laut.de-Kritik

Zwischen Schwarzwald-Inzest & Plastik-Zucker.

Review von

Hand aufs Herz: Vandalismus ist kein Technik-Rapper. Er ist auch nicht der mit den originellsten Wortwitzen. Oder den krassesten Punchlines. Trotzdem hat der Düsseldorfer etwas perfektioniert, von dessen Existenz die ganzen Majoes, Kolles und Bras noch nicht einmal wissen: Atmosphäre.

Vandalismus trägt sein Bauchgefühl auf der Zunge und vandaliert damit nicht nur fragwürdige Gesellschaftsnormen, sondern auch emotionale Schutzmauern. Das macht seine Musik so mitreißend. Seine Alben-Welten sind komplex und simpel zugleich, bunt und schrill und abgrundtief dunkel, abstoßend und unheimlich anziehend in einem. "Bombers From Burundi" ist da keine Ausnahme, sondern die schönste Form der Regel.

Nein, auch das dritte Vandalismus-Album ist immer noch kein Konzept-Album. Mal gehts um Sozialkritik, mal gehts um Menschenhass, mal um Rap-Gegner, mal um Trauma oder ein positives Mindset. Die thematischen Enden sind lose, doch genau das macht "Bombers" charmant. Keine in sich geschlossene Welt, keine fiktiven Protagonisten oder inhaltlich kohärente Songs. Stattdessen gibt es Beats zum Hirn-Durchpusten und Texte fürs Herz, verpackt in eine heimelig-schmuddelige Atmosphäre, irgendwo zwischen Schwarzwald-Inzest-Romantik und Plastik-Zucker-Candy Store.

"Bombers From Burundi" strotzt nur so vor "Hitsingles, für alle, die die Hitsingle nicht hören". "Punks Freaks Kingz" brettert gleich im ersten Drittel des Albums heftig ins Gelände. Die mies verleierten Snyths, düsteren Drums und peitschenden Snares von simelli und Sutsche Mane elektrisieren, während Vandal seine Abneigung gegen Rapdeutschland zelebriert: "Kummerkasten-Rap oder Soldaten-Rap oder Ich-bin-nur-ein-Trottel-mit-Klamotten-und-nem-Drogenproblem-Rap". Dazu das Shacke One-Sample als Hook, und der Kopf nickt von ganz allein.

Wer nun glaubt, der Düsseldorfer habe all sein Pulver bereits im zweiten Song verschossen, hat seine Rechnung ohne "Natas Kaupas" gemacht. Hiro MA hat hier einen Überbeat produziert, der einem die Stammzellen aus dem Knochenmark pustet. Zunächst tasten sich die Trommeln vorsichtig ins Dunkel, doch wenn der Bass einsetzt, findet man sich im gnadenlos grellen Licht der Flutlichtscheinwerfer wieder. Dazu harmoniert die lässige Überheblichkeit, mit der Vandalismus seine Zeilen spittet, nahezu perfekt. "Mich fragt schon lange keiner mehr, ich sag schon lange nichts mehr."

Und dann sind da noch die ruhigeren, leiseren Momente auf "Bombers From Burundi", die für den emotionalen Tiefgang sorgen. "Menschenfressermenschen" überrascht nicht nur mit seiner warmen und organischen Aufmachung, sondern auch mit fast schon positiven Vibes, die man so von Vandalismus nicht gewohnt ist - und vielleicht auch genau deswegen wie Balsam für die geschundene Seele wirken. "Menschen sind pervers, Menschen sind Sadisten / Menschen essen Menschen und sind Kleingartenfaschisten / Menschen ham bunte Tapeten, folgen dem Führer zum Sieg / doch wenn du Menschen hasst, dann bist du nicht viel klüger als sie." Nicht die Mitmenschen sind scheiße, sondern das System, das uns umgibt, lautet die Devise. Die untermalt der Rapper mit handfesten Forderungen an einen agierenden Sozialstaat, die man so am liebsten mal in einer dieser vielgezeigten Talk Shows vorlesen möchte:

"Wo sind die Fördermittel? Wo ist das angepasste Budget für Therapeuten, psychosomatische Kliniken, Kinder- & Jugendpsychiatrien, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Erzieher, Streetworker? Wo sind die kostenlosen öffentlichen Räume für Selbsthilfegruppen, Frauenhäuser, Jugendclubs? Wo ist die Berücksichtigung des steigenden Bedarfs an psychosozialer Betreuung? Bekämpfung von Vereinsamung und Gemeindearbeit? Wo ist die Sensibilisierung für diese Probleme ohne eine plakative Hetzjagd und Stigmatisierung?"

Vandalismus trifft damit einen Nerv, der in Zeiten allgemeiner psychischer Geschundenheit dank Pandemie und Politik immer spürbarer drückt. Und es ist auch nicht das einzige Mal auf "Bombers From Burundi", dass er den Finger in eine offene Wunde der innerdeutschen Gesellschaft legt. Vorrangig verarbeitet der Rapper auf "Place De Caen" seine persönlichen Erfahrungen und Kindheitstraumata - nämlich die eines Jungen, der von jetzt auf gleich vom naiven Kind zum deutschen Flüchtlingskind wird, in eine ihm völlig fremde Welt geschmissen, in der er ab jetzt (über)leben muss. Und doch ist "Place De Caen" mehr als eine persönliche Geschichte - sie steht symptomatisch für den (Nicht-)Umgang der BRD mit den Menschen aus der ehemaligen DDR, dessen Folgen heute, ganze dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung, offensichtlicher denn je sind. (Wer sich für die deutsch-deutsche Problematik interessiert, dem/der sei die Doku "Rohwedder - Einigkeit und Mord und Freiheit" auf Netflix empfohlen.)

Der heimliche Star auf "Bombers" hat jedoch den etwas sperrigen Namen "Ich Kann Mit Dem Ganzen Hass Nicht Schlafen Gehen". Zum Sample von John Maus' "Cop Killer" begibt sich Vandalismus auf Post-Punk beziehungsweise Dark Wave-Sphären, die ihm verdammt gut zu Gesicht stehen und von denen man einfach nicht genug bekommt. Während man mit John Maus grölt, hallen im Hinterkopf die Zeilen wie Glockenschläge nach: "Mutter ist Liebe, doch Hass ist mein Vater" - "und wenn ich dich boxe, dann blutet dein Karma."

Knackig zusammengefasst, lautet das Fazit zum dritten Vandalismus-Album: 'Aller guten Dinge sind drei'. "Bombers From Burundi" meistert den Spagat zwischen knallharten Untergrund-Brettern und ruhigen, emotionalen Momenten, zwischen persönlichen Geschichten und gesellschaftspolitischer Relevanz und bleibt dabei trotzdem noch: Vandalismus.

Trackliste

  1. 1. Ninja
  2. 2. Punks Freaks Kingz
  3. 3. Schweinesonne
  4. 4. Menschenfressermenschen
  5. 5. Natas Kaupas
  6. 6. Ich Kann Mit Dem Ganzen Hass Nicht Schlafen Gehen
  7. 7. Störzone Skit
  8. 8. Minus 1
  9. 9. Place De Caen
  10. 10. I Feel Hardcore
  11. 11. Tentakel
  12. 12. Katzengott

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4 Kommentare mit 19 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Diesmal hör ich rein, versprochen!

    Eigentlich bin ich aber nur hier um ma zu sagen, wie sehr ich das LIEBE, wenn ehemals Kommentarspalten-exklusive running gags die redaktionelle Barriere überwinden und plötzlich ganz subtil auch in den Rezessionen stattfinden!

    • Vor einem Jahr

      Irgendjemand hat irgendwann mal gesagt, Elvis habe das Gebäude bereits verlassen - 1 legendärer user hat uns im Vorhinein darüber informiert, dass er in den Kommentarspalten bei laut.de zukünftig erst mal nicht mehr stattfinden wird. ;)

    • Vor einem Jahr

      :(

      Ihr seid auch alle mehr so 3.-4. Generation frischer muppets, oder? Wenn mensch ihn erklären muss, ist der Witz nicht gut Chief!

      Hab ich neulich erst bei meinem Billo-Techno-Remake der Mini-Playback-Show-Melodie gemerkt: Oft ist Humor halt doch so ein Generationen-Ding. Boomer-Humor ist's zum Glück noch nicht, aber die Generation meines Bruders hat höchstens mal wegen ner Polit- oder Pandemiewitz-Zeile geschmunzelt, die Generation X-Hänger hat's noch vor den ersten lyrics wegen der Melodie und der Marijke Amado-Assoziation zerlegt. :(

    • Vor einem Jahr

      "Wenn mensch ihn erklären muss, ist der Witz nicht gut Chief!"

      Nun, "mensch" könnte sich aber um etwas mehr Kohärenz bemühen, dann würden Dinge im Allgemeinen verständlicher, Witze eingeschlossen.

    • Vor einem Jahr

      Nö, Schwingi, ganz ehrlich - das ist jetzt ganz einfach auch mal "zu spät dazu gekommen", nix anderes. Zumindest, wenn's nach dem 2. Beitrag nicht geklickt hat.

    • Vor einem Jahr

      @topic: da du Abgrund und asi-Charme feierst, würde ich dir als Einstieg eher Handbuch des Giftmischers (oder Terror 22, aber das ist weniger gut produziert) empfehlen.

    • Vor einem Jahr

      @CAPSi
      Daher der Einstiegssatz, hab die Vorgänger (auch unter anderen Pseudonymen) einst auf deine Empfehlungen auf die Liste gepackt, war aber selten in thinkin' Koppnicker-mood bzw. wenn, dann eher im Homestudio ausgetobt statt Fremdeinflüsse aufgesogen, aber natürlich trotzdem nochmal danke für die Erinnerung! :)

    • Vor einem Jahr

      Naja, aber wenn das jetzt nur ein Gag für lautboomer ist, dann wird die Verwendung in der Rezession ja wahrscheinlich auch nur Zufall gewesen sein, ma infrage stellen.

    • Vor einem Jahr

      Als ob Dalì sich um Kohärenz bemüht hätte!

    • Vor einem Jahr

      Das ist jetzt wahrscheinlich nicht nur hinsichtlich selektiver Stichprobe der völlig falsche Versuchsaufbau, aber...

      ...findet ihr (abzüglich der hier herrschenden Perversion so mancher typischer Eigenheiten von diversem sozial-medial typischen Verhalten) gar nichts daran auf witzige Weise merkwürdig, dass 1 legendärer user nach konstruktiver Kritik mehrerer Seiten an der Art seiner Teilnahme es meint nötig zu haben, in einer durchaus der Großspurigkeit nicht völlig entledigten Weise hier anzukündigen, dass er in Zukunft ebenso hier erst mal nicht mehr stattfinden wird (in so ziemlich exakt dem Wortlaut des letzten Teilsatzes)?

    • Vor einem Jahr

      ...übrigens ein in der laut.de-Historie nicht ganz unwichtiges Ereignis, das in der Folge zum steilsten Anstieg bei den Zahlen der Neuanmeldungen für 1 ganz neuer user mit komplett anderer Ausrichtung führte!

    • Vor einem Jahr

      Großspurigkeit ist genau sein Ding. Auch wenn er es mittlerweile "Gleichbehandlungs-Fanatismus" nennt.

    • Vor einem Jahr

      Mir zumindest war das anno dazumal neu, dass die Verbform des Begriffs "Stattfindung" an Orten eben ihrem ursprünglichem Zweck zur Beschreibung von Ereignissen und Phänomenen auch für muppets und Menschen genutzt werden kann.

      Gleichzeitig auch gar nicht so stumpf eingesetzt, berücksichtigt mensch die Tatsache, dass der nutzende muppet sich und seine Teilnahme ja nie auf eben diesen muppet beschränkt wahrnahm und die Selbstbeschreibung als Phänomen auf krude Weise daher gar nicht soo unpassend wirkte. Jedenfalls hab ich das damals ganz schnell, ungefragt und selbstzufrieden auch für eine RL-Klitzekleinkünstleridentität adaptieren müssen. :D :whiz:

      ...aber vielleicht hab ich da auch einfach den Moment verpasst gehabt, zu dem der nicht nur linguistische Master-Firstmover die Nutzung der Verbform von Stattfindung zur Beschreibung von Personen-Phänomenen-Mischformen an Orten als jugendsprachliche Stilblüte in der Gesellschaft längst verankert hatte.

    • Vor einem Jahr

      Ruhe, Badezusatz.

  • Vor einem Jahr

    Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.

  • Vor einem Jahr

    Ich feier das Album auch sehr.

    Place de Caen ist mein absoluter favorite, wurde fast sagen ubertrifft ganz donna klara =). Respekt dafur !

    Mein Liste sieht so aus:

    1. Place de Caen
    2. Minus 1
    3. Schweinesonne
    4. Punks Freaks Kingz
    5. Ninja
    6. I feel Hardcore
    7. Katzengott

    Was mir aber bei "Natas Kaupas" aufgefallen ist und sich irgendwie bischen durch das Album zieht ist, dass ich selbst extrem Bass reindrehen muss.
    Hat man spielraum als Hohrer aber irgentwie ist bass default sehr gering.
    Vielleicht ist auch nur bei mir so.
    Habs mir auf tidal mit hifi abo angehort und uber dac und "gute kopfhorer".

    "Ich kann mit dem ganzen Hass nicht schlafen gehen" fallt fur mich leider komplett aus dem Album raus und hatte dort nichts zu suchen wenn ihr mich fragt. Sorry.

    "Tentakel" hat echt potential wenn nicht die Hook (heisst glaube ich so) komisch gesungen wird im ersten Teil. Hort sich irgentwie falsch an. Habe davon nicht viel ahnung was, wenn dann wann anstelle dessen besser gemacht hatte.

    Trotz all meine kleinen Kritik muss ich sagen ein wirklich gelugenes Album ! Danke ! Ich fuhle es und bitte weiter so !

  • Vor einem Jahr

    Atmosphärisch cool und auch wenn der Teenieedgelord in mir seinen Apell am Ende von Menschenfressermenschen ein bisschen cringy findet, kann der lyrisch schon was, was sonst niemand kann.

    Ich merke aber schon, dass das jetzt sein gefühlt 20. Album in zehn Jahren ist und dementsprechend reißt es mich jetzt nicht wahnsinnig vom Hocker, sondern geht als gute X-te Staffel einer liebgewonnenen Serie durch, die man längst nicht mehr wegen der Handlung kuckt, sondern weil man die Hauptfigur halt mag.