laut.de-Kritik

Träumen oder sterben: Was macht schon den Unterschied?

Review von

Gerade erst hab' ich mir - von Jeff Bridges in "Crazy Heart" - erklären lassen, was einen guten Song ausmacht: dass er einem auf Anhieb so vertraut vorkommt, als kenne man ihn schon eine Ewigkeit. So gesehen steckt "Regenbogen" voller geradezu fantastischer Songs. Kann ja wohl nicht sein, dass Dieter Bohlen und die zwei, drei anderen, die Vanessa Mai ihre Stangenware unterschieben, schamlos geklaut haben.

Es muss also an der exorbitanten Qualität des vorliegenden Werks liegen, dass jede einzelne Nummer den Bummsdisco-Synthie-Sound der 90er atmet, der einem noch von den Fahrgeschäften auf den Rummelplätzen der eigenen verflossenen Jugend her höchst vertraut ins Ohr kreischt. Der Refrain von "Echo" klingt bestimmt nur ganz zufällig wie eine Eins-zu-eins-Kopie von Caught In The Acts "Love Is Everywhere", und, huch! In "Dieser Eine Augenblick" sind dann auch gleich Take That back for good, wie schön.

"Und Wenn Ich Träum" kupfert Bohlen wenigstens bei sich selbst ab. Was einmal geklappt hat, kann ja beim zweiten Mal nicht schief gehen. Statt "Und wenn ich sterb', ich sterb' für dich" lässt er Vanessa Mai diesmal halt "Und wenn ich träum' träum' ich von dir" singen. Träumen, sterben, was macht das schon für einen Unterschied, so lange sich die Backgroundchöre astrein recyclen lassen?

Das Flötengefiepe aus "Ich Kann Heute Nacht Nicht Schlafen" brachte einst schon die Titanic zum Absaufen, obwohl in "My Heart Will Go On" (dass ich das einmal scheiben muss!) mit Céline Dion eine vergleichsweise begnadete Sängerin am Bug des lecken Kahns stand. Wer dagegen Vanessa Mai den Bären aufgebunden hat, mit einem Stimmumfang von gefühlt einer Dreiviertel Oktave sei man für eine Gesangskarriere doch wohl bestens gerüstet, verdient einen Märchenerzählerpreis.

Diese Frau verfügt tatsächlich über kein Quäntchen Stimmvolumen, trägt dafür aber eine Ausstrahlung spazieren, als stehe sie durchgehend unter dem Einfluss wirksamer Beruhigungsmittel. Der Griff zu Downern allerdings erscheint nachvollziehbar: Ohne chemische Hilfe lässt sich der abgegrabbelte Stumpfsinn, der hier aus jeder Textzeile dröppelt, wirklich nicht aushalten.

Wir wandern wieder einmal in Bohlens wunderbarer Welt der zehn Vokabeln: Herz und Schmerz, Wolken und Sterne, und zum Regenbogen wird, versteht sich, hoch geflogen. Hui, was für ein Abenteuer, ein Teufelsritt sogar. Frei und jung fühlt sich die Schlager-Klientel von heute ja seit jeher. Die stellen sich keinen Wecker, nein, die werfen sogar das Handy an die Wand, diese Rebellen. ¡Viva la Revolución! "Es war so geil, es war so geil, es war so geil."

"Träume werden endlich wahr, wo vorher doch nur Leere war." Die Logik hat ohnehin schon lange Reißaus genommen, wenn - gerne auch im gleichen Song - von endloser Liebe und dem Ende der Liebe die Rede ist. "Alles ist perfekt wie auf 'ner Wolke. Ich hab' Angst vorm Abschiedsschmerz." "Im Meer aus Gefühlen", da sitzen wir wo? Rrrichtich: "zwischen den Stühlen".

"Worüber machst du dir so viele Sorgen? Vergiss die Zeit und denk' nicht mehr an morgen. Ja, umarm' die Welt und dreh' dich nicht im Kreis." So einfach geht das, Freunde, und jetzt alle! "Wooo-hoooo! Endlose Freiheit! Wooo-hoooo! Komm', lass' uns feiern! Wooo-hoooo! Ganz oder gar nicht. Wooo-hooooo! Ja, ich versteh' dich."

Man müsste schon eine unsachgemäß durchgeführte Lobotomie hinter sich haben, um sich von derlei Gaga-Lyrik nicht unflätig in seiner Restintelligenz beleidigt zu fühlen. Man kann es Vanessa Mai also nicht verdenken, dass sie diesen Wortkäse offenbar nicht an sich heranlassen will und ihren Vortrag deshalb maximal emotionslos und entsprechend gleichförmig gestaltet.

Schlafrock und Hauspotschen hat sie, wie das Coverartwork zeigt, auch gleich anbehalten. Wozu sich auch aufbrezeln? Es hört ihr (hoffentlich) eh keiner zu. Da kann man in der Engtanzrunde kurz vor Schluss außer mit Chimesgeklingele auch noch schnell mit seiner Enttäuschung ob der schon wieder in die Brüche gegangenen ewigen Liebe hausieren gehen. So romantisch, dazu ist gut kuscheln.

Keine Ahnung, ob die Songs im Verlauf der Spielzeit wirklich noch dämlicher werden. Vielleicht ist das dünne Fell irgendwann auch einfach durchgescheuert. "Ich kann vor Schmerzen kaum noch atmen", behauptet Vanessa Mai am Ende. Zum ersten und einzigen Mal auf "Regenbogen" fühle ich mich ihr wahrhaftig nahe: Das geht mir in der Tat genauso.

Trackliste

  1. 1. Und Wenn Ich Träum
  2. 2. Regenbogen
  3. 3. Nie Wieder
  4. 4. Ich Vermiss Dich So
  5. 5. Sternenmeer
  6. 6. Liebe Fragt Nicht
  7. 7. Echo
  8. 8. Dieser Eine Augenblick
  9. 9. Schönster Moment
  10. 10. Wenn Das Wirklich Liebe Ist
  11. 11. Wolke
  12. 12. Unbekannter Engel
  13. 13. Nachts An Meinem Fenster
  14. 14. Ja Bei Nacht Da Leuchten All Die Sterne
  15. 15. Unser Lied
  16. 16. Ich Hätte Niemals Gedacht
  17. 17. Ich Kann Heute Nacht Nicht Schlafen

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