laut.de-Kritik

Der König wirkt zu satt und zufrieden.

Review von

Drake hat sich 2015 unbestritten zum König des Hip Hop gekrönt. Nicht weil er der größte Lyriker, waghalsigste Musiker oder talentierteste MC ist. Diese Rollen haben Kendrick, Kanye und Co. inne. Aber der Kanadier war einfach überall.

Die Transformation zum allgegenwärtigen kulturellen Einfluss begann Anfang des Jahres mit dem Überraschungsmixtape "If You're Reading This It's Too Late" und endete mit den Twitter-Timelines überschwemmenden "Hotline Bling"-Memes. Entsprechend groß war die Erwartungshaltung vor "Views", dem schon vor zwei Jahren angekündigten vierten Studioalbum von Aubrey Graham. Das Album erscheint auf dem Höhepunkt der Popularität seines Schöpfers und sollte schlicht und ergreifend sein Opus Magnum werden.

Doch hat es sich ein König erst einmal auf seinem Thron gemütlich gemacht, dauert es meist nicht lange, bis er fett und zufrieden nur noch vor sich hin regiert. "This album, I'm very proud to say, is just – I feel like I told everybody how I'm actually feeling", prahlt der Toronto-Native im zahnlosen Promo-Interview mit Zane Lowe auf Apples Beats 1-Radiosender. Nach den ersten ermüdenden Durchläufen des 82 Minuten umfassenden Epos stellt man enttäuscht fest: Der Mann steht zu seinem Wort.

"Views" kreist fast ausschließlich um seinen eigenen Bauchnabel. Statt über den Rand zu blicken, leckt Aubrey lieber seinen Lieblingsteller aus, bis nichts mehr übrig bleibt. Risikoreiche Vorstöße in unbekannte Gefilde werden so weit wie möglich umschifft. Drakes Boot schippert stattdessen lieber auf bereits abgesteckten Routen entlang und verliert sich letzten Endes im Bermuda-Dreieck aus Beziehungsproblemen, Paranoia und Prahlerei.

Der streitlustige, launisch spittende Angry-Drake von 2015 macht wieder Platz für den passiv-aggressiven, weinerlichen Aubrey, der tief in seiner Psyche nach Offenbarungen sucht. "Life is always on, man, I never get a break from it / Doesn't matter where I go, I can never get away from it", heißt es etwa auf "9". Seine Ängste vor vergänglichem Ruhm, Intrigen und Untreue berühren viel zu selten auf einer persönlichen Ebene. Schlimmer noch, nach 82 Minuten wirkt Graham gefangen in einem ewigen, nie enden wollenden Loop aus nichtssagenden Lines.

"Views" hat trotz aller Kritik Momente, die beweisen, dass Drake sein Handwerk immer noch bestens beherrscht. "Hype", der wohl stärkste Track der Platte, hätte auch wunderbar zum aggressiven Protz-Drake aus "IYRTITL" gepasst. Auf "Weston Road Flows" gräbt Drake, untermalt von einem wunderschönen Mary J. Blige Sample, tief in seiner Vergangenheit. "Controlla" hat mit seinen karibischen Dancehall-Vibes einen Platz in jeder Sommer-Playlist sicher.

"Redemption", "Still Here", "Pop Style", "Views" – das alles sind solide Drake-Songs. Nur bleibt am Ende wenig von ihnen hängen, da sie der erdrückenden Länge dieser Platte nicht standhalten. Wo Drake im letzten Jahr noch mit zitierfähigen Lines nur so um sich warf, bleiben von "Views" nur die unzähligen, unfreiwillig komischen Wordneuschöpfungen à la "Thank Me Later" im Kopf: "Got so many chains, they call me Chaining Tatum" ist nur die Spitze des Struggle Bar-Eisbergs.

Mit Noah "40" Shebib steht ihm zum Glück ein äußerst fähiger Produzent zur Seite. 40 bastelte nicht nur 12 der insgesamt 20 Tracks, sondern saß auch beim Mastering hinter den Reglern und verpasst dem Gesamtwerk damit eine stimmige Handschrift, die sich musikalisch durch mehrere Jahrzehnte zitiert. Doch auch hier geht "Views" auf Nummer Sicher: Der verstärkte Einfluss von jamaikanischem Dancehall und Afropop kommt nach dem Erfolg von "Hotline Bling" in etwa so überraschend wie die Gästeliste: Rihanna, Future und einige Labelkollegen passen zum Motto der Platte: Play it safe.

Drake verwechselt Stagnation mit Loyalität zum eigenen Sound und stößt damit an seine Grenzen. "Views" ist eben nicht Aubrey Grahams Meisterwerk am Höhepunkt seines Schaffens, sondern einfach ein weiteres Drake-Album, mit all seinen Tugenden und Makeln. Neugier, Ideenreichtum und Kreativität vermisst man genauso schmerzlich wie den Antrieb, Neues zu probieren und sich damit künstlerisch weiterzuentwickeln. Der König wirkt schlicht satt und zufrieden.

Trackliste

  1. 1. Keep The Family Close
  2. 2. 9
  3. 3. U With Me?
  4. 4. Feel No Ways
  5. 5. Hype
  6. 6. Weston Road Flows
  7. 7. Redemption
  8. 8. With You (feat. PARTYNEXTDOOR)
  9. 9. Faithful (feat. Pimp C & dvsn)
  10. 10. Still Here
  11. 11. Controlla
  12. 12. One Dance (feat. Wizkid & Kyla)
  13. 13. Grammys (feat. Future)
  14. 14. Childs Play
  15. 15. Pop Style
  16. 16. Too Good (feat. Rihanna)
  17. 17. Summers Over Interlude
  18. 18. Fire & Desire
  19. 19. Views
  20. 20. Hotline Bling

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14 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Das Ding hat wenige gute Tracks, die in ner drögen Masse an langweiligen Stücken untergehn, die teilweise viel zu ähnlich klingen. Das Storytelling samt Reimen wirkt immer wieder extrem billig und hingeschludert.
    Hör-Empfehlung: Views, Hotline Bling
    2/5

  • Vor einem Jahr

    Ich mag das Album. Aber vor allem aus der musikalischen Perspektive. Die Beats machen Spaß, Hype hervor zu heben ist da logisch und richtig. Schade finde auch ich die textliche Seite. Viel zu viel Beziehungsblabla. Es scheint, als würde Drakes eigene Gefühlswelt nur noch von Frauen dominiert. Ich perösnlich mag die emotionalere, persönlichere Seite von Drake, aber vor allem wenn es wirklich intim wird, also etwa "Look what you've done", oder ähnliches. Da spielen Frauen zwar auch eine Rolle, es fühlt sich aber nicht an, als würde ein 16 Jähriger über seine verflossene Chantal weinen, die jetzt Instagram-Nutte ist, statt Drake's-Nutte.

  • Vor einem Jahr

    "Drake hat sich 2015 unbestritten zum König des Hip Hop gekrönt. Nicht weil er der größte Lyriker, waghalsigste Musiker oder talentierteste MC ist. Diese Rollen haben Kendrick, Kanye und Co. inne. Aber der Kanadier war einfach überall."

    In welcher Parallelwelt lebt der Autor? 2015 war ja wohl ganz klar Future Spitzenreiter. Beastmode, 56 Nights, DS2, WATTBA. Von Januar bis Mai kam fast alle zwei Wochen ein neues Video.

  • Vor einem Jahr

    Das Ding ist kein Meisterwerk und es hat ganz klar unspektakuläre Songs, ja, sogar "Filler" und nicht nur ein oder zwei! ABER(!), die Platte hat 20 Stücke drauf! Wenn ich einfach mal 10 wegrationalisiere, finde ich dennoch (mindestens) 10 Songs, die gut bis großartig sind. "Once Dance", "Pop Style", "Too Good", "Views", "9", "Grammys", ..., insgesamt ist es neben "The Life Of Pablo" das Hip-Hop-Highlight des bisherigen Jahres (wobei TLOP ein Stück stärker ist-da: sehr stimmiges Werk/"Views" wirkt teilweise sehr unruhig und zusammengewürfelt und manchmal zu deprimierend)

  • Vor einem Jahr

    Wie soll man etwas haten, das sowieso nirgendwo sonderlich gut wegkommt? Schreiben kann er nicht, rappen kann er nicht, beats wie meistens gut bis hervorragend.

    Die Deluxe-Box gibt es uebrigens mit douche bag und extra soften Taschentuechern.

  • Vor einem Jahr

    late 2016: Drake ist persönlichkeitstechnisch immer noch eine kleinwüchsige Schwuchtel und Views hat es maximal zum mittelmäßigen Filleralbum geschafft.

    Währendessen releast Maik zwei EPs und schlussendlich ein tape, das den ganzen beef einfach mal wieder in Vergessenheit geraten lässt. Bin wirklich froh, dass Meek da gestärkt rausgegangen ist und nicht irgendwie ins Straucheln geriert.
    Seine Karriere war ja sowieso schon an einem seltsamen Punkt. Egal, features von YFN Lucci, 21 Savage, Tory Lanez und dann noch ein ordentlicher Part von Nicki. Dazu altes Material von Snupe (R.I.P.) im Outro. Drake ist nicht Hip Hop, sorry.