laut.de-Kritik

Der Kompakt-Gründer beugt sich dem Diktat des Rhythmus.

Review von

Kompakt-Chef Wolfgang Voigt scheint wieder verstärkten Gefallen an den Geräten in seinem Studio zu finden. Nach zwei Maxireleases in den vergangenen zwei Jahren, hat der Kölner nun genügend Tracks für einen Longplayer beisammen.

Die experimentellen Stücke erscheinen unter dem Titel "Freiland Klaviermusik". Wie die gleichnamige Maxi vor zwei Jahren, so steckt auch das Album sein Terrain fern der Tanzflächen ab. Klassik, Ambient sowie unkonventionelle Genres wie Musique Concrète dienen Wolfgang Voigt als Inspirationsquellen.

Da passt es gut ins Bild, dass er für die gerade eben erschienene erste Maxiauskopplung DJ Koze als Remixer verpflichten konnte. Der Hamburger hat sich nicht zuletzt deshalb weltweit einen Namen gemacht, weil er in seinen Tracks ganz gerne mal den vorgegebenen Vier-Viertel-Pfad für ein Weilchen verlässt, um sich auf weniger bewanderten Routen nach interessanten Groovefragmenten umzuschauen.

Die dominanten Stilmittel, die auf "Freiland Klaviermusik" den Takt vorgeben, heißen gleichwohl Loop und Repetition. Dementsprechend gehorchen die Tracks auch einem durchgängigen Vier-Viertel-Beat. Rhythmisch extrem prägnant werden sie durch wuchtige Klavierakkorde akzentuiert.

Diese geben dem gesamten Album einen plakativ teutonischen Charakter, mit dem sich Voigt in seinen Releases ja häufig auf humorvoll ironische Art auseinandersetzt. Entlehnt ist die stoische Mechanik der Tracks vom mexikanischen Komponisten Samuel Conlon Nancarrow.

Der erlangte mit seinen 51 Studien für Player-Piano Berühmtheit. Die Kompositionen stanzte er in eine Art Lochstreifen, wie sie bei frühen Computern Verwendung fanden. Ein Pianist war zum Spiel seiner Werke nicht mehr notwendig. Mechanische Selbstspielklaviere übernahmen dessen Funktion.

Was Nancarrow für Produzenten wie Voigt interessant macht, ist die Tatsache, dass der Mexikaner seine Musik dezidiert für allerlei Manipulationen öffnete: Nicht mehr die technischen Fähigkeiten des Pianisten waren das Limit, sondern diejenigen des mechanischen Klaviers. Eine deutliche Temposteigerung war die Folge.

Bei Wolfgang Voigt vermeiden die Stücke Ausflüge in den Highspeed-Bereich und grooven sich stattdessen im angenehmen 125 BPM-Bereich ein. Ohne weiteres genießbar macht das die Tracks trotzdem nicht. "Freiland Klaviermusik" ist ein Album, das vom Zuhörer die volle Aufmerksamkeit fordert. Nur dann erschließen sich die Feinheiten und Variationen, jenseits der dominanten Rhythmik.

Trackliste

  1. 1. Alleingang
  2. 2. Zimmer
  3. 3. Feld
  4. 4. Geduld
  5. 5. Schweres Wasser
  6. 6. Brucke
  7. 7. Kammer
  8. 8. Mondlicht
  9. 9. Dunkler Weg
  10. 10. Verwandlung
  11. 11. Mecha
  12. 12. Symbol
  13. 13. Silberg

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