laut.de-Kritik

Elektro-Bierfontänen fürs schwarze Hipster-Volk.

Review von

Im Gegensatz zu einigen Kollegen konnte ich mit "To Lose My Life" überhaupt nichts anfangen. Hinter einem zugegeben schicken Cover und dem recht anmaßenden Titel verbarg sich nicht der heiße Indie-Scheiß aus England, sondern Allerweltsmelodien mit süßlichem Gothic-Touch, die vor allem die Frage aufwarfen, was eigentlich The Rasmus gerade so machen.

Tadellos programmiert und eingespielt war das natürlich alles, und wenn man gerade nicht aufpasste, konnte man super mitpfeifen. Ziemlich respektabel auch, wie sie in Songs wie "Death" oder "Farewell To The Fairground" harmlos-abgedroschenes Songwriting mit Pathos, Wumms und irrlichternden Synthie-Fanfaren (zumindest fast) vergessen machten.

Das alles legte den schauerlichen Schluss nahe, dass es für die drei Londoner ein Leichtes sein würde, diesen Aufguss für die 450.000 Käufer des Debüts noch einmal neu anzurühren.

Was das alles mit "Ritual" zu tun hat? Zum Glück wenig. Vor allem die erste Hälfte des Albums ist der mutige Schritt nach vorne, den ich vor den White Lies eher noch Grand Prix-Lena zugetraut hätte.

Man muss natürlich schon ein Faible für Bombast mitbringen, denn auch der neue Produzent Alan Moulder konnte den Jungs offenbar nicht erklären, dass achtzehn übereinander gelegte Tonspuren allein nicht zwingend Emotionen erzeugen. Doch was er offensichtlich konnte, war, ihnen die schlechten Songs auszureden (bei "Holy Ghost" und "Come Down" hat er großzügig ein Auge zugedrückt).

Egal. Toll ist nicht nur, wie im Refrain des Openers "Is Love" lässige Madchester-Gitarren losdangeln, sondern dass die gewohnt episch-ausladenden Arrangements in Kombination mit dem Stimmschwulst von Sänger McVeigh plötzlich gar nicht mehr peinlich, sondern, äh, geil klingen.

Womit wir bei "Strangers" sind, einem auf den ersten Blick atypischen White Lies-Uptempo-Song, dem allerdings ein astreiner Refrain untergejubelt wird. Ja, das ist theatralisch, das klingt nach Stadion und Bierfontänen, aber das stört bei Depeche Mode heutzutage ja auch keinen mehr.

"Bigger Than Us" wies als Single schon im Vorfeld auf die neuen Sound-Horizonte hin, die heute deutlich mehr Elektronik erlauben. All jene, die auf dem Debütalbum irgendwelche Hymnen gehört haben wollen, dürfen sich nun "Peace & Quiet" reinziehen, und zwar die vollen 5:54 Minuten bitteschön. Dann ist hoffentlich auch erst mal Frieden und Ruhe.

Hintenraus unterlaufen den White Lies zwar noch die erwähnten zwei Schnitzer, dafür fahren "The Power & The Glory" und allen voran "Turn The Bells" nochmal voll auf. Auch hier stört es zu keiner Sekunde, dass Sänger McVeigh immer noch mehr Hall auf seine Stimme legt als Roland Orzabal einst bei Tears For Fears.

Eine Sache erinnert leider frappierend ans Debüt. Kein Hallgerät der Welt vermag die Fremdscham zu übertünchen, die einen hier und da aufgrund alarmierend pubertärer Textzeilen befällt, etwa in "Bad Love": "I'm gonna write your girl a letter / it'll make everything better (...) If I'm guilty of anything / it's loving you too much". Jede deutsche Band würde man damit vom Hof jagen.

Was das schwarze Hipster-Volk zu "Ritual" sagen wird? Spielt bald keine Rolle mehr. Wie man hört, sind die White Lies vom Karriereweg der Kings Of Leon schwer beeindruckt. Diese Platte legt nahe, dass auch ihr Publikum weiter wachsen wird.

Trackliste

  1. 1. Is Love
  2. 2. Strangers
  3. 3. Bigger Than Us
  4. 4. Peace & Quiet
  5. 5. Streetlights
  6. 6. Holy Ghost
  7. 7. Turn The Bells
  8. 8. The Power & The Glory
  9. 9. Bad Love
  10. 10. Come Down

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17 Kommentare

  • Vor 9 Jahren

    Kann es sein, dass "Street Lights" sich mal sowas von heftig nach Gary Numan anhört? :-)

  • Vor 9 Jahren

    Hab sie gerade live gesehen und kann nur sagen, dass ihr neues Album wirklich spitze klingt, auch auf der Bühne!!!! Für mich das beste Album des neuen jungen Jahres!

  • Vor 9 Jahren

    Ich frage mich immer, warum Leute Kritiken über Bands schreiben, die sie offensichtlich so Scheiße finden, daß sich das Ganze eher wie ein Bedürfnis nach genereller Frustlinderung anhört als nach objektiver Kritik. Mit dieser Art von gehässiger Polemik verbinde ich keinen guten Journalismus, sorry.

    Die White Lies waren und sind eine besondere Band, die live absolut überzeugt. Habe die Jungs zweimal gesehen und habe beide Male ein großartiges Konzert gesehen. Das Publikum war beide Male alles andere als Mainstream, der Altersdurchschnitt war für eine so junge Band erstaunlich hoch.

    Das Album ist nicht so zugänglich wie das großartige Erste, aber bei mehrmaligem hören kann "Ritual" ne Menge. Also, erstmal selbst hören und beurteilen als auf das Gemecker da oben hören :)