laut.de-Kritik

Ein Schauspiel von grotesker Schönheit.

Review von

Dass The Notwist einen Faible für verwegen verwobene Elektro-Texturen und Soundgekrümel hegen ist bekannt. Gerade die Mischung aus poppiger Schlichtheit und diesem abstrakten Sounddesign machen die Oberbayern seit Jahren geradezu unantastbar.

Auf "Messier Things" deklinieren die Herren ganz befreit vom Korsett einer Songstruktur oder immanenter Kohärenz durch, was sonst nur zur Garnitur eines Riffs oder einer Melodie gerät. Die Platte stellt allerdings kein autarkes Werk dar, sondern bietet eine Sammlung verschiedener Soundtracks für Theater- und Hörspiel-Produktionen.

Folglich ordnen sich die Nummern abgesehen vom 13-Minüter "Das Spiel Ist Aus" auch lediglich einer Nomenklatur von "Object 1" bis "Object 17" unter. Der Titel "Messier Things" definiert sich dabei weniger über das enthaltene Collagen-Chaos, sondern rekurriert auf den französischen Astronomen Charles Messier. Dieser erfasste im 18. Jahrhundert allerlei Galaxien und Körper im All kartografisch und kategorisierte diese.

Damit wäre der theoretische Teil dann abgehakt - naja, so halb. Denn auch musikalisch erinnert das Ganze oft an Algorithmen und Computermatritzen. Mit der Präzision eines Seismographen ergründen die Nerds Schwingungen verborgener Soundsegmente und schichten eklektische Klänge übereinander, die jede Spur ihres Ursprungs verwischen.

Von Object 1 bis 16 erschaffen The Notwist Geräuschkulissen, die mal mehr, mal weniger sperrig geraten und es stets dem Rezipienten selbst überlassen, seine Fantasien darauf zu projizieren und den Stream Of Consciousness anzuzapfen. Hinter diesen Vorhang der zuweilen fast postrockigen Kaskaden, die instrumental und ohne Lyrics manchmal an Sigur Rós, Penderecki oder Ligeti ("Object 3") erinnern, lassen die Bastler derweil nicht blicken.

Diese dekontextualisierten Fragmente verweigern sich dem Anspruch auf Anfang und Ende und schweben im Vakuum referenzloser Kunst. Zeit und Raum scheinen sich förmlich zu krümmen, wenn im celestisch ätherischen Nebel repetitive Klangmuster zwischen Tropfsteinhöhlen-Sample und dem Epilog in 2001 A Space-Odysee oszillieren ("Object 7").

Trotz dieser schwindelerregenden Schwerelosigkeit hat das Ganze weit mehr zu bieten als l'art pour l'art - an die Stelle von Form-Vollendung tritt Form-Findung. Immer wieder deutet sich ein Songplot an, wie in "Object 6", der sich aber schließlich doch mehr als Idee oder Prozess manifestiert und als Interludium um die eigene Achse dreht.

"Object 4" könnte etwa auch den flinken Fingern von Flying Lotus entsprungen sein, unter dem Mikorsokop betrachtet und ins Notwistsche Arrangement umcodiert. In diesem existieren klimpernde Arpeggios ("Object 10"), surreales Schifferklavier, Glockenspiel und triste Bläser ("Object 11)".

Letztere lassen zuweilen gar den Geist von "Shrink" oder "12" aufleben. Auch diverse Graustufen des Knisterns und Zirpens werden ausgelotet, geschöpft aus einem reichen Repertoire an Störsignalen. Das weiße Rauschen des behäbig schwillenden Crescendos in "Das Spiel Ist Aus" fällt nicht wirklich aus dem ohnehin debilen Rahmen, auch wenn hier die Rapper Doseone und Jordan Dalrymple (13&God) ein paar Gesangssilben in den Äther japsen.

Was bleibt also hängen von "Messier Objects"? Wer sich nach Substanz à la "Neon Golden" sehnt, der wird in diesem Kosmos vergeblich nach Halt suchen. Diejenigen, die sich aber gerne von den schwarzen Löchern verschlingen lassen, deren Untiefen diese archaischen Schallinstallationen entstammen, die erwartet ein Schauspiel von grotesker Schönheit.

Trackliste

  1. 1. Object 1
  2. 2. Object 2
  3. 3. Object 3
  4. 4. Object 4
  5. 5. Object 5
  6. 6. Object 6
  7. 7. Object 7
  8. 8. Object 8
  9. 9. Object 9
  10. 10. Object 10
  11. 11. Object 11
  12. 12. Object 12
  13. 13. Object 13
  14. 14. Object 14
  15. 15. Object 15
  16. 16. Das Spiel Ist Aus
  17. 17. Object 16

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