Indie-Star Grimes beschreibt die Auswirkung des postmodernen Eskapismus der Millenial-Generation mithilfe einer Spotify-Playlist.

Montreal (ynk) - Grimes sammelt ihre Einflüsse und aktuellen Lieblingssongs ab sofort in Form einer Playlist auf Spotify. Für "The Faé List" stellt die kanadische Indie-Songwriterin Musiker aller Genres und Bekanntheitsgrade zusammen. Von taiwanesischem Industrial-Rap wie Aristophanes bis zu Taylor Swift, von Atlanta-Sängerin ABRA bis hin zu Cardi B oder Lil Uzi Vert findet sich hier eine Vielzahl an modernen Staples und Geheimtipps, Perlen von Dream-Pop über Avantgarde bis hin zu geradliniger Radiomusik.

Auch wenn der Instagram-Post typisch ungezwungen und formlos formuliert ist, lassen sich doch Gedanken herauskristallisieren, die sich mit ihren früheren Aussagen zum Thema Genre und Entwicklung der Wahrnehmung von Musik decken: "Außerdem erschaffe ich mein eigenes Genre, weil Leute mich die ganze Zeit fragen, was mein Genre ist. Da gibt es zwar viel zu sagen, aber das ist nur der erste Paragraph meines Manifests: 'Die Faé sind Kinder, die am Ende der Welt leben, die Kunst schaffen, die reflektiert, wie es ist, eine Erde zu bewohnen, die der Menschheit nicht mehr arg viel länger standhalten kann. Wir leben im Wissen, dass ein umweltbedingtes Völkersterben nahe ist, dass die letzten Übrigen in der Erde selbst verschluckt werden. Buße der Unschuldigen für die Sünden der Reichen. Das bedeutet nicht, dass alle Kunst direkt davon handelt, sondern dass der Einfluss dieser Wirklichkeit für die Faé unentfliehbar geworden ist.' "

Was sich zunächst wie ein halb-ironischer Aufruf zum kommunistischen Klassenkampf und halbgarer Kapitalismuskritik anhört, trifft den Punkt einer ganz anderen Sache jedoch im Kern: Grimes beschreibt hier die Auswirkung des postmodernen Eskapismus der Millenial-Generation. Die Haltung darin ist dabei weniger politisch als philosophisch, wendet es sich doch der Haltung der Generation zu, die mit dem Internetzeitalter und einer nie dagewesenen Form der medialen Einflussnahme aufgewachsen ist: Das mediale Klima der globalen Angst und der gefühlten Unausweichlichkeit von apokalyptischen Szenarien beschreibt das Aufwachsen einer Generation.

Das Resultat ist ein zynischer Fatalismus und die Sehnsucht nach einfachen Antworten gegen die omnipräsenten, globalen Ungerechtigkeiten der Gesellschaft. Ein postkoloniales Ungerechtigkeitsgefüge und eine explodierende Weltbevölkerung liefert Nährboden für jede Form von Eskapismus, sei es politischer Populismus, Hedonismus oder roher Nihilismus. Grimes selbst verfolgte auf dem letzten Album "Art Angels" immer wieder grobe Themen, die sich in diesem Kontext einordnen lassen könnten. Auf der Single "REALiTi" sang sie zum Beispiel:

"When we were young, we used to get so close to it / And you were scared and you were beautiful / I wanna peer over the edge and see in death / If we are always the same."

Was bedeutet es also, dass "der Einfluss dieser Wirklichkeit unvermeidbar geworden ist?". Dies ist der Punkt, an dem das Konzept der "Faé List" deutlicher und nachvollziehbarer wird. Denn der gemeinsame Nenner all der Künstler ist ihre Modernität und ihre Suche nach einer stiftenden Position in der Gesellschaft, die über die generelle Haltlosigkeit des medialen Klimas hinausgeht.

Rapper wie Cardi B oder Lil Uzi Vert geben sich zum Beispiel einem rein materialistischen Hedonismus hin, sehen die Welt als kapitalistisches Spiel. Besitz, Sexualität und Erfolg werden instrumentalisiert, um eine übergeordnete, unangreifbare Hyperpersona herzustellen. Indie-Musiker wie ABRA oder Mitski hingegen suchen eher einen spirituellen Ausweg in moralischen Konzepten wie Liebe, Freundschaft oder Selbstständigkeit.

Ob und inwiefern diese Themen auch auf einem kommenden Grimes-Album vorkommen werden, gab sie bislang nicht bekannt. Vorhandene Informationen sind bisher nur, dass ein neues Projekt wohl frühestens 2018 real werden könnte und vom Gitarrensound, der "Art Angels" noch schwer dominierte, wohl auf einen industrielleren Synth-Klang umgeschwenkt werden soll. Dies könnte entweder eine Rückwendung zum Sample-Stil von älteren Alben wie "Visions" oder "Halfaxa" bedeuten, wahrscheinlicher verheißt es aber eine Weiterführung des Songwriting-Stils des aktuellen Langspielers mit einem neuen Sound. In diesem Jahr gab es abgesehen von einem Instrumental für die Lead-Single des neuen Aristophanes-Projekt und einem Cover für das "Con X"-Projekt von Tegan And Sara mit HANA musikalisch keinen Output der Kanadierin.

Starting a Spotify playlist. K had an edible before writing this so … its gonna be meandering-----------------—--• In any case — obvs missing a lot of artists/ songs on here but I plan to rotate it semi regularly, and for now trying to stick to recent ish releases -----------------—--• Description: songs i love.. tryin' to stick to independent artists, not always possible tho, and gnerally artists who write or produce their own shit. Artists I feel a kinship towards in some capacity. its a good energy for gaming or drawing in particular -----------------—--•----------• Also creating my own genre cuz ppl always ask what my genre is. theres more to it, but this is the first paragraph of my manifesto haha -----------------—--•---—--------—• "The fae are the children living at the end of the world, who make art that reflects what its like to live knowing the earth may not sustain humanity much longer. We live knowing that environmentally driven genocide is nigh, that the least equipped are to be struck down by the very earth itself. Repentance by the innocent for the sins of the rich. This does not mean that all fae art is directly about this, but that the influence of this reality is inescapable for the fae” @purityring @hanatruly and @nicoledollanganger have already joined me in our nu apocalypse subgenera link in bio

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