laut.de-Kritik

Mit Bob Dylan und Townsend in der Mongolei.

Review von

"Axioma Ethica Odini", "RIITIIR", jetzt "In Times". Letzteres ist nicht umsonst eines der meisterwarteten Extreme Metal-Alben des Jahres. In der Tradition seiner Vorgänger hält es die Superlative und den Stil Enslaveds am Leben.

Zeit – ein Thema, das sich nicht nur im Albumtitel, sondern auch in der Musik widerspiegelt. Teilweise gehen Enslaved weit zurück zu ihren schwarzmetallischen Anfängen, teilweise entfernen sie sich auch massiv davon und lassen so schon die Vorfreude auf zukünftige Werke steigen. Wie gewohnt verstehen es die Norweger meisterhaft, die progressiveren Stellen so in die Kompositionen einzuarbeiten, dass sie auch alteingesessene Oldschool-Fans nicht vergraulen. Die Entwicklung im Hause Enslaved ist zwar offensichtlich, vollzieht sich jedoch nicht abrupt, sondern oft über mehrere Alben hinweg.

War "Axioma" noch deutlich rifforientiert, zeigte sich "RIITIIR" 2012 schon offener. "In Times" setzt diesen Weg fort und stellt vor allem die Gesamtatmosphäre in den Mittelpunkt. Ivar Bjørnson beeinflusst dabei gemäß dem Titel, das Zeitempfinden seiner Hörer. Rauscht der Opener "Thurisaz Dreaming" mit brachialer Black Metal-Gewalt vorbei, erscheint das darauffolgende "Building With Fire" nahezu endlos. Was bitte keineswegs negativ aufzufassen ist!

Denn durch den sturen, simplen Drumbeat, den Cato Bekkevold über weite Strecken der fast neun Minuten durchhält, verliert man tatsächlich jegliches Zeitgefühl. Es könnten genauso gut 30 Minuten vergangen sein. Die Zeit scheint still zu stehen. Trotzdem wird "Building With Fire" nicht langweilig. Und vereint trotz des oberflächlich einfachen Aufbaus einen Großteil der gesamten Enslaved-Identität in sich.

Zum Beispiel erkennt man, welch wichtige Rolle der Clean-Gesang mittlerweile einnimmt. Und gleichzeitig, wie hervorragend die Dualität mit harschen Vocals funktioniert. Dazwischen tummeln sich Gitarrenmelodien, eine mustergültige Klangflächenreduzierung und -schaffung, ein dynamisches Auf und Ab, ein ewiger Kreislauf ... der schlagartig endet.

Zeitexperiment 3: "One Thousand Years Of Rain". Natürlich beginnt das Ganze mit Regen. Einsame Dissonanzen legen sich zart über das nasse Bett, dann steigen leicht fernöstlich angehauchte Volkslied-Akustikgitarren ein. Man wähnt sich schon mit Bob Dylan in der mongolischen Balladensteppe, da galoppiert Cato mit keifendem Grutle im Gepäck vorbei und metzelt die armen Bauern nieder.

Lebte "Building With Fire" gerade noch von seiner Gleichmütigkeit, springt "One Thousand Years Of Rain" ruhelos zwischen unterschiedlichsten, aber doch zusammenpassenden Teilen hin und her, als würden tatsächlich tausend Jahre im Zeitraffer vorgeführt. Eine Epoche jagt die nächste, Ereignisse wiederholen sich, nehmen aber andere Abzweigungen, wodurch sich völlig neue Tore öffnen. Schließlich erheben sich gar Arbeiterchöre über die unwirkliche Szenerie. Die Folkgitarre kehrt zurück, legt eine Klammer um das Vergangene. Ihre Melodie geleitet aus dem Song.

Fast schon cheesy setzt "Nauthir Bleeding" die Reise fort. Doch unter der sanften Oberfläche brodelt es gewaltig. Notgedrungen explodiert der Vulkan kurz darauf. Im Vergleich zu den anderen Songs fällt "Nauthir Bleeding" allerdings geringfügig ab. Vielleicht wäre hier eine Besinnung auf das Wesentliche sinnvoll gewesen, denn diese acht Minuten fangen zwischenzeitlich doch zu plätschern an und zünden nicht mehr so richtig.

Dafür holt der Titeltrack "In Times" das Versäumte im Anschluss nach. Ein treibendes Akkordriff macht den Anfang. Grutles Bass übernimmt darunter die Melodieführung, dazu entwickelt sich ein grandioses, "sprechendes" Solo. So schreitet "In Times" rund zweieinhalb Minuten faszinierend voran, bis es mit Palm Mute-Präzision in den Vocal-Part geht. Mittig kommt das Startriff als Reprise zurück, nun zusätzlich mit leiser Nylongitarre.

Das Highlight steht allerdings noch bevor. "Daylight" verspricht schon mit den ersten Tönen ein episches Finale. Drei Minuten lang relativ Enslaved-typisch, verändern abrupt einsetzende Clean-Gitarren die Stimmung komplett. Es folgt eine Hymne mit Potenzial zum Händeschwenken. Das Solo könnte ebensogut von Devin Townsend stammen. Im Stile des kanadischen Maestros geht es kurz weiter, bevor ein hektisches Riff einsetzt und Grutle – untermalt von Herbrands Backgroundharmonien – wieder zu grunzen beginnt. Zum Schluss gibts noch ein fettes Nackenbrecher-Brett und jeder geht glücklich nach Hause.

Bisweilen täte zwar etwas kompakteres Songwriting ganz gut und mir persönlich fällt die Weiterentwicklung im Vergleich zu "RIITIIR" und "Axioma" etwas zu statisch aus. Doch wirklich enttäuschen dürfte "In Times" trotzdem kaum jemanden. Schon gar nicht die Fans. Zumal der Enslaved-Raum offenbar noch immer genug Platz für Neues bietet. Mit "In Times" reihen die Norweger einen weiteren Hochkaräter ins Regal.

Trackliste

  1. 1. Thurisaz Dreaming
  2. 2. Building With Fire
  3. 3. One Thousand Years Of Rain
  4. 4. Nauthir Bleeding
  5. 5. In Times
  6. 6. Daylight

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2 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Diese Band ist einfach viel zu gut für Nuclear Blast. Selbst das Label merkt, dass seine Kundschaft größtenteils aus dümmlichen, übergewichtigen, schmierigen und sich selten waschenden Langhaarern mit Zauselbart und Nerd-Brille besteht, die mit 35 noch bei Mami wohnen, auf Festivals widerliches Billig-Dosenbier konsumieren sowie wegen jedem kleineren Sonnenbrand rumjodeln, dabei aber einen Wikingerhelm mit Hörnern (sic!) tragen und dabei nicht realisieren, wie wertlos ihre Existenz ist und, dass sie zum Zeitalter der Wikinger nicht mal 5 Minuten überlebt hätten. Darum kürzt Nuclear Blast die grandiosen 8-Minüter auch auf leichter verdauliche Vorabversionen runter, weil die Kundschaft keine allzu viel längere Aufmerksamkeitsspanne hat.

  • Vor 2 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.