laut.de-Kritik

Die Queen aus Brixton auf Orientierungssuche.

Review von

"And I looked, and behold a pale horse: and his name that sat on him was Death, and Hell followed with him. And power was given unto them over the fourth part of the earth, to kill with sword, and with hunger, and with death, and with the beasts of the earth."

Bibelreferenzen im Pop sterben nicht aus. Was den 1990ern das Ezekiel-Zitat in "Pulp Fiction" und den 2000ern die "Neon Bible" war, ist heute vielleicht Kanye "Yeezus" West. Oder Ebony Thomas, die für den Namen zum zweiten Album zur Zeile aus der Offenbarung des Johannes greift.

Der Titel ihrer wiederum selbstproduzierten Platte als Ebony Bones! reduziert das apokalyptische Moment der Quelle auf einen griffigen Popslogan. Das scheint zunächst zu passen: Weltuntergang ist schließlich nicht erst seit dem Ende des Mayakalenders in.

Außerdem bläht die Brixtonerin ihren ohnehin flamboyanten Sound auf "Pale Horse" oft auf symphonische Ausmaße auf: Reichlich Posaunen, ein Kinderchor sowie ein indisches Orchester halten Einzug. Sie formen ein musikalisches Äquivalent zur Bildersprache von apokalyptischen Reitern.

Allerdings muss Bones für diese Weitschweifigkeit in ihrem Repertoire mächtig aufräumen. Verschwunden sind all jene Elemente, aufgrund derer sie 2009 noch als kommende R&B-Soulpunk-Queen mit Pop-Approach neben Santigold eingereiht wurde. Die ADHS-Hektik, die schwindelerregenden Richtungswechsel zwischen dunkler Hymne, Indiedisco und elektronischem Schimmern weichen einem geradlinigerem Analogansatz.

Die erklärte Anhängerin Brian Enos changiert nunmehr vor allem zwischen orchestralem Arrangement und ihrer Postpunk-Erziehung. Wenn auf "Behold, A Pale Horse" gerade keine Kindergesänge oder Posaunen stattfinden, dominieren kantige Gitarrenriffs. Nach zwei Songs als Bombast-Intro folgt mit "Mystery Babylon Balloon" ein Stück, dessen kratziger Gesang nebst schmetternden Rifffolgen mehr an Karen O denn Santigold erinnern.

Vergleichbar geht es weiter. Regelmäßig dreht die Produzentin den Symphoniehahn voll auf (Streicher und Piano in "I.N.V.I.N.C.I.B.L.E.", das nachfolgende Instrumental "Bread & Circus"). Noch öfter allerdings frönt sie ihrer Leidenschaft für Talking Heads und Devo. Es regnet stoische Postpunk-Salven, in die eher einfallslose Percussion reinhagelt.

Unter dieser Dichotomie leidet das Album merklich. Dass weder das Gospelduett "Breathe" noch der Drum'n'Bass-geschulte "Neu World Blues" mitreißen, liegt an der falschen Prioritätensetzung in der Albumproduktion. Anstelle von infizierenden Melodien, wie sie der Vorgänger noch im Überfluss auslegte, übertönen omnipräsente Gitarren sogar Bones' eigene Stimme.

Weit in den Hintergrund gemischt, wird schon rein akustisch nicht klar, was die Künstlerin uns eigentlich mitteilen möchte. Lediglich die erneut Orwellschen Songtitel (sowie die Veröffentlichung via 1984 Records) im Verbund mit dem apokalyptischen Konzeptüberbau lassen emanzipatorisches Aufbegehren als Thema erahnen.

Konkreteres wird jedoch vom Riffshredder ohne Fingerspitze in anschlusslose Bruchstücke zerlegt. Zudem bleibt offen, in wieweit dieses störrische Anrennen gegen Überwachungsstaat und Geldprimat nicht bloßer Maskerade dienen. "Morphine For The Masses" heute wie "We Know All About U" damals haben die Engländerin schließlich nicht davon abgehalten, ihre Musik Citroën, Yves Saint Laurent oder EA Sports zur Verfügung zu stellen.

Konnte sie seinerzeit derartige Kritik hinter ihrem einnehmenden Strauß Adrenalinpop verbergen, steht Ebony Bones! diesmal relativ nackt da: Zwischen spätrömischer Dekadenz in der visuellen Selbstinszenierung (siehe Webseite) und uninspiriertem Saitenspiel steckt ein Album auf Orientierungssuche. So nachdrücklich "Pale Horse" um Bedeutsamkeit ringt, so sehr scheitert es, mangels ausformulierter Fixpunkte, an der Hürde Pop-Songwriting.

Trackliste

  1. 1. Behold, A Pale Horse (Feat. The Mumbai Symphony Orchestra)
  2. 2. I See, I Say
  3. 3. Mystery Babylon Balloon
  4. 4. While The People S.L.E.E.P.
  5. 5. What Difference Does It Make (Feat. The New London Children's Choir)
  6. 6. Neu World Blues
  7. 7. Breathe (Feat. Mechanical Elephant)
  8. 8. I.N.V.I.N.C.I.B.L.E.
  9. 9. Bread & Circus
  10. 10. Morphine For The Masses
  11. 11. Lazarus

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"Ich tendiere dazu, meine Musik gar nicht erst zu beschreiben. Weißt du, es ist so ein Mischmasch und Meltingpot aus unterschiedlichen Genres und Sounds.

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