laut.de-Kritik

Das Album, an dem sich deutscher Pop messen lassen muss.

Review von

Eine Dekade ist es mittlerweile her, dass Tua mit "Grau" sein gefühltes Debüt veröffentlichte. Das tangierte zwar den Mainstream nicht wirklich, prägte den Hip Hop der Zehner-Jahre aber entscheidend mit. Dub und Trip Hop, Field Recordings und ein hartnäckiges Ignorieren bestehender Konventionen, mit diesen Tools ließ Tua damals die Heads aufhorchen. Seitdem hat er seinen charakteristischen Sound immer wieder variiert. "Tua" markiert nun so etwas wie den Final Point, ein Ende der Geschichte und einen angedeuteten Neustart. Die zentrale Message darauf lautet: "Ich will nicht hoch hinaus, ich will darüber hinweg."

Die erste Single "Vorstadt" führt gleich hinein in Tuas Kosmos und zeigt in nuce auf, wohin die Reise führen soll: einen Querschnitt über das musikalische Werden des Künstlers bieten und die Instrumentals mit der eigenen persönlichen Geschichte verweben und verknüpfen, so eng es nur geht. Der Track beginnt mit Boom-Bap und einer Zeile, die sich ins Gedächtnis brennt: "Und da war immer die Angst." Von da springt er zu Dipset- und Chipmunk-Sound und endet mit der eigenen Interpretation von Zeitgeist: ein verlangsamter Trap-Beat, hallender Autotune und Doubletime.

Zum Ende des Videos fährt Tua im Auto durch einen Tunnel: eine Andeutung der Zukunft und gleichzeitig Übergang zum nächsten Track "FFWD", der die bpm-Zahl nach oben schnellen lässt. "Herzschlag-Speed Korb, Kickdrum, 320 bpm Körperflüssigkeiten hinter BtMG" Der nächste Track "Ich Von Morgen" zieht die Handbremse zum U-Turn an und friert den Moment ein: "Kann es noch ein bisschen bleiben wie es ist?" Schön wärs, leider nein.

"Bruder II" nimmt bereits Abschied von einer sorgenfreien Jugend und markiert den Einbruch der Realität. Der Track erzählt vom Schicksal einer nahestehenden Person, die Deutschland ohne die Hoffnung auf eine Heimkehr in Richtung Türkei verlassen muss. Wie eng Musik und Story verwoben sind, veranschaulicht der dritte Vers, den statt Drum'n'Bass orchestrierte Nahostmusik begleitet.

Tua muss sehr viel Zeit und Mühe darauf verwendet haben, die vielen heterogenen Elemente irgendwie kompakt zu halten. Mittels fließender Überblendungen stiftet er Kohärenz, aber auch wiederholt auftauchende Field Recordings oder Arpeggios sollen zwischen den Songs vermitteln. Besonders eindrücklich geht dieses Prinzip im Übergang von "Vater" zu "Tiefblau" auf. Das super reduzierte "Vater" kommt ohne Beat aus, den Takt gibt das Beatmungsgerät vor, auf dem Tua seine Zeilen des langsamen Abschieds rappt: "Ich wollte doch noch auf Krani mit ihm, ich glaube jetzt bleiben wir hier."

Die beklemmende Atmosphäre, die der Track schafft, bricht "Tiefblau" auf, indem es eine Bewegung einfängt, nicht mehr. Die abstrakte Form bietet für Tua die Möglichkeit, auf das heavy "Vater" etwas folgen zu lassen, ohne sich in irgendwelchen 'Kopf hoch'-Phrasen zu verlieren. Zudem ist es wohl der emotional intensivste Moment des Albums, sobald Tua ins Mikro flüstert: "Wir steigen auf wie Luft im Wasser."

Das klingt alles furchtbar verkopft, und, ja, ist es auch, aber im Gegensatz zu früheren Alben versucht sich Tua immer wieder auch an schmaler konzeptionierten Songs. Die Hook von "Dana" gerät zum Ohrwurm der angenehmen Art, und Lines wie "Du bist doch selbst nicht so frei" prägen sich ein, ohne dass man wirklich wüsste, warum.

Ein Grund für die frischen Vibes, die Songs wie "Dana" aussenden, könnte mit der Entscheidung zusammenhängen, den bis dato hermetischen Arbeitsprozess aufzubrechen und andere Stimmen mit zu berücksichtigen, was die musikalischen Entscheidungen betrifft. Das Konglomerat an Einflüssen resultiert in einer neuen Leichtigkeit und Eingängigkeit, die man in der Intensität von Tua noch nicht kannte.

Dieses neue Arbeiten macht sich besonders in "Wem Mach Ich Was Vor" bemerkbar. Der Dance-infizierte Track beschwört das Setting einer Kirmes, Autoscooter, Leuchtreklame, Zuckerwatte und gebrannte Mandeln ploppen vor einem auf. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die Reprise einer gescheiterten Beziehung: "Manchmal lauf ich irgendwo vorbei und seh' dort alles was wir waren." Den gemeinen Radiohörer sollte der Track im gefälligen Einerlei der Giesingers und Forsters maximal positiv überraschen statt wirklich irritieren.

Die Heterogenität im Soundbild, die eben auch der thematischen Konzeptionierung geschuldet ist, lässt "Tua" in der Diskographie des Reutlingers wirklich singulär erscheinen. Die Neunziger sind prägende Zitierquelle, Moby und Faithless, 'ne Menge Dance, bauchige Drums, gepitchte Vocals, Streicher, das ist alles super viel, findet aber irgendwie zueinander, ohne überladen zu wirken. Es soll die Quintessenz dessen darstellen, das Tua seit "Grau" musikalisch so getrieben hat.

Doch wider die Befürchtung einer simplen Anhäufung von Material aus den letzten zehn Jahren steht "Tua" musikalisch auf eigenen Beinen. Der Erzählton bleibt melancholisch, was bei einem autobiographisch ausgelegten Album erst einmal nicht weiter überraschen soll. Und, hey! Es ist immer noch Tua. Aber die vielen musikalischen Lichtblicke stehen in spannendem Verhältnis zu der Grau-in-Grau-Ästhetik seines erzählten Universums. "Tua" ist das Album geworden, an dem sich deutscher Pop dieser Jahre messen lassen muss.

Trackliste

  1. 1. Vorstadt
  2. 2. FFWD
  3. 3. Ich Von Morgen
  4. 4. Bruder II
  5. 5. Wem Mach Ich Was Vor
  6. 6. Gloria
  7. 7. Liebe Lebt
  8. 8. Vater
  9. 9. Tiefblau
  10. 10. Bedingungslos
  11. 11. Dana
  12. 12. Wenn Ich Gehen Muss

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