10. Dezember 2010

"Auch Hip Hop ist homophob"

Interview geführt von

Irie Révoltés über Unzufriedenheit mit dem eigenen Schaffen, Homophobie, politischen Aktivismus und die konservative deutsche Reggae-Szene.Nach vier Jahren Arbeit haben sich die Irie Révoltés mit "Mouvement Mondial" eindrucksvoll zurückgemeldet. Ihre sowohl musikalische als auch inhaltliche Entschlossenheit zeigte sich auch im Gespräch mit dem französischstämmigen Sänger- und Brüderpaar.

Direkt vom Soundcheck zum 40-minütigen Telefoninterview? Kein Problem. Mal Élevé und Carlito, hauptverantwortlich für die politischen Texte und den hohen Wiedererkennungswert der Band, zeigen sich freundlich und entspannt. Trotz Tourstress ergibt sich ein ausführliches und interessantes Gespräch.

Im Booklet eures neuen Albums ist bei jedem Song euer Produzent Don Krutscho als musikalischer Hauptsongwriter angegeben. Inwiefern hat sich die Band am komponieren der neuen Stücke beteiligt?

Carlito: Natürlich haben die Sänger alle ihre Texte geschrieben, mal alleine mal zusammen. Bei den Kompositionen waren wir eigentlich halb-halb beteiligt. Krutscho und wir haben die ganzen Sachen zusammen ausgefeilt aber dadurch, dass er der Produzent ist, steht nur er drin. Es wäre einfach aus Platzgründen nicht möglich gewesen, jeden hinzuschreiben. Also haben wir uns einfach so geeinigt.

Bereits für Herbst 2009 hattet ihr euer neues Album angekündigt und die Vorabsingle "Zeit ist Geld" veröffentlicht. Was genau hat euch dazu veranlasst, noch weiter zu arbeiten und den Release um ein ganzes Jahr zu verschieben?

Carlito: Erstmal ging es uns darum, dass der Sound noch nicht ganz so war, wie wir ihn gerne hätten. Wir waren da noch nicht so ganz zufrieden. Zudem wollten wir erstmal schauen, ob wir das Album alleine rausbringen oder ob wir einen guten Partner finden, der uns so nimmt wie wir sind und bei dem wir alle Entscheidungen selbst fällen können. Dann haben wir irgendwann angefangen, mit Ferryhouse zu sprechen und haben gemerkt, dass die eigentlich genau zu uns passen beziehungsweise wir zu ihnen. Dabei ist eine coole Zusammenarbeit entstanden. Sowas dauert einfach immer eine Weile und das war auch der Hauptgrund dafür, dass es jetzt nochmal fast ein Jahr gedauert hat.

Wann habt ihr angefangen, am neuen Album zu schreiben und zu arbeiten? Was hat so viel Zeit beansprucht?

Mal Élevé: Angefangen haben wir eigentlich schon direkt nach Voyage, immer in kleinen Etappen sozusagen. Dass es so lange gedauert hat, hatte mit ganz verschiedenen Faktoren zu tun. Wir waren einfach lange nicht zufrieden und deswegen hat es sich über die Jahre hinweg gezogen. Irgendwann haben wir natürlich auch gesagt, dass es langsam wirklich Zeit wird weil 4 Jahre nicht gerade wenig sind. Auf der anderen Seite hat "Voyage" auch 3 Jahre gebraucht. Wir waren als Band in der Zeit ja trotzdem aktiv, sind weiterhin auf Tour gegangen sind, haben Aktionen gemacht und haben immer wieder kleine Sachen veröffentlicht. Dadurch war es nicht so, dass wir einfach vier Jahre von der Bildfläche verschwunden waren, sondern es hat einfach nur mit dem Album so lange gedauert.

Was hat sich aus musikalischer Sicht seit Voyage bei euch geändert? Was genau wolltet ihr beim neuen Album verbessern, um euer bisheriges Schaffen zu übertreffen?

Carlito: Es hat sich viel live getan. Jeder, der uns live kennt, weiß, dass wir sehr viel ausprobieren. Wenn man uns einmal sieht und das nächste Mal wieder, ist vieles anders. Wir arrangieren die Stücke neu und versuchen immer neue Sachen. So hat sich der Irie-Sound sowieso immer weiterentwickelt und bleibt nie auf einer Stelle. Mit diesem Album haben wir versucht, die Energie, die wir live rüberbringen auf eine andere Art in die Boxen zu bekommen. Das war echt nicht sehr einfach. Deswegen haben wir wie gesagt auch so lange gebraucht. Entweder man macht ein komplettes Live-Album, was wir nicht unbedingt machen wollen, oder man versucht es halt anders. Das ist der Ansatz bei "Mouvement Mondial". Der Sound ist eher ein wenig Synthie-lastiger und wir haben ein paar verzerrte Gitarren mit reingenommen, um eben diesen Druck zu bekommen. Das ist das musikalische Konzept gewesen und ich denke das ist ganz gut gelungen. Es ist anders aber es geht fett nach vorne und hat viel Druck. Wenn wir mal wieder ein Album machen sollten, kann das wieder ganz anders klingen. Wir wollen auf jeden Fall weitergehen und nicht stehen bleiben.

Ihr habt als als Band einen einzigartigen Stil entwickelt, der sich kaum an andere Künstler anlehnt. Da stellt sich die Frage, aus welchen Richtungen ihr eigentlich alle kommt und was ihr selbst für Musikstile bevorzugt.

Mal Élevé: Es ist eine Mischung aus ganz vielen verschiedenen Dingen, wir sind ja neun Leute. Man merkt natürlich, dass es viele Reggae- und Hip-Hop-Einflüsse gibt. Einige von uns hören mehr R'n'B, Soul oder auch Punk. Eigentlich ist echt von allen Musikrichtungen was dabei. Wir haben ganz verschiedene Geschmäcker, aus deren Mischung dann der Irie-Sound entstanden ist.

Im Gegensatz zu anderen Bands mit ähnlich hoher Mitgliederzahl verzichtet euer Sound fast komplett auf Soloparts einzelner Instrumentalisten. Hat das spezielle Gründe?

Carlito: Eigentlich nicht wirklich, eigentlich lieben wir Soli. In unseren Shows haben wir dann mehr Soli in unserem Set drin. Auf dem Album hat es sich einfach nicht ergeben, es ist schwer zu sagen warum.

Gibt es unter euch ein Mitglied, das man als musikalisches Herz der Band bezeichnen könnte?

Carlito: Mal Élevé auf jeden Fall.

Charakteristisch für den Irie Révoltés-Stil ist besonders das Gesangsduo, das aus euch beiden besteht. Wie seid ihr zur Musik gekommen und wie habt ihr diesen einzigartige Kombination entwickelt?

Carlito: Ich denke wir wurden durch unseren Vater 'musikalisiert'. Der spielt Gitarre und hat in unserer Kindheit viel mit uns gesungen. Dann haben wir uns in jugendlicher Zeit, was Musikgeschmack betrifft, ziemlich auseinander entwickelt. Mal Élevé hat eher Punk gehört und ich war eher Soul- und Hip-Hop-lastig unterwegs. So haben sich auch unsere Styles entwickelt. Mal Élevé ist dann zu Ska und Reggae gekommen und hat dadurch eher Ragga-Einflüsse. Ich bin eben eher zu meiner eher souligen Gesangsart gekommen, oder wie man es auch immer nennen will. Es war jetzt nicht so, dass wir nichts miteinander zu tun hatten, wir hatten einfach nur verschiedene Geschmäcker. Bei Irie Révoltés ist dann quasi beides wieder zusammengeflossen.

Die Tatsache dass ihr zu neunt seid, lässt vermuten, dass ihr euch mit Jobs euren Lebensunterhalt verdienen müsst. Wie seid ihr beschäftigt?

Mal Élevé: Das ist ganz unterschiedlich. Jeder macht nebenbei noch so ein eigenes Ding. Entweder studiert er oder er jobbt und einer hat schon einen festen Beruf. Wir versuchen natürlich teilweise auch durch die Band Geld reinzukriegen aber ganz reicht es natürlich nicht aus.

"Die Gewalt-Frage spaltet die linke Bewegung"

Wo spielt ihr am liebsten? Auf riesen Open Airs oder in kleinen verschwitzen Clubs?

Carlito: Es hat beides seine Vorzüge, ich ziehe keines von beidem vor. Es ist jedes Jahr so, dass ich mich extrem auf die Festivals freue, wenn der Frühling kommt. Die ganze Festivalstimmung ist ja so eine eigene Welt. Die Leute vergessen ihren Alltag, es sind viele Leute da und es gibt viel zu sehen. Auch wir können natürlich Bands sehen, die wir selbst hart feiern. Vor einem Riesenpublikum zu spielen ist natürlich auch immer spannend. Aber jedes Jahr gegen Ende der Festivalsaison denke ich dann auch wieder: So geil und so groß es ist, nervt es auch, wenn die Leute immer so weit weg sind. Dann ist es immer um so geiler, in die Clubs zurückzukommen und wieder richtig den Schweiß zu spüren, der von der Decke auf uns heruntertropft. Wenn die Leute mitsingen, kommt es einfach viel direkter an und es ist einfach eine ganz andere Stimmung. Deswegen würde ich sagen, dass beides extrem geil ist. Der Wechsel zwischen beiden Sachen ist das Wichtigste.

Ihr seid schon öfters außerhalb Deutschlands auf Tour gewesen. Wo seid ihr bisher am besten angekommen? Wart ihr auch schon im Land eurer Muttersprache, Frankreich?

Mal Élevé: Definitiv am besten angekommen sind wir in Tschechien. Da spielen wir einfach auf den krassesten Festivals und bei den Clubshows ist Prag immer ein Highlight. In der Slowakei waren wir letzten Sommer das erste Mal und haben auf einem Festival in Bratislava gespielt. Das war auch richtig geil, da geht es fast am meisten ab. In Frankreich haben wir einmal eine kleine Tour gemacht. Das war bis auf ein ziemlich cooles Festivals in der Nähe von Bordeaux nicht so gut. Wir hatten da mit Organisatoren zu tun, die das irgendwie nicht gebacken gekriegt haben. Außerdem kennt uns dort auch keiner, weil wir nicht die große Aufbauarbeit haben wie hier. Deswegen war Frankreich noch nicht so erfolgreich, wird aber eventuell der nächste Schritt sein.

Ihr richtet euch gegen Faschismus und Diskriminierung. Häufig bezeichnet ihr euch in euren Texten als 'radikal'. Inwiefern seid ihr linksradikal, wie steht ihr zu diesem Begriff und wie steht ihr zu linker Gewalt?

Mal Élevé: Dazu kann ich jetzt gar keine komplette Bandmeinung wiedergeben. Wir sind da natürlich auch alle unterschiedlich, nicht nur musikalisch. Logischerweise gehen auch unsere Meinungen in einigen Punkten auseinander. Klar, die Message, die wir in unseren Songs haben, vertreten wir alle. Dass wir in dem Punkt sagen, wir sind radikal, vertreten alle. Aber die Frage ist auch immer: Wie definiert man 'radikal'? Wenn wir sagen, wir sind radikal gegen Rassismus, heißt das ja nicht unbedingt, dass wir auf die Straße gehen und Nazis aufs Maul hauen.

Die Gewalt-Frage ist glaube ich immer eine Frage, die dazu führt, dass die linke Bewegung sich spalten lässt. In Rostock, Heiligendamm, waren wir auch bei den Demonstrationen gegen den G8-Gipfel. Da war es dann auch so, dass die Medien eine Riesenspaltung dargestellt haben und die Widerstandsbewegung dadurch quasi zerbrochen ist. Die Leute mussten sich in dem Moment sagen, ob sie es gut fanden oder ob sie dagegen waren, was da passiert ist. Dabei haben glaube ich die wenigsten mitbekommen, was eigentlich passiert ist. Wir waren vor Ort und haben gesehen, dass ein Großteil der Gewalt auch von der Polizei ausging und dass sich auch viele Leute einfach verteidigt haben. Ich bin definitiv dagegen, dass man unschuldige Leute willkürlich zusammenschlägt, egal von welcher Seite aus.

Carlito: In Stuttgart waren wir übrigens auch. Wir haben im Universum gespielt und waren davor noch auf der Demo. Zufällig waren wir genau an dem Tag dort, als die Polizisten dort die Schüler und alles zerlegt haben. Da war die Stimmung schon sehr aufgeheizt, was man dann auch nachvollziehen kann. Irgendwelche Schüler gehen da hin und die Polizei haut zwölfjährigen Mädchen einfach in die Fresse. Die Polizei ist leider immer geschützt durch den Staat, und wenn sich die Schüler gewehrt hätten, wäre das gleich wieder Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Mal Élevé: Es war erstmals auch die bürgerliche Mitte sehr stark vertreten. Da waren ganz viele 'normale' Stuttgarter Bürger, die einfach total empört waren. Und diesmal hat das Konzept der Polizei einfach nicht funktioniert.

Der Konflikt um die Behandlung homophober jamaikanischer Reggae-Acts ist mit der Absage von Sizzlas Auftritt auf dem Chiemsee Reggae Summer in Folge von massiven Protesten wieder aufgeflammt. Habt ihr Verständnis dafür, dass große Veranstalter derartige Künstler buchen und sich dann mit der Kunstfreiheit rechtfertigen?

Mal Élevé: Schweres Thema auf jeden Fall. Das Problem ist, dass man, wenn man richtig straigt sein wollte, auch viele Hip Hop-Acts verbieten müsste. Außerdem wäre es meiner Meinung nach wichtig, dass sich die breite Öffentlichkeit auch gegen Nazi-Konzerte richtet. Dort sind meistens nur ein paar linke Gruppierungen und viele Konzerte finden einfach statt. Die Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Homophobie ist natürlich extrem wichtig, aber schon extrem auf die Reggae-Szene fokussiert. Ich finde es dennoch gut, dass dort eine Diskussion stattfindet und die Acts sich dadurch wenigstens damit auseinandersetzen müssen. Damit, dass es, wenn sie nach Europa einreisen, Leute gibt, die es scheiße finden, wenn man gegen sie hasspredigt. Es bleibt ja auch nicht nur bei den Worten. In Jamaika werden ja auch Leute umgebracht. Von daher finde ich die Auseinandersetzung und den Druck, der dadurch ausgeübt wird, echt gut.

Verständnis für diese Künstler ist für mich ehrlich gesagt ein bisschen zu viel. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es die einzige Möglichkeit ist, ihre Auftritte zu verbieten. Ich finde, man müsste noch mehr Ideen für diese Auseinandersetzung sammeln. Es gab ja bereits eine Art runden Tisch zu dem Thema und es ist wichtig, dass man die Leute überhaupt mit der Problematik konfrontiert. Denn in Jamaika ist es einfach, homophob zu sein, und man ist auf der sicheren Seite. Die meisten, die dort groß rumposaunen, haben dann auch Schiss, sich mal den entsprechenden Leuten gegenüberzusetzen und zu diskutieren.

Wie könnte beziehungsweise muss man die Homophobie denn in Jamaika und in ähnlich problematischen Staaten überhaupt bekämpfen?

Carlito: Ein Ansatz könnte auf jeden Fall sein, dass es in Schulen eine richtige Sexualkunde gibt. Es gibt so viele Ecken an denen man ansetzen könnte aber Bildung wäre vielleicht ein Punkt, über den es funktionieren könnte.

Mal Élevé: Ich denke auch nicht, dass man einfach sagen kann, dass das dort halt so die Denkweise, Kultur oder Religion ist. Man kann auch nicht alles akzeptieren, was woanders aus irgendwelchen Gründen gedacht wird. Irgendwo sind da natürlich Limits, sonst könnte man ja alles tolerieren, was weltweit so passiert.

"Die Reggae-Szene ist zu konservativ für uns"

Ihr seid so ziemlich der einzige deutsche Reggae-Act, der sich konsequent gegen die Homophobie ausspricht. Warum seid ihr so allein auf weiter Flur?

Carlito: Viele haben sicherlich Angst oder ignorieren das Thema einfach. Klar, es ist alles etwas liberaler geworden, aber gerade durch die Reaktionen auf Thilo Sarrazin merkt man schon, was in den Köpfen eigentlich los ist. Viele sind leider viel konservativer als man denkt. Ich denke, die Künstler haben einfach Angst, dort anzuecken. Sie wollen schließlich Geld verdienen, um von ihrer Musik leben zu können.

Mal Élevé: Ich denke auch, dass viele Soundsystems sich einfach ein wenig zurecht lügen und die Problematik einfach ignorieren. Denn sonst kann ein riesengroßes Repertoire an Songs, wenn man konsequent sein will, einfach nicht mehr gespielt werden. Man muss aber auch sagen, dass es heutzutage insgesamt in der Szene nur noch wenige gibt, die die Schwulenfeindlichkeit wirklich pushen. Natürlich gibt es immer noch ein paar Idioten, die das feiern und alles eins zu eins kopieren, aber das ist wirklich eine Minderheit. Der Großteil ignoriert das Thema einfach, was ein bisschen schade ist. Denn wenn sich mehr Leute dagegen äußern würde, könnte man auch etwas bewegen.

Das hieße ja nicht, dass die Reggae-Musik dann komplett tot wäre, man könnte sie einfach ändern. Das wäre cool, denn die Musik gefällt ja vielen. 2000 gab es einen großen Push in der alternativen und linken Szene. Als die Leute dann gemerkt haben, dass viele Texte überhaupt nicht klar gehen, ist das wieder ziemlich abgeflacht. Das ist eigentlich sehr schade, weil die Leute die Musik ja schon mögen. Die Inhalte der Musik, bestimmen immer noch die Künstler und deswegen ist es einfach wichtig, dass sich da jeder aktiv beteiligt.

Bezüglich Innovation und Eigenständigkeit geltet ihr als Hoffnungsträger der deutschen Reggae-/Dancehallszene. Was haltet ihr von euren Mitstreitern in dieser Musiklandschaft? Wer gefällt euch am besten?

Carlito: Das ist schwer. Es gibt echt viele coole Bands in der deutschen Szene, Ohrbooten sind cool ...

Mal Élevé: Mono & Nikitaman auf jeden Fall.

Carlito: Nosliw. Aber der ist jetzt leider irgendwie nicht mehr so am Start aber den hab ich immer ziemlich gefeiert.

Findet ihr die Szene innovativ? Es gibt ja schließlich viele Künstler die fast nur altbekannte Riddims verwenden.

Mal Élevé: Das stimmt schon. Es ist gemischt, würde ich sagen. Gerade bei Ohrbooten und Mono & Nikitaman finde ich geil, dass die ein bisschen von Standard wegrücken und auch neue Sachen ausprobieren. Aber es ist echt schwer zu sagen. Auch das alte Nosliw-Album mag ich, obwohl das auch die Standard-Riddims waren und er eben mit seinem eigenen Style was daraus gemacht hat.

Fandet ihr es in der Szene verhältnismäßig eher schwierig oder eher leicht, am Anfang der Karriere Aufmerksamkeit, eine Fanbase und ein Plattenlabel zu finden?

Carlito: Um ehrlich zu sein haben wir in der Reggae-Szene bis heute nie richtig stattgefunden. Wir werden so halb dazu gezählt, aber auch wenn wir uns privat natürlich damit identifizieren, wurden wir als Band nie richtig aufgenommen. Unsere Fanbase ist auch komplett gemischt, die Leute sind komplett unterschiedlich. Da gibt es sowohl Punks als auch Popmusik-Hörer, sowohl Teenies als auch Erwachsene. Das ist auch der Grund, dass wir bis heute immer noch so gute Konzerte haben, obwohl die Reggae-Szene leider gerade abgeflacht ist. Wir waren immer unabhängig davon und haben unser eigenes Ding gemacht. Zwar haben wir immer mal wieder versucht, in die Szene reinzukommen aber richtig Anklang haben wir nie gefunden. Dazu war die Szene zu konservativ.

Was steht für euch bei euren Auftritten im Vordergrund? Den Leuten für ihr Eintrittsgeld gute Musik bieten oder ihnen eure politische Message übermitteln?

Mal Élevé: Es ist echt beides. Die Energie, die Stimmung und die Power sind natürlich ein wichtiger Faktor. Kombiniert mit der Message eben. Sonst könnten wir uns auch hinstellen und eine Rede halten, was einfach langweilig wäre. Das Zusammenspiel von beidem ist das Wichtigste. Grade wenn die Leute extra kommen und Eintritt zahlen, ist es wichtig, dass wir in unserem zweistündigen Set einfach alles geben.

Ihr seid sehr engagiert und macht euch für mehrere Wohltätigkeitsorganisationen stark. Inwiefern ist es für ein Band leichter, sich sozial zu engagieren?

Mal Élevé: Leichter ist es eigentlich gar nicht. Das Einzige ist, dass man eben mehr Leute erreicht und eine Plattform für seine Engagement hat. Du kannst quasi was machen und zusätzlich quasi eine kleine Bewegung in Gang setzen. Wenn wir Rollstühle für körperlich behinderte Menschen in Senegal sammeln, ist das im Rahmen einer Band auf Konzerten natürlich leichter als privat.

Habt ihr Verständnis dafür, dass viele Bands soziales Engagement komplett ausblenden, obwohl sie eigentlich gute Möglichkeiten dafür hätten?

Mal Élevé: Das ist schon traurig. Im Endeffekt kann man schon mit minimalem Aufwand etwas bewegen. Und wenn das jeder tun würde, müssten sich nicht ein paar wenige Menschen dermaßen den Arsch aufreißen. Es gibt in vielen Bereichen Leute, die sich so sehr engagieren, dass sie nach ein bis zwei Wochen total ausgebrannt sind, weil sie versuchen, irgendetwas in Bewegung zu setzen. Da ist es natürlich schade, zu sehen, was viele bekannte Bands für Möglichkeiten hätten.

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