ich glaube nicht, dass es die persönliche Verantwortung von irgendjemandem ist, über etwas zu sprechen, das er nicht erforschen möchte. Das Schöne am Künstlerdasein ist, dass man die Freiheit hat, über alles zu sprechen, worüber man sprechen möchte. Nicht alle Künstler wollen die dunklen Seiten der menschlichen Erfahrung erforschen, aber viele von uns tun es. Wir haben also diesen unglaublichen Freiraum, um alle möglichen Themen zu erforschen und kunstvoll aufzuarbeiten. Und die Leute können es sich anhören oder nicht. Sie können sich damit identifizieren oder nicht. Ich glaube, das macht deine Karriere aus: ob du über Dinge sprichst, die die Menschen beschäftigt und ihnen damit hilfst, ihre Gefühle auszudrücken. Ich meine, das macht die Kunst zu so einem Mysterium, nicht wahr?

Ja, da stimme ich dir zu. Ich denke auch, dass es darum geht, authentisch zu sein und das auszudrücken, was du wirklich denkst. Oder?

Ja, ich meine, authentisch zu sein, wahrhaftig zu sein, ehrlich zu sein, ist etwas, das ich in meinem Leben sehr ernst nehme. Es ist wichtig für mich. Aber das gilt nicht immer für alle. Es gibt auch viel Fantasie und Realitätsflucht in der Kunst. Ich denke, wir haben als Menschen unsere eigenen unterschiedlichen Stile und Arten, wie wir uns ausdrücken wollen. Aber für mich persönlich ist es wichtig, echt und ehrlich zu sein. Und das ist es, wonach ich auch bei anderen Künstlern Ausschau halte.

"Wir wollten uns nicht verändern"

Das Album "Bleed Like Me" war keine leichte Geburt. Ihr habt euch während der Produktion fast getrennt. Was ist damals schief gelaufen?

Ich denke, es ist eher die Frage, was richtig gelaufen ist. Nicht viel lief damals richtig. Ich glaube, der Kern der Sache war unser Kampf mit unserer musikalischen Identität, die im Widerspruch zu den aktuellen Trends stand. Die Rockmusik hatte sich in Richtung Garage entwickelt, zumindest im Alternative Rock, und war gitarrenlastiger und weniger einstudiert. Wir waren eher bekannt dafür, dass wir eine sehr stark produzierte Band waren und uns auf eine Menge Computer, Keyboards und Technologie verlassen haben. Der Geschmack in Sachen Alternative Rock hatte sich zu dieser Zeit komplett in Richtung des rauen Sounds von The Strokes und The White Stripes verschoben. Wir befanden uns außerhalb dieser Bewegung. Unsere Plattenfirma fing dann an, sich in unsere Arbeit einzumischen, wie wir es noch nie zuvor erlebt hatten. Wir fanden das ziemlich frustrierend, weil sie wollten, dass wir uns völlig verändern.

Wir haben uns vehement dagegen gewehrt. Sie drohten uns und wollten, dass wir ironischerweise eine poppigere Richtung eischlagen und mit einigen der damals erfolgreichen Hip Hop-Produzenten zusammenarbeiten sollten. Und sie sagten uns, dass sie uns fallen lassen würden, wenn wir uns weiter widersetzen würden. Und genau das ist dann auch passiert. Aber ich glaube, wir haben damals verstanden, dass es egal war, was für eine Platte wir machten. Es würde nicht ausreichen, um die Einstellung der Öffentlichkeit und der Plattenfirma uns gegenüber zu ändern. Das war eine Art Klima, in dem wir nicht kreativ sein konnten. Das hat viel Leid verursacht und eine Menge Frustration, weil wir ein sehr klares Gefühl für unsere eigene Identität haben. Und wir konnten uns einfach nicht vorstellen, uns zu verändern, um der Mode der Zeit zu entsprechen. Das schien uns einfach nicht zu interessieren. Also taten wir, was wir taten, und nahmen die Strafe dafür in Kauf. Die Ironie des Ganzen ist natürlich, dass das Album in den amerikanischen Billboard-Charts so hoch einstieg wie nie zuvor. Wir wissen, dass das Album auf Platz vier landete, aber zu diesem Zeitpunkt waren wir bereits von der Plattenfirma im Stich gelassen worden. Es gab also keinerlei Unterstützung für das Album auf dem Markt. Und so verschwand es natürlich schnell wieder. Wenn die Plattenfirma nicht daran interessiert ist, dein Album zu promoten, gehst du unter. Das ist dann das Ende. So ist es also passiert. In der Folge fingen wir an, uns gegenseitig anzuklagen. Wir gaben uns gegenseitig die Schuld. Es ist eine schreckliche Situation für einen Künstler, wenn das Geschäft die eigentliche Kreativität in den Hintergrund drängt. Das war genug, um uns alle abzuschrecken. Wir sind alle nach Hause gegangen und haben uns fünf Jahre lang nicht mehr blicken lassen.

Wie habt ihr das überwunden? Was hat euch geholfen, eure Vision zurückzubekommen?

Nun ja. Es war eine schwierige Zeit. Ich meine, ich kann nur über mein eigenes kreatives Überleben sprechen, denn ich weiß nicht, welche Erfahrungen der Rest der Band gemacht hat. Sie haben nie mit mir darüber gesprochen, also weiß ich es wirklich nicht. Mir wurde klar, dass ich eine Künstlerin bin, und ich glaube nicht, dass ich das jemals zuvor wirklich akzeptiert hatte. Ich habe immer gedacht, dass mein Erfolg ein Zufall ist. Mir wurde plötzlich klar, dass das etwas ist, worin ich sehr gut bin, worin ich sehr erfolgreich war und ohne das ich nicht mehr leben konnte oder wollte.

Und dann war da noch die Tatsache, dass meine Mutter im Sterben lag. Und ich fühlte mich meiner Mutter gegenüber in der Pflicht. Ich musste mich selbst wieder auferstehen lassen. Denn das wäre das, was sie von mir erwartet hätte. Die ganze Zeit war wirklich schwierig, denn es gab viele Todesfälle bei uns. Neben meiner Mutter starb auch die Mutter meines Mannes und der junge Mann meiner besten Freundin. Und dann haben meine Freunde ihr sechsjähriges Kind durch Krebs verloren. Als ich auf der Gedenkfeier sang, traf ich auf Butch und wir sprachen darüber, dass wir wieder Musik machen sollten, um die Trauer zu verarbeiten. Und das taten wir dann auch. Wir haben uns geschworen, uns nicht um die Musikindustrie zu kümmern, uns nicht darum zu kümmern, ob Radiosender uns spielen wollten oder nicht, uns nicht darum zu kümmern, ob eine Plattenfirma uns unter Vertrag nehmen wollte oder nicht. Es war uns egal, ob wir in den Charts ganz oben standen oder nicht. Wir wollten einfach nur kreativ sein und haben uns auf die Socken gemacht und uns nur darauf konzentriert. Und der zweite Akt von Garbage dauert nun schon länger als der erste Akt, was so seltsam und wunderbar ist, aber ein großes Privileg.

"Als ich jung war, war ich verschlossener"

War diese kreative Krise eine einmalige Erfahrung? Oder hattet ihr seitdem ähnliche Schluckaufs?

Nein, ich glaube, das war eine tiefgreifende Lektion für uns alle, eine, aus der wir gelernt haben. Seitdem sind wir nie wieder in eine Krise geraten, weil wir uns von vielen Dingen ferngehalten haben, die wir nicht kontrollieren können. Weißt du, wenn du jünger bist, machst du den Fehler zu glauben, es gäbe ein Verdienstsystem. Du denkst, dass es einen Preis gibt oder dass die Welt gerecht ist. Und wenn du dich erst einmal von all diesen Erwartungen befreit hast, die du selbst an dich stellst und die andere an dich stellen, liegt der Fokus darauf, ein besserer Künstler zu werden. Das ist alles, woran ich jetzt denke: Wie kann ich besser werden in dem, was ich tue? Wie kann ich lernen? Wie kann ich daran wachsen? Wie kann ich mich weiterentwickeln? Weißt du, ich will mich nicht wiederholen. Ich will nicht die Künstlerin sein, die ich einmal war. Ich denke nie: "Oh, ich wünschte, ich wäre jünger." Ich bin nicht daran interessiert, mein jugendliches Selbst zu erforschen. Das habe ich schon hinter mir. Ich möchte erforschen, wer ich jetzt als 57-jährige Frau in der Welt bin. Das ist es, was ich faszinierend und aufregend finde.

Was ist einer der größten Unterschiede zwischen damals und heute, verglichen mit deinem jüngeren Ich? Welches sind die Themen, die du derzeit erforschst?

Ich glaube, das, was mich am meisten beschäftigt, ist die Zärtlichkeit. Was ist das? Und wie können wir mehr davon finden? Weißt du, als ich jung war, war ich verschlossener und verängstigter. Ich hatte seltsame Vorstellungen davon, was wichtig ist. Und ich war das Zentrum von allem. Als ich älter wurde, habe ich gemerkt, wie unbedeutend ich eigentlich bin. Das ist faszinierend für mich. Und es ist auch unheimlich beruhigend. Es hat mir eine breitere Sicht darauf gegeben, was es bedeutet, am Leben zu sein. Ich denke auch viel über den Glauben und die destruktiven Auswirkungen von Religion nach. Die engstirnigen Vorstellungen, die die Menschen von ihrem Glauben haben, haben so viel Schmerz und Leid verursacht. Ich denke viel über die Kürze des Lebens nach und darüber, dass meine Zeit irgendwann abläuft. Als ich jung war, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht nie wieder zurückkommen würde, wenn ich zum Beispiel für eine Show nach Deutschland komme. Das war einfach nicht möglich, das war keine Realität. Daran habe ich nie gedacht. Und jetzt, wenn ich eine Stadt besuche, frage ich mich: Werde ich jemals das Glück haben, hierher zurückzukommen? Weißt du, ich bin in meinem Leben schon viel gereist. Ich bin durch ganz Russland gereist. Und jetzt frage ich mich, ob ich jemals wieder in St. Petersburg oder Moskau stehen werde. Werde ich jemals wieder in einem Zug nach Sibirien reisen? Weißt du, das sind Dinge, die mich jetzt beschäftigen und die mir früher nie in den Sinn gekommen sind.

Du hast erwähnt, dass du in diesen Tagen viel über Religion nachdenkst. Denkst du, dass der Glaube auch etwas Positives sein kann, etwas, das nicht einschränkt?

Ich denke, dass echter Glaube schön, bereichernd und magisch ist. Aber nur sehr wenige Menschen haben tatsächlich einen echten Glauben. Sie schließen sich aus Angst religiösen Organisationen an, aber ich weiß nicht, ob da wirklich Glaube im Spiel ist. Wenn dem so wäre, gäbe es viel weniger Gewalt, Schmerz und Leid. Wenn alle, die sich einer religiösen Praxis verschrieben haben, wirklich gläubig wären, würden wir nicht das erleben, was sich derzeit auf der Weltbühne abspielt.

In eurem Song "Metal Heart", singst du: "Ich wünschte, ich wäre nicht aus Fleisch und Blut. Ich würde mich nicht fürchten. Vor Kugeln, die mit mir im Sinn gebaut wurden. Denn dann könnte ich gerettet werden." Glaubst du, dass diese Welt von uns verlangt, ein Metallherz zu haben?

Ich glaube nicht, dass sie das von uns verlangt. Aber ich glaube, viele Menschen haben so viel Angst, dass sie sich abhärten. Ich glaube, sie glauben fälschlicherweise, dass sie nur so überleben können. Ich glaube, wir sind immer noch so unwillig, aus den Fehlern der vergangenen Jahrhunderte zu lernen. Wir weigern uns fast willentlich, aus den Fehlern zu lernen, die wir gemacht haben, aus den Lektionen, die uns immer und immer wieder gezeigt worden sind. Wir gehen immer wieder die gleichen Wege. Aus welchem Grund, weiß ich nicht genau. Ich glaube, wir sind nicht bereit, uns die Lektionen, die uns gezeigt wurden, genau anzuschauen. Vielleicht mangelt es manchmal auch an Vorstellungskraft, denn Vorstellungskraft erfordert den Mut, Linien neu zu ziehen, Karten neu zu zeichnen und neue Möglichkeiten zu entwerfen. Das erfordert einen Mut, den vielleicht nur wenige von uns haben. Es erstaunt mich, dass Menschen immer noch auf Gewalt zurückgreifen, um irgendeinen Konflikt zu lösen. Ich finde das verwirrend. Ich halte es für einen solchen Wahnsinn, dass wir denken, wir könnten irgendetwas lösen, indem wir jemandem eine Kugel ins Gehirn jagen oder Menschen bombardieren, weil wir uns weigern, zu vergeben, neue Realitäten zu akzeptieren und uns mit einer anderen Person zu identifizieren.

Ich finde den Titel eures Songs "Sex Is Not The Enemy" sehr faszinierend. Weißt du noch, wie du auf diesen Song gekommen bist? Ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft immer noch über Menschen urteilt, besonders über Frauen, wenn es um Sex geht.

Ja, Sex wurde zur Waffe gemacht, besonders gegen Frauen. Er wird absichtlich als Waffe eingesetzt, um Frauen zu kontrollieren, um sie kleiner und wohlerzogener zu machen. Und Sex wird auch als Waffe gegen Männer eingesetzt, die immer wild und sexuell aktiv sein sollen. Es ist schon verrückt, wie sehr die Kirche und der Staat Sex nutzen, um uns in unseren traditionellen Rollenvorstellungen zu halten. Wir sehen das gerade besonders in Amerika: Der Krieg gegen die Frauen ist erschreckend, und ich hätte mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass Frauen in den USA, in dem Land, in dem ich lebe, wieder dafür kämpfen müssen, dass ihre Gesundheitsfürsorge vom Staat übernommen wird, schon gar nicht im Jahr 2001, als wir diese Platte geschrieben haben. Aber unsere sexuelle und reproduktive Gesundheit wird ignoriert und als Waffe gegen uns eingesetzt, um uns zu kontrollieren. Es ist mittlerweile illegal, dass ein 10-jähriges Kind nach einer inzestuösen Vergewaltigung abtreiben kann. Das macht mich fassungslos. Ich verstehe nicht einmal, wie jemand, der bei klarem Verstand ist, so etwas gutheißen kann. Das ist total verrückt, das ist wie in einer Horrorgeschichte. Es ist wie in Margaret Atwoods "Handmaid's Tale".

In dem Lied "Boys Want To Fight" singst du: "Boys want to fight but girls are happy to dance all night“. Ist das eine Botschaft wie in Cindy Laupers "Girls Just Wanna Have Fun“?

Nein, ich glaube, der Song war eher eine Auseinandersetzung mit den engen Geschlechterkategorien, in denen wir alle gefangen sind, und ich weiß nicht, ob ich das damals schon wusste, als ich ihn schrieb. Jetzt, im Jahr 2024, haben wir ein ganz neues Vokabular, um mit dem umzugehen, was ich damals ausdrücken wollte. Ich war frustriert über diese seltsamen, sehr engen Grenzen des Geschlechterbinärs, ich war frustriert darüber, dass Männer in einer schrecklich engen Kategorie feststecken und Frauen in der anderen. Und meine Erfahrung mit der Welt war natürlich, dass die Geschlechtertrennung tatsächlich bizarr, unversöhnlich, dumm und einengend ist und uns als Menschen gefangen hält. Diese albernen Vorstellungen wie "Männer müssen der Ernährer sein", "Männer müssen stark sein", "Männer müssen muskulös sein", "Männer müssen kämpfen" sind meiner Meinung nach eine schreckliche Kategorisierung für jeden Mann. Genauso sollen Frauen lächeln und hübsch sein und, Gott bewahre, dass sie nicht versuchen, den Männern zu gefallen. Frauen sollen sanft sein, sich um andere kümmern, all diese Dinge. Diese engen Grenzen, in denen wir leben sollen, fand ich damals frustrierend. Ich freue mich, dass das binäre Geschlechterverhältnis jetzt so in Frage gestellt wird, denn ich glaube, dass es uns alle befreit. Es befreit Männer, Frauen und alle Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, so zu sein, wie sie sind, nicht wie der Staat es uns vorschreibt.

Lass uns zum Schluss über etwas Positives sprechen: Garbage wird diesen Sommer nach fünf Jahren erstmals wieder nach Europa kommen. Worauf freust du dich am meisten?

Weißt du, auf Tournee zu gehen, die Welt zu bereisen, war zweifellos die größte Freude in meinem ganzen Leben und hat sogar meine Karriere übertroffen. Zu reisen war immer das größte Privileg. Es ist so reizvoll, informativ, lehrreich und fröhlich. Ich liebe es, zu reisen, ich liebe es zu touren, ich liebe es, diese großartigen Orte zu sehen. Ich habe auf meinen Touren immer etwas über Menschen, Politik, Religion, Überleben und Spiritualität gelernt. Es ist einfach faszinierend. Das ist es, worauf ich mich freue. Je älter ich geworden bin, desto mehr Bedeutung hat das Touren für mich bekommen, denn ich habe erkannt, dass wir den Menschen dienen können, wenn wir irgendwo spielen. Als ich jung war, habe ich das nie so gesehen, aber jetzt weiß ich, dass wir als Band dafür sorgen können, dass sich jemand, der zu unserem Konzert kommt, besser fühlt und wenn er das Konzert verlässt, haben wir hoffentlich dafür gesorgt, dass er sich mehr mit sich selbst oder mit seiner Gemeinschaft verbunden fühlt, oder dass er sich geliebter, glücklicher und freier fühlt. Das scheint mir in gewisser Weise eine noble Aufgabe zu sein: Menschen ein gutes Gefühl zu geben. Was für eine große Freude das ist. Und das gleiche tut das Publikum auch für uns: Ich fühle mich immer besser, wenn ich ein Konzert verlasse, egal ob ich es besuche oder ob ich selbst auftrete. Ich verlasse die Bühne immer mit einem viel besseren Lebensgefühl. Da ich älter werde, sehe ich das Spielen nicht mehr als selbstverständlich an. Als ich jung war, kam ich nach Deutschland und mir kam nie in den Sinn, dass ich vielleicht nie wieder nach Berlin komme, dass ich vielleicht nie wieder nach Köln fahre und die Domspitzen von meinem Hotelzimmer aus sehe, dass ich vielleicht nie wieder in Hamburg bin und unten am Hafen stehe. So eine Gelegenheit bekommt man vielleicht nie wieder, also ist da eine gewisse Melancholie, aber auch eine Begeisterung, im Moment zu sein, hier zu sein, weil ich vielleicht nie wieder hier sein werde.

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