25. März 2021

"Beim Wacken werden nie wieder 80.000 Leute stehen"

Interview geführt von

Tom Angelripper (58) ist Bassist, Sänger und Chef der deutschen Thrash Metal-Legende Sodom.

Im Interview spricht das Ruhrgebiet-Original über die aktuelle Lage, Finanzen, Zukunftspläne, private und gesellschaftliche Aufreger.

Es jährt sich das Auftrittsverbot aufgrund der Corona-Pandemie, wie geht es dir und der Band?

Uns gehts natürlich nicht so gut, klar. Bis mal die staatlichen Hilfen kamen ... das ist auch alles verwaltungstechnisch schwierig, man muss alles belegen, und am Ende wollen die das wieder zurück haben. Naja, es hilft halt einfach nicht. Am Anfang bekam man Künstlerhilfe, das waren so 2.500 Euro, dann hieß es auf einmal, 'der Pott ist leer'. Manche Künstler haben gar nicht den Mindestumsatz, um in der Künstlersozialkasse zu sein.

Unser Gitarrist, der Yorck, der hat erst mal Hartz 4 beantragt. Auch die ganzen Backline-Jobs, die viele Künstler über Wasser halten, sind weggefallen. Rücklagen habe ich persönlich auch keine großen, und was helfen mir ein paar tausend Euro Soforthilfe, von denen ich mir 'nen neuen Marshall-Verstärker kaufen kann, wenn ich eigentlich 'nen Kühlschrank brauche? Es ist bitter, aber wir arbeiten trotzdem weiter im Proberaum. Gerade schreiben wir neue Songs, geplant ist erst mal eine EP im Sommer und dann Festivals. Es gibt schon ein paar Tourdaten. Aber ob das so stattfindet, ist ja fraglich. Es ist alles fürchterlich und schwierig.

Bringt das finanziell noch was, heutzutage ein Album zu machen?

Naja, das bringt ja erst mal überhaupt kein Geld. Du kriegst einen Lizenzvorschuss von der Plattenfirma, und dann fließt das mehr oder weniger in die Produktion. Ist ja nicht billig, so 'ne Scheibe zu machen. Alleine die Spuren aufzunehmen, dann abmischen und mastern – kostet alles ein Haufen Moos. Meine Jungs werden anständig bezahlt, wenn die Platte fertig ist, dann kannste gucken, wie du die abverkaufst. Ein Jahr später kriegst du 'ne Lizenzabrechnung, und ob das stimmt, was da drinsteht, ist ja so 'ne Sache. Die genauen Verkaufszahlen erfährt man eh nie.

Bleibt vom Streaming was im Geldbeutel übrig?

Da merkste überhaupt nix von, ey. Früher war das so, da haste deine Vinyls gehabt, dann haste gesehen, ob du zehn- oder zwanzigtausend Platten verkauft hast und fertig. Gesetzt den Fall, die Plattenfirma hat vernünftig abgerechnet. Die haben das Zeug dann auch in Polen oder Tschechien pressen lassen, um dem Zählwerk oder der GEMA zu entgehen. Du erfährst es nie – eigentlich müsste "Agent Orange" schon drei Mal Platin sein. Am Lizenzgeschäft ist nur gut, dass man überhaupt ein neues Album machen kann. Und wer als Band ein neues Album hat, der wird für Konzerte und Festivals gebucht. Das ist das Einzige, wo dann wirklich Kohle herkommt.

Sodom sind 2019 auch nicht so viel getourt, oder?

Nee, das ist ja das Problem. Zu unserem Drummer, dem Toni Merkel hab ich letztens gesagt: 'Mit unserem allerersten Schlagzeuger, dem 'Bloody Monster' Rainer Focke, haste eines gemeinsam – wir haben noch nie zusammen live gespielt!'. Das ist für den auch bitter, der will natürlich bei Sodom einsteigen, Shows spielen, Profimusiker werden, und die Lage bremst so jüngere Leute total aus.

Was für Rückmeldungen bekommst du aktuell von den Veranstaltern und Betreibern?

Manche wissen nicht, ob es überhaupt weitergeht, viele hatten einfach in den blauen Dunst auf 2021 verschoben. Wenn das wieder nicht stattfindet, dann sind die auch pleite. Besonders so kleinere Veranstaltungsorte, wo auch mal Disco ist oder Einzelkonzerte, das fällt ja alles weg. Bestimmt kriegen die auch irgendwelche Hilfen, aber einige der Kleineren haben auch schon für immer dicht gemacht. Ich sag mal, so eine Institution wie Wacken wird es trotzdem immer noch geben, die werden das schaffen. Da werden zwar nie wieder 80.000 Leute zusammengequetscht stehen, das glaube ich nicht. Aber die Großen werden irgendwann 'ne Lösung finden.

Klingt nach der allgemeinen Lage. Die ganz Großen und die ganz Kleinen trifft es weniger hart als die mitten drin. Ob man das nun auf Unternehmen, Festivals oder Bands überträgt. Hinterhofkapellen und Stadionrocker sind nicht existenziell bedroht.

Zum Beispiel der Grönemeyer hat gut reden. Der hatte ja die Idee, ob man so als dicker Musiker mal ne Patenschaft für fünf oder sechs kleinere Mucker übernimmt, die keine Kohle mehr haben. Klar, der Grönemeyer oder der Campino, die können sich ruhig auf die Bühne stellen und das Maul aufreißen, wie schlimm das alles ist. Meinste von denen kommt einer nicht über die Runden? Echt ey, das ist nur lächerlich.

Grönemeyer als Pate für Sodom fände ich herzerwärmend.

Der soll ruhig monatlich zahlen, ein paar Musikern aushelfen, damit die in Ruhe ihr Album machen können und sich nicht um die Miete sorgen müssen, bis wieder Touren möglich sind. Ganz ehrlich, da wirds mir echt zu viel, wenn ich sehe, wie die bei Maischberger oder beim Lanz sich großspurig einen abheucheln. Da könnt ich mich schon wieder hinsetzen und 'nen Text drüber schreiben, echt.

Dich hat noch keiner gefragt, ob du mal zu Lanz willst?

Ich war sogar mal eingeladen! Da gings um diese Geschichte mit Udo Jürgens. Wir hatten 1993 die Single "Aber bitte mit Sahne!" gemacht, und dem Udo Jürgens, dem passte das gar nicht. Da gabs ewig Probleme mit seinem Anwalt, mit seinem Verlag und so, nach dem Motto, dass wir das nicht machen können. Dabei haben wir gar nicht viel geändert, nur aus der Schlagerversion eine Rockversion gemacht. Auf jeden Fall kannte die Geschichte auch der Lanz, der ist übrigens, man glaubt es kaum, Metal-technisch vom Fach! Am Ende wollten die nur den Udo Jürgens und mich dabei haben, und wir sollten das im Fernsehen abhandeln. Kam dann nicht zustande.

"Ich sammle Fotos von Gelsenkirchen"

Zurück in die Gegenwart – du wohnst immer noch in Gelsenkirchen?

Hier wohne ich immer noch, und ich bleibe auch hier. Ich sammle auch Fotos und Postkarten zur Stadtgeschichte, habe drei Bücher gemacht.

Wie hast du den Wandel in der Stadt erlebt?

Wir haben hier mittlerweile die höchste Arbeitslosenquote in ganz Deutschland, und jetzt kackt auch noch Schalke ab. Wenn du mal in so einen Stadtteil wie Schalke gehst, wo früher die 'Blaue Meile' war – fürchterlich. Im Stadtnorden gehts ja noch, das ist es ein bisschen schöner, aber wenn du mal im Süden übern Kanal drübergehst und so durch Gelsenkirchen spazierst, da kannste nur verzweifeln. Alles ist total vermüllt, die Leute ziehen hier weg, aber wo sollen sie hinziehen? Früher hatten sie ihre Arbeit in den Zechen und Stahlwerken, jetzt liegt alles brach.

Im Moment zählst du ja zu den Arbeitslosen.

Das haben die mir auch geschrieben: 'Wenn Sie kein Geld haben, können Sie Hartz 4 beantragen'. Will ich ja nicht, sonst heißts noch, ich hab 'n Häuschen, ich hab 'n Auto vor der Türe, ich hab 'ne Postkartensammlung, und das muss erst alles weg. Kommen die erst noch in meine Bude gucken. Naja, es ist einfach unbefriedigend für alle Beteiligten, aber wir müssen Geduld haben, das sage ich zu meiner Band auch immer. Irgendwann kommt halt die Impfung, und dann werden wir sehen.

Unser Gitarrist, der Frank, hat schon gesagt, er will sich auf keinen Fall impfen lassen. Aber was ist dann? Am Ende kommt man nicht mehr am Flughafen rein, dann hast du faktisch Reiseverbot. Oder Eventim legt fest, dass nur noch geimpfte Leute deren Veranstaltungen besuchen dürfen – das zählt dann schließlich auch für Bands. Wie gesagt, wir sind trotzdem zuversichtlich, wir proben, arbeiten am neuen Material und lassen es auf uns zukommen. Ich kann doch nicht zuhause sitzen und nix machen. Manchen fällt die Decke auf den Kopf, die langweilen sich. Ich langweile mich nie.

"Viele werden depressiv und fangen an zu saufen"

Wie regelmäßig seid ihr im Proberaum?

Zwei Mal die Woche, das ist aber immer schon so. Ich bin auch mit der aktuellen Besetzung total zufrieden, das ist smooth, das ist einheitlich, das läuft. Wir wissen auch, wofür wir arbeiten: Eine neue Platte machen, dann bist du im Gespräch und hast Routine für anstehende Konzerte. Im Proberaum haben wir auch ein Studio eingerichtet, wo wir vieles selbst recorden. Ich habe auch ein bisschen in Hardware und Software investiert, damit man das anständig machen kann. Unser Drummer Toni ist da sehr fit, was das alles betrifft. Für "Genesis XIX" haben wir vor Ort aufgenommen und anschließend analog mischen lassen vom Siggi (Bemm). Obwohl das Analoge jetzt nicht der große Effekt war, den ich mir erhoffte.

Und am Wochenende?

Ich vermisse natürlich schon, mal mit meinen Kollegen in die Kneipe zu gehen. Zur Zeit trinke ich auch überhaupt kein Bier. Wann hab ich überhaupt zum letzten Mal Bier getrunken? Ah ja, beim Video zu "Friendly Fire", das haben wir im Proberaum gedreht, da haben wir uns dann die Kante gegeben. Ich bin eher der gesellige Typ, keiner der alleine zuhause sitzt und 'ne Pulle Bier trinkt. Da habe ich überhaupt kein Bock drauf. Aber klar, viele werden jetzt depressiv und fangen an zu saufen. Für viele Musiker ersetzt die Roadcrew ja sogar die Familie, das war bei mir nie so. Mein Sohn hat gerade die Gesellenprüfung bestanden, meine Tochter studiert, die wohnen beide noch zuhause.

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