laut.de-Kritik

Zum Mähne schütteln und Entertainen reicht es allemal.

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Der Mensch braucht Melodien, und genau aus diesem Grund gibt es Bands wie Europe. Gepaart mit der Aura des Flying V schwingenden bösen Buben stadionrocken sich Joey "Die Ex-Locke" Tempest und seine Mitstreiter schon seit mittlerweile drei Dekaden in die Hörzentren.

Der Überhit "The Final Countdown" hängt ihnen nach wie vor an wie ein im jugendlichen Leichtsinn gezeugtes Kind, und doch kam die selbstverordnete Pause in den Jahren 1994-2000 einer Frisch(Haar)zellenkur gleich. "Weniger Haarspray, mehr Hardrock" heißt seitdem die Devise, der besonders Gitarrist John Norum Rechnung trägt.

Obwohl seine Welt schwere Schäden erlitten hat, als im letzten Jahr seine Ehefrau verstarb, fällt Norums Anteil auf dem neuen Output sehr hoch aus. Die zahlreichen Blues-Licks und Riffs stehen munter in der Tradition des frühen Hardrock, wie ihn Jimi Hendrix, Tony Iommi, Jimmy Page und Ritchie Blackmore prägten.

Das Weniger an AOR im Vergleich zur letzten Platte heißt auch: Die Schweinsorgel von Mic Michaelis bleibt glücklicherweise verschollen. Dennoch drückt er der neuen Platte mit seinen Orchesterarrangements einen pompösen, fast cineastischen Stempel auf. Songs, wie die mit einem klassischen Prelude eingeleitete erste Single "Last Look At Eden", die Ballade "New Love In Town" oder der Stampfer "No Stone Unturned" gewinnen durchaus an Monumentalität, ohne ins Prätentiöse abzudriften.

Produzent Tobias Lindell sorgt ähnlich wie bei den Grammy-Gewinnern von Mustasch für eine dezente Einbettung der sinfonischen Elemente in den gitarrenlastigen Mix. Klassische Hardrocker der Marke "Gonna Get Ready", "Catch The Plane", oder "Only Young Twice" sind stark dem pentatonisch-riffenden Steinschlag verhaftet, wie ihn über die Jahrzehnte Led Zeppelin, Deep Purple, UFO, Van Halen, bis hin zu Audioslave am Leben gehalten haben.

Die tiefergelegte Riffbombe "The Beast" huldigt dem Sexualtrieb. Die in Blues getränkte Ballade "In My Time" beeindruckt mit einem herzzerreißenden, an Michael Schenker und Gary Moore erinnernden Solo. Beide Songs lassen aufhorchen und fügen den oftmals redundanten Riffs und Sinfonik-Elementen interessante Farbtupfer hinzu.

Allerdings geht der funky Touch von "Mojito Girl" in Verbindung mit Bon Jovi-Refrain und peinlichen Party-Lyrics in die Spandex-Hose. "Run With The Angels" verheddert sich in den Schlingen der 80er Haarspray-Medusa und verursacht mit den Ethno-Einsprengseln eher Brechreiz als Gaumenschlackern. Joey Tempests ausdrucksstarke Vocals erleiden bei mancher Textzeile, deren Entstehung auf massiven Seegang des Lyricisten verweist, Schiffbruch, was nicht nur an der inflationären Verwendung des Wortes "Rock" liegt. Zum Mähne schütteln und Entertainen reicht es allemal.

Auch wenn mancher Part zu aufgesetzt, manches Riff mehr als bekannt wirkt, halten die Schweden fest ihre Hand am Pokal der Champions Leaugue des Melodic Rock, gewillt, ihn auch die kommenden Jahre an sich zu reißen.

Trackliste

  1. 1. Prelude
  2. 2. Last Look At Eden
  3. 3. Gonna Get Ready
  4. 4. Catch That Plane
  5. 5. New Love In Town
  6. 6. The Beast
  7. 7. Mojito Girl
  8. 8. No Stone Unturned
  9. 9. Only Young Twice
  10. 10. U Devil U
  11. 11. Run With The Angels
  12. 12. In My Time

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LAUT.DE-PORTRÄT Europe

"We're leaving together, but still it's farewell ..." intoniert im Sommer 1986 ein gut aussehender dauergewellter blonder Schwede. Wenige Monate später …

42 Kommentare

  • Vor 9 Jahren

    @Frane (« haha, hab das video zu "last look at eden" neulich beim burger king ohne sound gesehen, wohl unwissend, dass es sich um europe handelt, und hab die ganze zeit nur ungläubig den fernseher angestarrt, weil ich dachte, welche auf die teenie bedürfnisse gehypte band macht denn nun wieder so ein schmalzig, rock-pathetisches performance video, wo man feuerwerke auf der blue screen explodieren und den sänger so pseudo-entschlossen "abrocken" sieht, als würde es um ne medaille beim rocker festival in buxtehude gehen.

    dann kam die band einblendung und ich, grad völlig gefangen in meiner abneigung, dachte:

    oh...europe...na ja, wenn sich das jemand erlauben kann, dann die.passt ja :D »):

    hahaha ... schöne geschichte über diese übele band (wobei eine joey tempest solo cd habe ich und die finde ich gut, da macht er eher so musik wie jackson browne)

  • Vor 9 Jahren

    @sjtaenpohtatna («
    sie hatten einen hit, na und? kann passieren. trotzdem sind es gute musiker, die gute, rockige und melodiöse songs schreiben, respekt dafür. wer sie nicht mag, der magt ist groß... und € machen dass, was sie können, was anderes würde ich mir auch von whitesnake nicht wünschen! »):

    :o autsch ... ein Wolfmother-Fan, dacht ich mirs doch!

  • Vor 6 Jahren

    Eine super Gruppe mit musikalischem Niveau, anspruchsvollen und extrem vielseitigen Arrangements in den letzten 30 Jahren (Abwechslung pur...seltsam die harmlos-doofen Kommentare wie "...gar nicht mal so schlecht",..."ganz gut") - im Gegensatz zu den billig-primitiven "laut.de"-hochgelobten Psycho-Metal-Brüllaffen ohne Emotionen und Charakter, die fehlende Substanz nur mit brachialen Shows übertünchen können! Final Countdown, Sign of the Times, On the Loose, Just the Beginning, Bad Blood, Dance the Night Away, Sweet Love Child, Girl from Lebanon, Stormwind, Open Your Heart, Homeland, On Broken Wings, Break Free, Yesterday's News, Danger on the Track, Prisoners in Paradise, Long Time Coming etc. wird man in 1000 Jahren noch hören - mit den meisten anderen CDs putzen sich dann höchstens noch ein paar Außerirdische den Dreck aus den Ritzen! :-) PS: Kleiner Tipp von mir: "Vielseitigkeit ist des Königs schönste Krone!" ;-) In diesem (intelligenten) Sinne...