2. Februar 2021

"Oft muss ich mir auf die Zunge beißen"

Interview geführt von

Vollbepackt mit einem brandneuen Album standen die Foo Fighters im Februar 2020 in den Startlöchern, um ihr 25-jähriges Bandjubiläum rund um den Erdball mit einer Tournee abzufeiern. Doch bekannterweise kam es anders.

Im Herbst konnten die Mannen rund um Dave Grohl nicht länger stillsitzen und kündigten "Medicine At Midnight" für Februar 2021 an. Die kurze, groovende Rockplatte mit Biss und dickem Sound zeigt, dass die Foo Fighters weiterhin die Hooks für die großen Bühnen aus dem Kosmos abonniert haben. Und wer noch an der Größenordnung der mittlerweile zum Sextett angewachsenen Rock-Dads zweifelt: Ihre aktuelle Promo-Tour inkludierte auch einen Stopp bei der Vereidigung des neuen US-Präsidenten. Wir sprachen mit Gitarrist Chris Shiflett über den Status der US-Politik, die Entstehung des neuen Albums, und warum er noch nie auf einem Foo Fighters-Album singen durfte.

Hey Chris, wir geht's dir? Ich hoffe, wir erwischen wir dich nicht zu früh?

Hey Buddy, ich bin gerade in Los Angeles. Es ist früh, aber nicht zu früh. Ich habe drei Söhne im Teenager-Alter, also bin ich schon eine Weile auf. Trotz allem müssen die Jungs ja auch in die Schule, oder zumindest für die Online-Klassen aufstehen, das macht auch mich zum Frühaufsteher.

Zu Beginn möchte ich über etwas Aktuelles sprechen: Ihr habt am 20. Januar bei der Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden mitgewirkt. Was kannst du uns darüber erzählen?

Ja, das war schon cool. Wir waren aus naheliegenden Gründen nicht vor Ort, sondern haben die Performance in unserem Studio aufgenommen. Dazu gibt's eine lustige Geschichte: Mir war nicht klar, zu welcher Uhrzeit unser Auftritt ausgestrahlt werden sollte. Also habe ich eine Gitarrenstunde für diesen Tag vereinbart. Ich dachte mir, es wird schon nicht genau da sein. Aber selbstverständlich war ich mit der Hälfte meiner Gitarrenstunde durch, als mein Handy mit Nachrichten explodierte. Leute schrieben mir: "Hey, du bist in D.C? Komm vorbei!" Dabei war ich gerade in meinem Haus und lernte neue Bluegrass-Licks.

Wird in der Band über Politik gesprochen?

Ja, bis zu einem gewissen Grad ist das schon Thema. Ich denke, in den letzten vier bis fünf Jahren konnte diesem Thema niemand entkommen. Es war eine Zeit der konstanten Hysterie. Und das ja aus gutem Grund, Stichwort Trump. Natürlich war keiner von uns ein Trump-Fan. Aber die Art und Weise, wie Medien in unserem Land funktionieren, ist einfach völlig durchgeknallt. Ständige Breaking News zu politischer Berichterstattung. Und ich glaube, dem entkommt niemand, verstehst du? Meine politische Einstellung ist etwas anders im Vergleich zum Rest der Band. Wir reden hin und wieder über die Sachen, aber oft muss ich mir schon auf die Zunge beißen, weil ich nicht wirklich die gleichen Ansichten habe. Ich komme aus einem weitaus linkeren Umfeld. Natürlich bin ich froh, dass Trump jetzt weg ist. Aber ich habe etwas weniger Vertrauen als meine Freunde, Nachbaren oder Familie in das, was Joe Biden in seiner Amtszeit tun wird. Aber you know, wir werden sehen, wie es läuft.

"Dave sagte, er möchte unser 'Let's Dance' aufnehmen"

Weil du die Medien angesprochen hast: Was denkst du über das Bernie Sanders-Meme von der Amtseinführung? Es fühlte sich so an, als gäbe es seit der Inauguration nur noch dieses Meme.

Das war verrückt. Ich habe mich schwer getan, das voll und ganz zu verstehen. Zuerst dachte ich: Okay, Mainstream-Medien machen sich wieder über Bernie Sanders lustig. Seine Policy ist weit weg von linksradikal, seine Ansichten sind größtenteils sogar ziemlich mittig. Aber selbst liberale Medien hier in den Staaten zeichnen ihn als diese radikale Figur. Es tat weh beim Zusehen, wie diese selbsternannten Progressiven, die Liberalen und Demokraten Bernie in den Medien fertig gemacht haben. Er ist ja damals nicht nur gegen Hillary Clinton oder Trump angetreten, sondern auch gegen das gesamte Establishment der Demokratischen Partei. Und hat trotzdem fast gewonnen. Das sollte der Partei zu denken geben. Als dieses Meme abging, dachte ich, es geht wieder los. Ich denke manchmal, dass sich Teile unseres Landes unterbewusst wünschen, dass Sanders unser Präsident ist. Die Medien kommen nicht ohne Bad Guys aus. Das ist deren Geschäftsmodell. Es wird spannend, wer nach Trump jetzt das nächste Schreckgespenst wird.

Okay, dann springen wir rein ins neue Album "Medicine At Midnight". Die ersten Eindrücke waren verhältnismäßig ernst. Statt lustiger Videos gab es reduzierte Schwarz-Weiß-Ästhetik, die Lyrics von "No Son Of Mine" und "Waiting On A War" so ernst wie schon lange nicht mehr. Doch dann groovt der Rest der Platte gemütlich und abgehangen dagegen an. Ein sonderbares Konzept. Warum ist das so?

Eine gute Frage, Mann. Dave hat gleich gesagt, er möchte unser "Let's Dance" aufnehmen, deswegen war die Ansage: Groove. Die Drum-Loops und stärker Groove-basierte Songs resultieren sicher daraus. Was die ernsteren Lyrics betrifft, müsste ich raten, aber ich denke, dass Dave genauso wie jeder andere Mensch vom aktuellen Zustand der Welt betroffen ist und das einfließen lässt. Das gilt auch für die Videos. Das Album war schon vor Ausbruch der Pandemie fertig, nur die Videos drehten wir danach. Gut möglich, dass der eher ernstere Ton der Clips einfach den Zustand der Welt reflektiert. Wir konnten auch keine lustigeren Videos wie "Big Me" oder "Learn To Fly" drehen. Ohne Lockdown wäre es vielleicht möglich gewesen. Also ist alles ein Produkt der jeweiligen Umstände.

"Ich werde in einer Bar sitzen und Akustikgitarre spielen"

"Medicine At Midnight" ist das kürzeste Album in der Geschichte der Foo Fighters. Neun Songs in 37 Minuten.

Ich mag kürzere Alben. Pat Smear und ich haben gestern Abend ein super Interview mit der originalen Alice Cooper Band gemacht, ein Deep Dive zu deren Album "Love It To Death". Ein großartiges Album, und auch nur neun Songs lang! Kurze Alben sind old school. Früher waren Alben auch kürzer, weil Bands teilweise zwei Platten im Jahr veröffentlicht haben. Aber es macht heute auch Sinn. Die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen ist ja kürzer.

Aber standen noch andere Songs zur Wahl, die es dann nicht auf das Album schafften?

Ja, es gab noch ein paar, an denen wir gearbeitet haben. Auch noch ein paar lose Riffs und Ideen. Aber ehrlich gesagt kann ich dir nicht sagen, ob es eine bewusste Entscheidung war, ein kürzeres Album zu machen oder ob das hier die besten Songs der Session sind. Bei uns bleiben immer ein paar Tracks übrig. Wir finalisieren jene Songs, von denen Dave am meisten begeistert ist. Und er tendiert dazu, erst dann Lyrics zu schreiben, wenn ein Song knapp vor der Fertigstellung ist. Daher geistern ein paar Instrumentals bei uns herum, die wir einfach nie zu Ende bringen.

Was überraschend klar im Mix der Platte herauskommt, sind die Background-Chöre. Wie kam das?

Das hat sich tatsächlich historisch ergeben. Es begann auf der letzten Platte "Concrete And Gold". Damit wir diese Songs auch live gut rüberbringen, haben wir drei Sängerinnen mit auf Tour genommen. Ich denke, Dave gefiel einfach dieser volle Vocal-Sound und deshalb hat er es auch auf "Medicine At Midnight" wieder eingebaut.

Schlagzeuger Taylor Hawkins durfte auf der letzten Platte ja vors Mikro. Wann gibt es einen Foo Fighters-Song mit Chris Shiflett am Mic?

Bislang haben wir das nur live bei einem Alice Cooper-Song gemacht, nicht im Studio. Dafür musst du die Petition starten. (lacht) It is only fair, man!

Zu den Aufnahmen: Ihr habt in einem Haus in Encino aufgenommen, wie beim letzten Mal wieder mit Greg Kurstin. Was sind für dich die Unterschiede zwischen Greg und Butch Vig (u.a. "Wasting Light" und "Sonic Highways") als Produzenten?

Die Alben mit Butch waren sehr speziell. Wir haben analog auf Band aufgenommen, was uns selbst limitiert hat. Bei digitalen Aufnahmen hingegen musst du einfach nie aufhören, du kannst immer noch eine Spur hinzufügen. Vom Stil her sind die beiden Produzenten aber auch verschieden. Ich meine, beide sind super Typen und wir arbeiten gern mit ihnen zusammen. Die Alben mit Greg haben sicher mehr Pop-Feel. Er ist ein wahnsinnig guter Musiker und ist mehr ins Arrangement involviert. Er hilft daher mit, wenn wir die Parts zusammen bauen. Wenn ich im Studio aufschlage, habe ich eine Vorstellung davon, was der Song braucht. Auch Dave hat seine Vorstellung. Und dann ist da noch Greg, der auch eine Vorstellung hat, was gitarrenmäßig im Song passieren muss. Zwischen uns dreien entsteht dann der finale Part, der sich zu etwas ganz anderem entwickelt. Greg ist ein wichtiger Teil dieses Prozesses. Ein Multi-Instrumentalist mit großem Wissen zu Arrangements und Musiktheorie.

Auf welche Song des neuen Albums freust du dich schon, wenn ihr wieder auf der Bühne steht?

Mal sehen, "Love Dies Young", "Holding Poison", "Cloudspotter", diese drei werden sicher Spaß machen.

Irgendwann in der Zukunft wird es ja wieder Gigs geben. Wie geht es bei den Foo Fighters dann live weiter? Ihr seid schon Headliner der größten Festivals, spielt Stadionshows überall auf der Welt, und das schon seit einiger Zeit. Was steht euch noch bevor?

Mann, wer weiß. Wir hatten ein fettes Jahr geplant, bevor sich all diese Pläne aufgelöst hatten. Ich versuche aber, nicht darüber nachzudenken. Wir machen einfach unser Ding. Und unser Aufstieg war ja doch eher gemächlich, zumindest am Anfang. Heutzutage ist es schwer, Tickets zu verkaufen und eine erfolgreiche Rockband zu sein. Das ist ziemlich selten, also stell ich das auch nicht zu sehr in Frage und bin dankbar dafür.

Wenn Dave morgen beschließt, die Band aufzulösen, wie geht es mit Chris Shiflett weiter?

Ich bin mir sicher, dass wir alle weiter Musik machen. Ich würde wahrscheinlich auf einem Barhocker in einem dunklen Laden sitzen und eine Akustikgitarre zupfen. Aber hoffentlich passiert das nicht. (lacht)

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LAUT.DE-PORTRÄT Foo Fighters

Am 5. April 1994 endet mit dem tragischen Selbstmord von Kurt Cobain das Kapitel Nirvana und somit auch Dave Grohls Karriere als Schlagzeuger der Band.

1 Kommentar

  • Vor 5 Monaten

    "Wir reden hin und wieder über die Sachen, aber oft muss ich mir schon auf die Zunge beißen, weil ich nicht wirklich die gleichen Ansichten habe. Ich komme aus einem weitaus linkeren Umfeld. Natürlich bin ich froh, dass Trump jetzt weg ist. Aber ich habe etwas weniger Vertrauen als meine Freunde, Nachbaren oder Familie in das, was Joe Biden in seiner Amtszeit tun wird."

    Komm einfach zu laut.de … ah ne ...