laut.de-Kritik

"Damals war der bissele dumm, jetzt isch der bissele älter geworden."

Review von

"Damals war der bissele dumm, jetzt isch der bissele älter geworden, weisch." Teddy Comedy stellt uns mit einem Augenzwinkern und seinem charmanten, eigenem Schwäbisch im "Intro" den Hauptakteur vor. "Zidoouu, zeig den Leuten wo der Rap-Skill isch." Ja genau, zeig mal!

Saftig boombappig klatscht Sido in sein sechstes Soloalbum und verspricht seinen Jüngern, "Für Ewig" für sie da zu sein. Kann man sicherlich durchgehen lassen, gar als gekonnten Einstieg stehen lassen. Anschließend treibt eine drückende Synthie-Pumpe den "Löwenzahn" brachial aus dem Beton. Der bildhafte Ausdruck der kleinen Blume, die sich gegen alle Widrigkeiten zur Sonne hin streckt, schmeißt einfach das Kopfkino nicht so richtig an. Und der Hang zum Pathetischen macht es nur noch schlimmer: "Wir kämpfen bis wir Pusteblumen sind und wir warten auf den Wind."

Darüber könnte ich wegsehen, würde diese Nummer nicht wieder einmal vorführen, wie sehr Sidos Flow immer wieder durch die Texte stolpert. Olexesh musste damals zwar erst an der Sprache schleifen, beherrscht sie heute aber verbunden mit seinem Flow so schnittig, dass er den Berliner im Vorbeigehen wegflext. Nun, über Sidos Flow-Technik zu sinnieren ist in etwa so spannend wie darüber pikiert zu sein, dass sich Dre seine Zeilen schreiben lässt. Doch ich kann mich mit der Holprigkeit in Sidos Vortrag weder anfreunden noch darüber hinwegsehen.

Inhaltlich erzählt der Ex-Maskenmann und Familienvater viel von sich, seiner Vergangenheit und auch ein wenig von Weltproblemen. Besonders letzteres wirkt oft unausgegoren und nachgelabert. Die Welt, wie er sie im Fernsehen sieht, nennt er "traurig, traurig aber wahr". Und ja, stimmt schon, "Vorurteile, Missgunst, Ignoranz und Fremden-Hass / ist schon erstaunlich was die Dummheit aus den Menschen macht", aber tief in die Materie steigt er hier auch nicht ein. Er kratzt an der Oberfläche, und wenn das einige zum Nachdenken verleitet, spitze. Allen anderen, die noch andere Quellen als Sido-Texte konsumieren, erzählt er was sie eh schon wissen.

Doch bevor man diese Platte nun gähnend als 'belanglos' abstempelt, sollte man sich den Genickbrecher "Ackan" geben. Das Dillon Cooper-Feature bringt einen so treibenden Kopfnicker-Beat von DJ Desue mit, dass es eine wahre Freude ist. Dazu gibt Sido gewitzte Rundumschläge à la "aus dem Schlüpper deiner Frau kannst du ein Zelt baun." Zwar frisst Cooper Sidos Flow von dessen Schultern, kaut zwei Mal lustlos darauf herum und spuckt ihn zurück auf die Straße. Aber der Track macht Spaß, nicht zuletzt wegen der Gast-Performance.

Daneben steht klassisches Storytelling-Material: "Gürtel am Arm". Die verzweifelte Geschichte vom Heroin-abhängigen Kevin wirkt ehrlich und ungeschönt und zeigt, wie nichtig die eigenen Probleme vergleichsweise sein können. Sido spielt mit seiner Stimme, bringt sie gewinnbringend zum Einsatz, singt, flüstert, rappt. Das ist großes Kino.

Der rote Faden von "VI" spinnt sich um die Sorgen und Ängste, die Vergangenheit und Probleme des Herrn Würdig. Eine Auseinandersetzung mit dem Tod steht neben nervenden, Selfie-geilen Fans und der Nachbarschafts-Feindschaft im Viertel der Neureichen, "Vom Frust der Reichen". Zwischendrin fliegt der "Astronaut" an die Spitze der Pop-Charts und zementiert seinen Mainstream-Status. Ordentlich produziert und ohne Total-Ausfall – oder um es in Teddys Worten abzuschließen: "Damals war der bissele dumm, jetzt isch der bissele älter geworden, weisch. Klar, isch immer no bissele dumm, aber nett von dem Mensch her."

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Für Ewig
  3. 3. Löwenzahn
  4. 4. Vom Frust Der Reichen
  5. 5. Astronaut
  6. 6. Ackan
  7. 7. Zu Wahr
  8. 8. Knochen Und Fleisch
  9. 9. Gürtel Am Arm
  10. 10. Zuhause Ist Die Welt Noch In Ordnung
  11. 11. Selfie
  12. 12. So War Das
  13. 13. Entspannt
  14. 14. Zu Strasse
  15. 15. Eier
  16. 16. Kreuzreim Skit
  17. 17. Boombidibyebye

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LAUT.DE-PORTRÄT Sido

"S wie der Stress, den du kriegst wenn ich am Mic bin. I wie 'Du Idiot!' Mich zu battlen wär' Leichtsinn. D wie die Drogen, die ich mir täglich gebe.

25 Kommentare mit 16 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Ich werde nie verstehen, warum man sich 2015 noch ein Sido-Album geben sollte. Das ist - bis auf die Beats - einfach belanglos, Instant-Langeweile halt.

  • Vor 3 Jahren

    Ich habe noch kein einziges Sido-Album jemals in Gaenze gehoert, und Garret und Icy fahren sich das Ding hier zum Rezensieren rein. Lohnt es sich da nicht mehr, einfach eine Stunde laenger im Leben geschlafen zu haben?

    • Vor 3 Jahren

      Ich hätte es mir wohl auch so angehört, da mich ab und zu bei größeren Releases doch die Neugier packt, wo der entsprechende Artist gerade steht. Rückblickend muss ich deine Frage aber leider bejahen, auch wenn ich mir das Teil - wie die meisten potentiellen Schrott-Alben - beim Kochen angehört und nicht etwa, ausgestattet mit Stift und Zettel, extra Zeit nur dafür geopfert habe. :D

  • Vor 3 Jahren

    Musik für verhinderte Kleinkriminelle und sonstige parasitäre Bettnässer, die mit 30 noch bei Muttern leben und dem Staat ewig auf der Tasche liegen werden.
    Hier hilft nur ein sofortiges komplettes Verbot !