5. September 2012

"Wir sind große Rihanna-Fans"

Interview geführt von

Es ging ein Raunen durch die Branche, als vor drei Jahren die bis dato völlig unbekannte Formation The XX ihr selbstbetiteltes Debüt veröffentlichte. Kurz darauf sprengten Platten- und Ticketverkäufe sämtliche Erwartungen und bescherten den Londonern einen angesichts ihrer schüchternen Songs recht paradoxen Hype.Über anderthalb lange Jahre spannte man die zahlreichen Fans auf die Folter, ehe es wieder auf die großen Bühnen ging. Im Juni stattete das UK-Trio den Festivalschwestern Hurricane und Southside einen Besuch ab und meldete sich damit auch in Deutschland wieder zurück.

Eigentlich wollten The XX bei der Gelegenheit gleich ihr neues Album vorstellen, doch erst jetzt steht der Zweitling in den Startlöchern: "Coexist" erscheint mit leichter Verspätung am 7. September. Grund genug für ein Telefongespräch mit Sängerin Romy Madley Croft.

Nach drei überaus erfolgreichen Jahren: Empfindest du deinen Job als leicht?

Romy: (lacht) Wirklich leicht fällt er mir nicht, vielleicht sollte ich mich darum mal mehr bemühen. Aber ich mag diese Herausforderung eigentlich. Musikalisch war die Produktion des neuen Albums jedenfalls wieder ein Abenteuer. Wir haben uns selbst dazu gepusht, verschiedene Dinge auszuprobieren, und das ist sehr wichtig, denke ich. Wir haben uns keine Grenzen gesetzt, haben kein Album aufgenommen, das uns in eine komfortablere Lage versetzen soll.

Es gibt aber auch noch andere Aspekte, die uns nicht so leicht fallen. Für uns war es keine natürliche Sache, auf die Bühne zu gehen und live zu spielen. Um das zu lernen mussten wir sehr an uns arbeiten. Mittlerweile sind wir zwar selbstbewusster geworden und fühlen uns deutlich wohler, aber eine Herausforderung stellt es immer noch dar.

Bei Interviews verhält es sich ähnlich. Wir gehören nicht zu den Leuten, die viel über sich selbst erzählen. Für uns ist es keine leichte Aufgabe, sich selbst auszudrücken. Aber es geht konstant bergauf, denn wir lernen immer noch dazu.

Vor und nach eurem Debüt habt ihr etliche Gigs gespielt und seid auch diesen Sommer wieder auf Festival-Tour. Habt ihr nicht langsam die Nase voll, bei jedem Konzert das ganze Album zu spielen?

(lacht) Wir sind froh, dass wir seit der letzten Tour eineinhalb Jahre Konzertpause hatten. Einerseits haben wir natürlich viel am neuen Album gearbeitet, aber daneben konnten wir auch einfach mal wieder unser Leben leben. Es war schon erleichternd, nicht die ganze Zeit an Musik zu denken und immer die Songs zu spielen. Durch die Pause kam es sogar so weit, dass ich die alten Songs teilweise vergessen hatte. Als wir mit den Proben für die neuen Auftritte anfingen, musste ich einiges wieder neu lernen. Das war echt eine witzige Erfahrung.

2009 ist eure Keyboarderin Baria aus der Band ausgeschieden. Inwiefern hat sich eure Arbeit seither verändert?

Baria war auf jeden Fall deutlich mehr an unserer Liveshow als an der kreativen Arbeit beteiligt. Von daher hatte ihr Ausstieg keine wesentlichen Auswirkungen auf die Entstehung des neuen Albums. Damals hat es uns eher dazu gezwungen, live noch besser zu werden. Jamie musste natürlich einige Parts mehr übernehmen. Er samplete jede einzelne Note von Barias Gitarrenspuren und spielte sie live auf seiner MPC. Das war echt beeindruckend. Wie gesagt, es hat uns wirklich angespornt. Aber das Ganze ist ja wirklich lange her, jetzt sind wir als Trio jedenfalls sehr glücklich.

Habt ihr nie daran gedacht, sie durch ein neues Mitglied zu ersetzen?

Die Band ist aus Freundschaft heraus entstanden. Ich meine, Oliver und ich haben uns mit drei Jahren kennengelernt und Jamie kennen wir, seit wir elf sind. Deswegen glaube ich, dass es total seltsam wäre, ein neues Mitglied in der Band zu haben. Wir hätten dann einfach eine andere Dynamik als zuvor. Es wäre auch unfair gegenüber dem neuen Musiker, weil wir drei eben eine ganz besondere Art von Freundschaft pflegen. In solch einem Fall wäre auf einmal alles anders.

Offiziell hieß es ja, Baria sei aufgrund persönlicher Differenzen ausgestiegen. Doch kurz vor ihrem endgültigen Ausscheiden musstet ihr mehrere Tourdaten absagen, weil sie so erschöpft war. Hat dieser 'Zwischenfall' bei euch etwas verändert?

Also ehrlich gesagt sind wir alle immer ziemlich erschöpft. Sowohl nach Festivalauftritten, als auch nach einer intensiven Hallentour. Und wenn du müde bist, kommen solche Dinge viel eher ans Licht, die in der Band auch mal falsch laufen. Von daher hat diese Erschöpfung einfach einen wesentlichen Teil dazu beigetragen, dass wir uns getrennt haben.

"Wir wollten uns nie beeilen müssen"


Vor knapp zwei Jahren habt ihr den renommierten Mercury Music Prize gewonnen. Wie hat es sich angefühlt, den Favoriten Paul Weller zu schlagen?

Schon allein dass wir gleich nach unserem ersten Album neben ihm nominiert wurden, war wirklich großartig. Als wir dann auch noch den Preis erhielten, fühlten wir uns natürlich wahnsinnig geehrt. Schließlich hat Paul Weller so viel Bewundernswertes gemacht. Er war übrigens auch wirklich nett.

Es hieß, ihr hättet die 20.000 Pfund Preisgeld in ein neues Studio investiert.

Wir haben uns mit dem Geld ein Appartement gemietet. Es handelte sich also eigentlich um kein richtiges Tonstudio mit viel Equipment, genauer gesagt war es nicht mal schalldicht. Aber wir haben sowieso ein recht simples Setup, daher konnten wir dort trotzdem unser neues Album produzieren. Wir wollten einfach einen Ort für uns, den wir Tag und Nacht jederzeit aufsuchen können. Denn so was ist total komfortabel.

Gerade im Vergleich zum ersten Album war das echt eine großartige Situation. Das haben wir nämlich in einer Garage aufgenommen, die unsere Plattenfirma XL Recordings in ein Studio umgewandelt hatte. Zwar waren wir bei der Produktion auch unter uns, aber in der Location hatte man immer noch gewissen Kontakt zu anderen Leuten aus dem Umfeld. Diesmal wollten wir einfach noch freier und unabhängiger sein. Jamie hat das Album daher erneut selbst gemischt. Es fühlte sich einfach gut an, allein zu sein.

Bei der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine lief das bekannte "Intro" eures Debütalbums vor jedem Spiel im Stadion ...

(lacht) Ich wusste gar nicht, dass das vor jedem Spiel lief. Was vor allem daran liegt, dass ich mit zehn Jahren das letzte Mal Fußball geschaut habe.

Wie fühlt sich so was an?

Wir hatten keine Kontrolle darüber, was natürlich ziemlich verrückt ist. Natürlich war es jetzt nicht unser Ziel, einen Nachfolger für das Rocky-Theme zu produzieren. Daher hoffen wir, dass es nicht zuuu viel Verwendung gefunden hat. Aber andererseits ist es doch auch lustig.

Rihanna hat das Instrumental sogar für ihren Song "Drunk On Love" gesamplet. Hat dir die Version gefallen?

Ja, das mussten wir ja auch genehmigen. Wir sind alle große Rihanna-Fans! Und Popmusik-Fans sowieso. Andererseits ist das aber eine ganz andere Welt, ein ganz anderer Arbeitsprozess. Das Instrumental geht ans Produzenten-Team, der Song wird geschrieben und dann singt Rihanna ihn ein. Von unserer Arbeit unterscheidet sich das natürlich komplett. Aber wir fanden es einfach interessant und sind wie gesagt Fans von ihr. Daher haben wir uns dazu entschlossen, das Stück freizugeben.

Lass uns ein wenig über euer neues Album "Coexist" sprechen. Haben nach dem Hype um euer Debüt denn hochkarätige Produzenten oder Künstler angeklopft und eine Zusammenarbeit angeboten? Und wenn ja, warum habt ihr abgelehnt?

Jamie hatte ja Kollabos mit einigen Künstlern, für die das vielleicht in Frage gekommen wäre. Aber für uns war einfach klar, dass wir mit The XX nicht mit anderen Leuten zusammenarbeiten wollen. Vor allem, weil es zu dritt einfach so gut funktioniert. Da verhält es sich ähnlich, wie mit dem möglichen neuen Bandmitglied. Wenn jemand von außen dazukommt, ändert sich einfach die Dynamik. Darum haben wir auch nie erwogen, bei einzelnen Tracks mit Gastmusikern zu arbeiten.

Im Dezember letzten Jahres hat Jamie angekündigt, dass das Album pünktlich zur Festivalsaison erscheint. Warum hat sich der Release jetzt doch verschoben?

Egal ob es um die Musik oder um deren Produktion geht: Wir wollten uns nie beeilen müssen. Wir spielen zwar liebend gerne auf Festivals und wollten den Leuten bei der Gelegenheit eigentlich die Songs vorstellen. Aber es hat sich einfach nicht ergeben, es hat nicht gereicht, deswegen mussten wir den Release auf September verschieben. Die Festivals wollten wir aber trotzdem spielen und haben es wirklich genossen. Immerhin haben wir ja auch fünf oder sechs neue Songs in unser Set eingebaut.

"Coexist" klingt sehr atmosphärisch, dafür noch deutlich langsamer als "XX". War das der Hauptansatz beim Songwriting?

Das ist interessant, denn da sagt jeder was anderes. Manchen Leuten fiel auf dem Album die Fülle an Upbeat-Songs auf, andere finden es deutlich missgestimmter und wieder andere wohlklingender als das Debüt. Es ist also wirklich spannend, die ganzen Meinungen zu hören.

Ich glaube jedenfalls nicht, das wir die Platte mit einem gewissen Vorhaben angegangen sind. Langsame Songs haben wir schließlich schon immer geliebt. Aber man hört wie ich finde auch unseren Hang zu glücklicheren, schnelleren Stücken nach wie vor heraus. Zum Beispiel bei "Swept Away". Die Platte umfasst eine recht große Reichweite, es gibt solche und solche Tracks.

"Ich liebe es, Hits zu schreiben"


Was genau findet ihr an langsamer Musik denn attraktiv?

Puh, schwer zu sagen. Ich habe eigentlich schon immer gerne traurige Lieder gehört. Es ist einfach schön, die Texte atmen zu lassen. Außerdem liebe ich es, ganz genau auf gewisse Details zu achten, das bietet sich bei langsamer Musik natürlich an. Natürlich mag ich auch schnelle Songs. Aber wir sind nun mal sehr entspannte Zeitgenossen und hören deshalb auch privat eher relaxte Musik.

Im erwähnten Interview erklärte Jamie auch, dass er sich bei der Albumproduktion von Clubmusik inspiriert fühlte. Wie sieht es mit dir aus? Hörst du auf dem Endresultat diesen Club-Vibe heraus?

Auf jeden Fall. Ich glaube, das war einer von vielen Einflüssen. Vielleicht nicht unbedingt der wichtigste, ein Dance-Album sollten die Leute nicht von uns erwarten. (lacht) Aber es ist ein neuer, interessanter Einfluss für jeden von uns. Wir haben viel House gehört, so was gefällt mir mittlerweile auch echt gut.

Als ich das Album das erste Mal gehört habe, blieb mir eigentlich kein Song auf Anhieb im Ohr, so wie damals "Islands" oder "Chrystalized". Habt ihr die Tracks bewusst so gestaltet?

(lacht) Nein, definitiv nicht. Ich liebe es, Hits zu schreiben. Aber auch in der Hinsicht gab es schon ganz verschiedenes Feedback. Mir haben auch schon Leute von diesem oder jenem Ohrwurm erzählt. Das zeigt wieder, dass es einfach vom Hörer abhängt. Wir haben jedenfalls nicht versucht, eine schwierige Platte ohne catchy Songs zu schreiben.

Von dir stammt die Aussage, die Band sei ein Stück erwachsener geworden. Inwiefern spiegelt sich das in den Songs nieder?

Auf dem Album sind ein paar der dunkelsten Songs, die wir je geschrieben haben. Andererseits aber auch sehr sonnige. Diesmal geht es emotional deutlich mehr auf und ab. Während die Stimmung auf "XX" doch eher konstant blieb. Bei "Angels" wird das zum Beispiel ganz klar, es geht ganz eindeutig ums Glücklich- und Verliebtsein. Dagegen ist "Missing" ein total düsterer Song. Diesen großen Umfang an Emotionen mag ich einfach sehr.

Hattet ihr im Laufe der Zeit jemals Versagensängste? Angst vor einem Album-Flop?

Wir machen uns schon sehr viele Gedanken über die Musik. Es war tatsächlich nötig, zu dem Punkt zurückzukehren, an dem wir das alles nur für uns selbst machen. Ich denke, sobald wir uns an jemand anderem orientieren würden, würde das Ganze nicht mehr funktionieren. Wir haben schließlich unser eigenes Leben und unsere eigenen Erfahrungen, über die wir schreiben. Mit unserem Album sind wir jedenfalls sehr glücklich und hatten Spaß daran, es aufzunehmen. Und das ist doch das Wichtigste.

Glaubst du, dass "Coexist" das Potenzial hat, auch kommerziell noch einen Schritt nach vorne zu machen?

Puh, das weiß ich nicht. Ich bin ja auch auf unser erstes Album sehr stolz. Und glücklich darüber, wo wir gelandet sind und wie viele Menschen es gehört haben. Dennoch ist es ein schönes Ziel, mit "Coexist" auch viele Leute zu erreichen, die das Debüt noch nicht gehört haben und uns dann eben über die zweite Platte kennen lernen.

Zum Schluss noch ein kleiner Themawechsel: Etta James, Donna Summer, Adam Yauch - welcher Todesfall hat dich am meisten betroffen gemacht?

Etta James. Wir sind alle große Fans von ihr. Das ist wirklich traurig. Ihre kraftvolle Stimme hat mich immer sehr beeindruckt.

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT The XX

Ältere Semester erinnern sich vielleicht noch an die Londoner Punk-Formation X-Ray Spex, ansonsten ist die Liste der mit dem Buchstaben "X" beginnenden …

Noch keine Kommentare