laut.de-Kritik

Die Peitsche der Niveaulosigkeit.

Review von

Timi Hendrix ist kein unbeschriebenes Blatt mehr. Als Mitglied von Trailerpark feierte er in den letzten Jahren große Erfolge, gemeinsam mit Skinny machte er als Rap-Duo Pimpulsiv ordentlich Welle. "2 Zimmer, Küche, Bong" ist nun aber sein erstes wirkliches Soloprojekt – und die Erwartungen waren entsprechend groß. Verglichen mit Basti und Sudden gehört er bei Trailerpark gemeinsam mit Alligatoah definitiv zur Hälfte der besseren Rapper. Das Lispeln und gefühlt alle 30 Sekunden gebrüllte "Timmäää!" entwickelten sich mittlerweile zu einer Art Markenzeichen, das ihn von der breiten Masse an monoton klingenden Rappern auf erfrischende Art und Weise abhebt.

Natürlich weiß man auch – ein einziges Interview mit Timi, respektive Trailerpark genügt – dass es mit dem inhaltlichen Niveau in Hendrix' Musik nicht weit her ist. Philosophisches Geplänkel darf man vom Erstlingswerk des Rappers nicht erwarten. Und dennoch setzt der Bielefelder zu Beginn gleich mal ein kräftiges Statement in Richtung vollkommener Niveaulosigkeit: "Bitch, schau mich an: Mein ganzes Leben ist geprägt durch Crack, Rap, Schnee, DVDs, Speed, Weed, Negativität, Depression und ne Prise Hepatitis B." Und hierbei zitiere ich noch einige der harmloseren Bars von "OK", einem Intro nach dem "Intro" sozusagen. Grundsätzlich hat man während "2 Zimmer, Küche, Bong" sowieso das Gefühl, Timi will schockieren – um jeden Preis. Auch wenn darunter die Musik (oder eben die Kunst, wer es mit dem Begriff Musik nicht so hat) eindeutig leidet.

Musikalisch gibt die Platte sowieso nicht viel her: größtenteils einfache Beats, klassische Kopfnicker-Produktionen ohne wirkliche Raffinesse. Muss ja auch zugegebenermaßen nicht immer sein, auch wenn ich mir neben "I Just Killed Two Cops Today", "2 Joints" und "Misnthrop" noch den ein oder anderen klanglich ausgefeilten Song gewünscht hätte. Die beiden Ersteren erstaunen mit einem relaxten Reggae-Gewand (und dazu passendem textlichen Inhalt) – Samples von The Toyes und Cypress Hill dürfen da nicht fehlen. Und Letzterer beeindruckt mit ausbalancierten Synthie-Einflüssen inklusive Dubstep-Bassline. Zumindest diese drei Songs gehen als Highlights der Platte noch durch.

"Lost In Bat Country" und "Schlaflos In Guantanamo" hingegen kommen ungewohnt poppig daher – wobei das einerseits gut funktioniert ("Lost In Bat Country") und andererseits fürchterlich schief geht ("Schlaflos In Guantanamo"). Hier singt der eigentliche Refrain-König Alligatoah eine Hook zum Fremdschämen, auf schiefem Gitarren-Geklampfe à la "Willst Du", als wolle er damit den nächsten Schlager-Hit für den MegaPark am Ballermann liefern. Furchtbar.

Auch auf textlicher Ebene weiß man nicht so recht, ob man das Album jetzt gut oder schlecht finden soll. Da wäre zum Beispiel "Morgens", ein wunderbar ausgefeilter und präziser Disstrack, unter anderem gegen Lance Butters, Jan Delay, Majoe und Farid Bang. Dann wiederum schlägt Hendrix auf "Gang" mit Lines wie: "Je schlechter das Wetter desto besser der Gang-Rape, Bitch ich bin immer noch auf Linie - Wembley. [...] Ich fiste deine Slut und mache nur noch Songs, weil ich einen Index-Fetisch hab" für meinen Geschmack eindeutig über die Stränge. Denn hier wird deutlich, dass "2 Zimmer, Küche, Bong" mit all seinen Drogenexzessen, Fäkalien, Vergewaltigungen und sonstigen Gewalttaten nur ein einziges Ziel verfolgt: Provokation. Dies geschieht allerdings nicht mehr über eine gewisse Art an Humor, wie man es vielleicht noch den 257ers oder Trailerpark als Band attestieren könnte. Nein, Timi Hendrix will schockieren - ohne wenn und aber.

Glücklicherweise gibt aber auch diese Platte den ein oder anderen Höhepunkt her, der das Hörerlebnis doch zum Positiven wenden kann. Featuregast Das W ist so ein Höhepunkt, der mit seiner kräftig gesungenen Hook auf "Alles Beim Alten" und seinem Part auf "Lost In Bat Country" definitiv einen musikalischen Mehrwert bietet.

Timi Hendrix bewegt sich mit "2 Zimmer, Küche, Bong" auf einer schmalen Linie. Einer schmalen Linie zwischen Kunstfertigkeit und purer Provokation. Auf einer schmalen Linie zwischen Musikalität und Kopfschmerzen. Und ganz einfach gesagt: auf einer schmalen Linie zwischen gut und schlecht. Dem einen wird es besser gefallen, dem anderen wird die CD relativ schnell auf die Nerven gehen. Aber unabhängig davon schwingt Hendrix mit "2 Zimmer, Küche, Bong" die Peitsche der Niveaulosigkeit und lässt sie auf die Rücken all der Moralapostel und Gutmenschen regnen, die Hip Hop mit radiotauglicher Popmusik verwechseln. Und das ist in Zeiten von Sidos "Astronaut" oder Cros MTV-Unplugged" bitter nötig.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. OK
  3. 3. Der Kaiser Von China
  4. 4. Morgens
  5. 5. 2 Joints
  6. 6. Genau Wie Du 2015
  7. 7. Alles Beim Alten
  8. 8. Schlaflos In Guantanamo
  9. 9. I Just Killed Two Cops Today
  10. 10. Gang
  11. 11. Misnthrop
  12. 12. Main Bitch
  13. 13. Lost In Bat Country
  14. 14. Hunderttausend Meilen

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9 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Erst molly, jetzt wollen Deutschrapper auch noch main und side bitches in ihren Sprachgebrauch aufnehmen? Bitte lasst das doch sein. Ihr seid doch kein YG.

  • Vor 2 Jahren

    Mich würde es freuen, wenn der Interpret der Review sich mal mit Timi Hendrix auseinandergesetzt hätte und sich die Lieder angehört hätte:) Er sind nicht von der Krankheit Hepatitis B sonder von der Pimpulsiv-Erscheinung Hepatitis P! Des weitern finde ich es überflüssig, nicht begründet wurde, warum manche Lieder und Passagen schlecht/gut sind. Ich möchte eine Meinung nachvollziehen und für mich wiederlegen oder zustimmen können, das geht bei einem Monolog ohne Argumente nicht.

  • Vor einem Jahr

    Der Meinung des Autors kann ich gar nicht zustimmen. 2zkb wird echt nie langweilig und wirkt wie ich finde alles andere als einfach oder humorlos-genial trifft es da schon eher!
    Die Musik war für mich beim ersten Hören etwas ganz neues und kann man über Wochen ununterbrochen pumpen.
    Als rein provokativ würde ich die Texte mal nicht bezeichnen, sind halt grundsätzlich ganz im Sinne des Trailerpark-Lifestyles( was für Fans der Band ja kein Problem sein müsste;)), rufen aber an einigen Stellen überrascht Emotionen hevor (besonders der Track "Hunderttausend Meilen"! was hier genauso wie "Der Kaiser von China" überhaupt nicht zur Sprache kam; schade, weil beide für mich zu den Highlights des Albums gehören)
    Lange Rede kurzer Sinn: Über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber ich muss Timi an dieser Stelle wirklich loben...