laut.de-Kritik

Endlich raus aus der Ärzte-Zwangsjacke.

Review von

Neues aus Bullerbü: Für "Bye" mutiert Bela B. zum Cowboy und sattelt zusammen mit Smokestack Lightnin', Peta Devlin, Walter Broes und weiteren Gästen Reitkuh Natalie. Zeigte sich Herr Felsenheimer auf "auch" ungewohnt blutleer, lustlos und mit angezogener Handbremse, profiliert er sich nun, befreit von der die Ärzte-Zwangsjacke, als deutscher Johnny Cash und fühlt sich "kuriert und endlich frei, frei, frei".

Erstmals löst er sich vom Sound seiner Hauptband und entwickelt ein eigenes, erfrischendes Profil. Graf und Vampir kommen zumindest vorübergehend in die Mottenkiste. Anstatt ein weiteres Mal dem Teenie-Punk zu frönen, orientiert er sich an alten Grantlern wie Lee Hazlewood, Johnny Cash und Tom Waits.

Tumbleweeds wehen durch das unheilige Highlight, das staubige "Der Sünder", bis mit einem dämonischen Lachen wie im Titty Twister die Hölle losbricht. Durch "Teufelsküche" wankt und rumpelt Felsenheimer mit großer Schöpfkelle in der Hand in Richtung des brodelnden Kessels, in dem sonst Tom Waits sein boshaftes Süppchen kocht. In der trockenen Country-Ballade "Peng" zelebriert Marschall Bela B. mit opulenten Streichern und mexikanischen Bläsern einen John Wayne-Western in Cinemascope.

Den einzigen wirklichen Totalausfall liefert Deutschlands zweitbester Stehschlagzeuger mit dem Text zu "Sentimental". Hier begibt er sich auf ein Niveau mit Reinhold Beckmann und baut eine emotionale Bindung zu angetrockneter Herrencreme auf. "Ich sitz' auf einem Spermafleck auf der Rücksitzbank meines Wagens / Ich bin allein / Er ist da, doch du bist weg / Und ich denk' an dich / Was kann noch trauriger sein." Wir reichen Bela ein feuchtes Tuch und ziehen weiter.

Mehrfach trifft sein tiefes, raues Organ im Stile der besten Country-Duette auf ein weibliches Gegenüber. Während die beachtenswerte Lynda Kay ihn in "My Soul / Dein Herz" in ebenso dunklen Timbre begleitet, stellt ihm "Nicht Nice" reizvoll Peta Devlins glasklare Stimme entgegen. Leider gehört der Track zu den schwächeren Stücken des Albums und bleibt bis auf Belas Vocals auf dem Level eines besseren, aber vorhersehbaren Heinz Rudolf Kunze-Stückes der 1990er hängen. Das kleine Deutschrockgirl freut sich. Das minimalistische "Belphegor" gleicht diesen Patzer aber schnell wieder aus.

Mit "Bye" schafft Bela B. etwas, das ihm im Umfeld von Farin Urlaub und Rodrigo González zuletzt verweigert wurde: Er wirkt authentisch, bei sich angekommen und nur selten berufsjugendlich. Gerade einmal im Refrain von "Bombe Tickt" hört man noch deutlich die Ärzte durch. So funktioniert Longplayer Nummer drei auch am besten, je weiter sich sein Hauptdarsteller in Richtung Outlaw, Bluegrass und Nashville aufmacht. Eine überzeugende Country-Platte, die einen Punkt Abzug für den Spermafleck bekommt.

Trackliste

  1. 1. Abserviert
  2. 2. Wenn Das Mal Liebe Wird
  3. 3. Streichholzmann
  4. 4. Der Sünder
  5. 5. Immer So Sein
  6. 6. Sentimental
  7. 7. Teufelsküche
  8. 8. Nicht Nice
  9. 9. Belphegor
  10. 10. Verwöhn'
  11. 11. Bombe Tickt
  12. 12. My Soul / Dein Herz
  13. 13. Peng!

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12 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 2 Jahren

    Einen Punkt Abzug für den Spermafleck? ;) Die Bewertung klingt überaus positiv und dann gibts gerade einmal 3 Punkte? Ein Punkt Abzug für einen Song... Wenns 3 unterdurchschnittliche Songs gäbe, dann hätte die Platte wohl dieselbe Bewertung wie der neueste Dünnpfiff von Enrique iglesias bekommen... ;)
    Die Platte ist erfrischend anders als das, was man erwarten konnte, zumal die Platte deutlich besser als "Code B" vor viereinhalb Jahren ist.
    Meiner Meinung nach hat die abwechslungsreiche Platte 4/5 Sterne verdient...
    Finde den Stil klasse, erinnert mich insgesamt an Tarantino-Soundtracks...

  • Vor 2 Jahren

    Nach der Rezi würd ich ja glatt mal reinhören. Für mich ist Bela schon vor letzten Ärzte Platte unhörbar geworden.

  • Vor 2 Jahren

    Sorry, aber der Text liest sich sehr ähnlich wie dieser hier: http://www.ampya.com/news/Reviews/Endlich-… Abgeschrieben?

    • Vor 2 Jahren

      Na ja, das Textzitat ist da, ansonsten sehe ich da jetzt nicht viel ähnlichkeit. Zumal es um die gleiche Platte geht, da wird es immer ein paar Überschneidungen geben.

  • Vor einem Jahr

    Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

  • Vor einem Jahr

    peinlich berührt? man muss einfach bela´s humor kennen

  • Vor einem Jahr

    aber mal ernsthaft: wenn ein Lied so schlecht sein soll, dass es in der Lage ist, ein ganzes Album um einen ganzen Stern, also 1/5 nach unten zu reißen, dann erwarte ich als Leser ein bisschen mehr Begründung, als die Tatsache, dass es von einem Spermafleck handelt. Was ist mit der musikalischen Ebene des Tracks, die ja für einen solchen Gau ebenfalls sehr schlecht sein müsste? Was genau ist daran niveaulos, abgesehen von deinen betretenen Gefühlen, Sven? Also ein Track, der allein durch die Wahl des Themas einen ganzen Stern wiegt, scheint ja irgendwo ins Schwarze getroffen zu haben. Einen Sexismus-Vorwurf kann man Herrn Felsenheimer hier jedenfalls sicher nicht machen, das sehe ich nicht, da hat "Manchmal haben Frauen" schon mehr Angriffsfläche geboten.
    Und der Vorwurf der Niveaulosigkeit aufgrund von albernen Liedern über Sex ist mindestens so alt wie DÄ.
    Und da ist die Bemerkung, dass etwas Profanes oder auch "Anrüchiges" wie ein Spermafleck, der sonst möglicherweise eher andere Assoziationen von Schmuddel bis wer weiß nicht was weckt, wenn es um eine "verflossene" Liebschaft geht, ironischerweise auch sentimentale Gefühle auslösen kann, sogar relativ scharfsinnig. Trotzdem ist das Lied durch und durch ironisch, irgendwo zwischen Quatsch und Ehrlichkeit, irgendwo zwischen Omaboy und seinen etwas ernsteren rückblickenden Liebesliedern. Nur wegen "Sex" und "Auto" den Vergleich zu Reinhold Beckmann zu ziehen, find ich platt. Vielleicht hat dessen Song dich so traumatisiert, dass dich alles, was im entferntesten daran erinnert, schon triggert?
    Wenn ein bisschen mehr Begründung dargelegt worden wäre, würde ich es gelten lassen, aber so riecht mir dieser Minus-Punkt doch arg nach Bestrafung aufgrund von persönlichen Issues, Power-Game, Politics und Meinungsmache nach dem Motto "Weil ich´s kann".
    Objektiv ist eine Rezension natürlich nie, aber so wie hier, nen ganzen Stern abziehen wegen Sittenwidrigkeit (ach ja, "Niveaulosigkeit) in einem einzelnen Lied, ohne wirkliche Begründung, finde ich selbstgerecht. Und dann auch noch das "Wir" (reichen ihm ein Tuch) um das Bild einer Überzahl zu erzeugen, durch die Bela sich beim Lesen wahrscheinlich bloßgestellt fühlen soll, (um die Gefühle der Betretenheit zurückzuwerfen?) finde ich bezeichnend...