laut.de-Kritik

Als wäre das Jahr nicht schon düster genug.

Review von

"Iron" und "Run Boy Run" hießen die beiden Songs, die dem Franzosen Yoann Lemoine alias Woodkid 2012 das Label "Popsensation" einbrachten. Auf jede Pop-Sensation kommt natürlich auch mindestens ein Musikmagazin, das sich der allgemeinen Begeisterung nicht anschließen möchte und so lautete das Fazit unserer Rezension zum Debüt-Album "The Golden Age" seinerzeit: "Ein paar Jahre später wird man sich daran nur sehr ungern oder peinlich berührt erinnern.".

Nun, ein paar Jahre sind ins Land gegangen und die Erinnerung an Woodkid lässt eher mit den Schultern zucken, als dass sie unangenehm wäre. Untätig war das Multitalent in den letzten sieben Jahren ohnehin nicht, trotzdem weckt die Erwähnung seines Namens eher so ein "Da war doch was"-, als ein "Endlich neue Musik"-Gefühl. 2016 gab es in Zusammenarbeit mit Nils Frahm eine Mini-Veröffentlichung, daneben arbeitete er unter anderem an einer Kampagne von Louis Vitton, am Soundtrack zum Film "Desierto" und drehte unter anderem mit Harry Styles Musikvideos.

Selbstverständlich kann man sich an der schieren Opulenz und dem ausschweifenden Pathos der Songs stören, ihnen gar etwas Martialisches unterstellen. Man kann aber auch neidlos anerkennen, dass Lemoine sich aus Hollywood-Bombast, Elektrotamtam und Popmelodik eine eigene Nische in der Musikwelt geschaffen hat. Und wer sich darauf einlässt und Lust hat, sich von den cineastischen Woodkid-Kompositionen seinen drögen Alltag zu einem epischen Drama erheben zu lassen, den dürfte "SR13" durchaus erfreuen.

Zwar gibt es keine so eindeutigen Reißer mehr wie die eingangs erwähnten Stücke, dafür umso mehr Balladen. Die gelingen häufig gut, geraten aber gelegentlich zu eintönig und verlieren dadurch an Eindringlichkeit. Mit "Goliath" und "In Your Likeness" geht es erst mal vielversprechend los. Ersterer schlägt noch den Bogen zu den antreibenden Stücken des Erstlings und entwickelt über einem Gemisch aus drängendem Drum-Beat, Synth-Bass und Orchester-Wucht eine wunderbare, wenn auch kitschige Atmosphäre. "In Your Likeness" hingegen erzeugt dank Hall-Effekten einen riesigen Klangraum und ist wohl der schönste Titel des Albums. Im eingängigen Refrain singt Lemoine: "I know, I'm not made in your likeness / You're not made for my darkness / I know I get lost in the process / I do try, but I'm hopeless".

"Reactor" und "Minus Sixty One" stattet Woodkid sogar mit einem Kinderchor aus, der Erinnerungen an "Die Kinder des Monsieur Mathieu" weckt. Wo Chorgesänge häufig übermäßig kitschig wirken, funktionieren sie hier erstaunlich gut. Was vermutlich daran liegt, dass, wie oben erwähnt, übermäßiger Kitsch und Pathos ohnehin Markenzeichen des Musikers sind und ein Kinderchor da schlicht eine sinnige Komponente ist.

Besonders im Mittelteil wirkt die Platte aber fast wie eine Bewerbung um das Schreiben des nächsten "James Bond"-Songs. Die Dreierreihe aus "Drawn To You", "Shift" und "So Handsome Hello" raubt dem sonst recht geschmeidigen Hörfluss gegen Ende ein wenig das Tempo und erinnert stellenweise an den tranigen Bond-Song von Sam Smith. Die drei Stücke geraten zu schläfrig. Auch "Horizons Into Battlegrounds" tönt zwar einigermaßen schwer, überzeugt aber mit der Reduktion auf eindringliches Klavierspiel. Der Track klingt auch dank des kehligen Gesangs von Lemoine wie die schwülstigen Songs, die sich auf den jüngeren Platten der Editors häufig finden.

Lyrisch thematisiert Woodkid diesmal den Kampf mit sich selbst, Depressionen und Selbstzweifel. Die düsteren Texte funktionieren zusammen mit den Kompositionen bestens. Im melancholischen "Enemy" beispielsweise heißt es: "My anger will cause traces on most of my skin / I'm just a rag doll tell me why / My body may take it but my mind is weak / Why do I love becoming my own enemy". Insgesamt ist die Plätte dadurch auch ziemlich erdrückend und lässt einen am Ende doch sehr geplättet zurück. Zur Reaktivierung kann man sich dann einfach mal wieder "Run Boy Run" reinschmeißen.

Trackliste

  1. 1. Goliath
  2. 2. In Your Likeness
  3. 3. Pale Yellow
  4. 4. Enemy
  5. 5. Highway 27
  6. 6. Reactor
  7. 7. Drawn To You
  8. 8. Shift
  9. 9. So Handsome Hello
  10. 10. Horizons Into Battlegrounds
  11. 11. Minus Sixty One

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2 Kommentare

  • Vor einem Monat

    Nicht so gut wie das Debüt, aber trotzdem sehr gut. Ich mag es ja gerne bombastisch und orchestral. Die Kritik am etwas zu trägen Mittelteil teile ich. 4/5

  • Vor einem Monat

    Ich finde S16 tatsächlich noch etwas besser, als seinen Vorgänger und bin von der Komposition und dem Sound des Albums sehr begeistert. Man merkt, dass in dieses Album viel Zeit, Geld und Herzblut geflossen sind und es wirkt auf mich wie ein gelungenes Gesamtkunstwerk. Die Mischung aus Synth und Orchester ist gut gelungen und spiegelt die Welt im Wandel, bezogen auf den Klimawandel und dem zerstörerischen Umgang mit der Welt sehr gut wider. Das Album setzt ein politisches Statement und trifft damit einen aktuellen und uns allen beschäftigenden Nerv. Schade, dass dies in der laut-Kritik nicht erwähnt wurde. Modale Wechsel lassen stark an Filmmusik erinnern und bieten eine ersehnte Abwechslung zum alltäglichen, doch sehr einfallslosen und drögen Radio-Pop. Kitschig empfinde ich das Album daher nicht. Streicher und ein weiter Raum, die in ihrer Dynamik immer wieder ausbrechen und in sich zusammenfallen sind Geschmacksache. Wer aber auf Filmmusik steht, wird es lieben. Im Gegensatz zu anderen Pop-Albem besitzt es sehr viel Tiefgang und erfordert vom Hörer, dass er tatsächlich zuhört. Es ist halt nichts zum nebenbei hören und definitiv intellektuell anspruchsvoller als so manches Popalbum. Dadurch ist es vielleicht nicht für den Alltagshörer geeignet. Das ist aber bei klassisch angehauchter/filmmusikalischer Musik generell nicht der Fall. Aus meiner Sicht ist es ein Album das Gänsehaut erzeugt und ich kann es nur weiterempfehlen.