laut.de-Kritik

Früher war eben nicht alles besser. Nur harmloser.

Review von

"Wo Die Wilden Kerle Flowen" hat mit dem Autotune-Wahnsinn, dem Deutschlands Gold-Rapper verfallen sind, so wenig zu tun wie eine Baggy Pant mit Heavy Metal. VSK steht für Verbales Style Kollektiv und klingt auch so: Flashig, fett und was man während des ersten großen Deutschrap-Hypes sonst noch gesagt hat. Eine Reise zurück in eine Zeit, in der das Splash! Festival noch in Chemnitz und Falk Schacht bei VIVA Zwei war. Oder um es in den Worten von Steichholz MC zu sagen: "Jetzt pass mal auf Kleiner, leg mal kurz dein Smartphone weg / und ich erzähl dir mal wie das damals war mit Rap".

VSK besteht aus MC Schreibmaschine, Streichholz MC, Flowbotta, MC Bleistift, Doktor Podwich, DJ Ratzefummel, Masta Maik und Fanta Yokai – in Wirklichkeit allesamt Mitglieder von K.I.Z. und Nord Nord Muzik. Der Pressetext verrät, dass das Oktett die Werte propagieren möchte, für die ihre geliebte Kultur einmal stand: "Peace, Love, Unity & Havin Fun!" Der Ernst hinter diesem hehren Vorhaben kann bezweifelt werden. "Wo Die Wilden Kerle Flowen" klingt wie die Verballhornung einer längst begrabenen Szene.

Aufgrund der Machart geht das Album aber auch als liebevolle Hommage durch. Jeder Song steckt voller Details, die nur Besitzer von Mongo-Clikke-Pullovern in Gänze erfassen werden. Flows von früher werden eins zu eins reanimiert – inklusive Überbetonung und starrem Taktgefühl. Damalige Dauerbrennerthemen wie Kiffen ("Grüner Planet"), Repräsentieren ("Dein Traum wird wahr (Hahaha))" und Rap über Rap ("Unsere Kultur") finden sich auch hier wieder. Und wer braucht schon Anna, wenn er bei VSK "Tatiana" bekommt.

Die Grenze zwischen lustig und es tatsächlich gut finden, verschwimmt mit jedem Part. "Schreibmaschine, ich komm mit ausgefeilten Texten / bei denen du zweimal hinhören musst wie bei nem Backspin", machen zu viel Spaß, um sie zu kritisieren. Ruckzuck ist man drin in der Welt aus Wie-Vergleichen und simplen Reimketten, die man erst wieder verlassen will, wenn die nächstbeste Freestyle-Cypher gerockt wurde.

Auch wenn verbohrte Vertreter der Generation Ü30 früher alles besser fanden, Hip Hop hat sich in den letzten zwanzig Jahren weiterentwickelt. Heute kann und traut sich das Genre musikalisch und inhaltlich alles. Das hat sowohl positive als auch negative Begleiterscheinungen. VSK zeigen, wie schablonenhaft und einfach gestrickt der Sound damals war. Früher war eben nicht alles besser. Nur harmloser.

"Wo Die Wilden Kerle Flowen" lässt sich per Punktesystem nur schwer bewerten. Das Konzept stand häufig über der Umsetzung qualitativ hochwertiger Musik. So funktionieren Such-A-Surge-Momente wie "Die Fusion" als Reminiszenz hervorragend, aber nicht als ernst gemeinte Lieder. Einige unterhaltsame Hördurchgänge stecken dennoch in der Platte. Und wenn die geschafft sind, kommt der wirkliche Spaß: Die Lust, die alten Scheiben vom Dachboden zu holen.

Trackliste

  1. 1. Schönen Guten Tag
  2. 2. 2 .An alle MCees da draußen
  3. 3. Keine Angst
  4. 4. Unsere Kultur
  5. 5. Dein Traum wird wahr (Hahaha)
  6. 6. Countdown (Skit)
  7. 7. Grüner Planet
  8. 8. One Love
  9. 9. Tatiana
  10. 10. Simma Down
  11. 11. Die Fusion (feat. Heimkind)
  12. 12. Bahncard 100 (Skit)
  13. 13. Hey Du (feat. Princess P)
  14. 14. Schicht im Schacht (Skit)
  15. 15. Das Rapspektakel
  16. 16. Wo die wilden Kerle flowen (Cypher)

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