laut.de-Kritik

Trotz solider Rapskills: Potenzial verschenkt.

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Eines vorab: Sero El Meros zweites Werk gerät zu Achterbahnfahrt. 17 Lieder bilden den "Ghetto Diamant" und schon der erste Titel liefert die entscheidende Erkenntnis: Ganz Deutschrap tanzt auf dem Ghetto-Karneval, jeder hat 'ne Maske auf, bitte bitte seid doch mal echt. Dieser Ansatz überrascht, reiht sich Sero El Mero doch in den Kader von Instagram-Rappern ein, denen die Hüter des wahren Hip Hop™ immer einen allzu geschäftsorientierten Ansatz vorwerfen.

Als wolle er diese Unterstellung bestätigen, macht Sero El Mero direkt danach eine Rolle rückwärts. Zack, der Kanervalswagen fährt los, Sero steht ganz vorn und schwingt die Dancehall-Shaker. "Im Ghetto" feiert das Leben in Bremerhaven: "Autos, Drogen, Para, Money". Sero macht das aber natürlich - wie sollte es anders sein - nur für Mama. Der geht's glücklicherweise gut, warum sie in dem Song erwähnt werden muss, bleibt jedoch unklar. Man ist gleich tief drin in der Mottenkiste, jedes Klischee findet Verwendung. Ein bisschen Dancehall, bisschen Trap, bisschen Deeptalk, "na na na", fertig!

Sero und Produzent Oster klauen schamlos bei allen aktuellen Trends, die irgendwie Erfolg versprechen. Aber, ich traue es mich kaum zu sagen, es funktioniert. Trotz teilweise unangenehm anbiederndem Sound sind doch immer wieder Tracks auf dem Album, die einfach Spaß machen. "Ruf Mich An" ist absolut generisch, bietet aber drei Minuten beste Unterhaltung. Oster hat ein Händchen für eingängige Beats und wechselt zwischen den Stilen, genau wie Sero El Mero auf jedem Track mindestens drei mal den Flow ändert.

Der Bremerhavener verstrickt sich trotzdem im Verlauf des Albums immer weiter in Widersprüche. Hängt er auf dem einen Track den Realkeeper raus, der noch wirklich rappt, bringt er danach unglaublich kitschige Hooks, die stark auf Modus Mio schielen. Der musikgewordene Booty Call "Late NighT $eX" mit Nimo klingt tatsächlich genau so unangenehm wie das Lesen von betrunken verschickten Nachrichten am nächsten Morgen.

Thema Realkeeper: "Babble La Bab" persifliert die endlosen Karawanen von Songs, die mit absoluter Inhaltslosigkeit und Lala-Lele-Hooks in letzter Zeit Erfolg haben. Neben Schüssen in Richtung Capital Bra zielt er auch recht offensichtlich auf Eno und das "Deutschrap ist fresher denn je"-Meme. Und das "alles zerfickende Rapmonster" haut tatsächlich Bars raus. Erinnerungen an die Zeiten, als Sero El Mero noch ein Dude auf Instagram war, der aus dem Nichts richtig gut rappt und mit seinen Jungs immer eine Heidenzeit hat.

Leider verschenkt er dieses Potenzial auf "Ghetto Diamant". Solide Rapskills retten nicht über die Dauer von 17 Tracks, die eingängige Produktion macht zwar Spaß, innovativ klingt aber anders. So bedient sich Sero auch für "Dollar $ign" eines alten Taschenspielertricks: Anstelle tatsächlich interessanten Songwritings packt er ein wenig Hall auf die Stimme und zieht die Wörter der Hook unendlich lang. Da fragt auch niemand mehr, welchen Preis er denn zusammen mit Kollege Carvelo El Mero zahlen muss.

Sero kocht mit "Ghetto Diamant" die Zutaten von "BabyFaceFlow" nochmal auf. Die Probleme, an denen sein Debüt krankte, zeigen sich daher noch deutlicher. Der Rapper bietet wenig Profil abseits seiner Technik. Dabei beschwört das "Outro" gar Haftbefehl-Ästhetik herauf. Ein Spoken Word über die Falschheit seiner Freunde, das Leben an der einsamen Spitze. "Wieso kann ich mit dem Geld keine Liebe kaufen?" Ob kalkuliert oder nicht: Hier schimmert eine Verletzlichkeit durch, die Potenzial für tatsächlich interessante Geschichten andeutet. Leider erst auf dem letzten Titel.

Trackliste

  1. 1. Maske Ab
  2. 2. Im Ghetto
  3. 3. Ein Mann Ein Wort
  4. 4. Lila Airwaves
  5. 5. Lass Cruisen
  6. 6. Babble La Bab
  7. 7. Bulamdim
  8. 8. Ciroc
  9. 9. Late Night Sex feat. Nimo
  10. 10. Gunshot
  11. 11. Dollar $ign feat. Carvelo El Mero
  12. 12. Greencity
  13. 13. Instagram
  14. 14. Ruf Mich An
  15. 15. Alles Politik
  16. 16. Mein Bruder
  17. 17. Outro

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