laut.de-Kritik

Das Postrock-Highlight der deutschen Talk Talk.

Review von

Eine Hardcore-Punk-Band aus der deutschen Provinz, die sich dem Indie-Rock öffnet, ist ja das Letzte, was man sich freiwillig anhören würde. Daran hat sich seit den 90er Jahren wenig geändert, zumal es mit The Notwist eine Gruppe gibt, die die qualitative Messlatte für diese Art der musikalischen Weiterentwicklung unerreichbar hoch gehängt hat. Eingeweihte Fans härterer Gitarren verweisen in der Frage nach dem Kultalbum dieser öffentlichkeitsscheuen Gestalten aus Weilheim auf den ansatzweise experimentellen Vorgänger "12" (1995), andere lobpreisen das erstaunliche Pop-Highlight "Neon Golden" (2002).

Damit könnte man nun, zwanzig Jahre später, ja mal Sänger, Gitarrist und Songwriter Markus Acher konfrontieren, um quasi eine amtliche Beglaubigung auf diese elementar wichtige Frage zu erhalten. Schließlich muss er es ja am besten wissen. Was war der große Album-Moment in der Notwist-Karriere, welches ist diese eine wegweisende Platte? Achers Antwort: "Keine Ahnung. Die Lieblingsplatte ist wahrscheinlich immer die, die wir gerade machen."

Aus dieser unspektakulären Antwort sprechen wichtige Indikatoren für den trotz langer Pausen nachhaltigen Erfolg der Gruppe seit 1990: Ruhe, Bodenständigkeit, Abenteuerlust und eine gesunde Portion Verschrobenheit. Ihre letzten Studioalben "Close To The Glass" und "The Devil, You + Me", Lehrstücke durchdachten Postrock-Fummeltums, sind 2014 und 2008 erschienen. Zeit war noch nie ein Faktor, der The Notwist Kummer bereitete. Ihr Erfolg bemisst sich seit jeher nicht an Verkaufszahlen, sondern, wenn überhaupt, an vollen Clubs. Letztlich ist aber auch das nur ein positiver Nebeneffekt, sonst würden sie ihre Lieder eben vor zehn bis dreißig Leuten spielen, wie Ende der 90er auf ihren ersten Amerika-Tourneen.

"Shrink" gilt aus mehreren Gründen als Zäsur im Schaffen der Band. Mehr noch als beim Vorgänger "12" nahmen sich die Gebrüder Markus und Micha Acher (Bass) sowie Mecki Messerschmid (Drums) vor, in unbekanntes Soundterrain aufzubrechen. Dafür engagieren sie Freund Martin Gretschmann aus ihrem Mucker-Umfeld als festes Bandmitglied, dessen Sampling-Kenntnisse sich längst über Weilheims Ortsgrenzen hinaus herum sprechen. Gretschmann hat mit Console gerade ein eigenes, aufstrebendes Elektro-Projekt am Laufen ("14 Zero Zero"), die Achers frickeln mit dem alten Musikschule-Bigband-Kumpel Johannes Enders im Tied & Tickled Trio, daneben laufen noch die Projekte Village Of Savoonga, Potawatomi, Ogonjok, MS John Soda und Lali Puna.

Es geht darum, wie Markus Acher damals betont, verschiedene Elemente und Ideen projektübergreifend zu benutzen, sie in neue Kontexte zu stellen. Davon profitieren letztlich alle: Wer das Tied & Tickled Trio-Debüt gut findet, könnte auch an Notwist Gefallen finden. Die Umtriebigkeit zum Standortvorteil umdenken. Zeitgleich zu den Desert Sessions in der kalifornischen Wüste abseits von Los Angeles erfinden The Notwist ihren eigenen Musiker-Dachverband rund um die Uphon Studios abseits von München. Im Weilheimer Industriegebiet.

Maßgeblich prägen Bläsersätze das Album und rücken "Shrink" somit in eine Jazz-Richtung, die man in dieser Konsequenz nicht erahnen konnte. War die Band vorher ein klares Thema für das Visions Magazin, wo das zweite Album "Nook" 1992 mit 6/5 als erstes Album mehr Punkte erhielt als deren Wertungsskala zuließ, steht nun die Spex in Oberbayern auf der Matte. "Das Album verdient einen Platz im Olymp des Pop", jubelt Autor Uwe Viehmann ausgelassen und wundert sich, warum die Spex der Band zuvor nie allzu viel Anerkennung zubilligte, wo sich doch "ihre Hörerschaft mit Bands wie Blumfeld überschneiden dürfte". Auch im Ausland wird man hellhörig: Mit Stereolab teilt man nicht nur die Liebe zu detailverliebter Kraut- und Groove-Exegese, die Briten veröffentlichen "Shrink" begeistert auf ihrem Label Duophonic. Schließlich sucht sogar Amerika plötzlich Weilheim (oder Germany) auf der Landkarte.

Lorbeeren für ein Album, das auf den ersten elf Minuten (zwei Songs) gleich die Richtung vorgibt. Stolz und unbeeindruckt präsentiert Gretschmann eine seiner Rausch'n'Knarz-Schleifen im Endlosloop, in die gnädigerweise irgendwann auch vereinzelte Akkorde von Markus hinzustoßen dürfen, ein assoziativer Mahlstrom entsteht, den nach zweieinhalb Minuten ein einsetzender Drumcomputer abrupt unterbricht. Der "Day 7" bricht an, und alles ist anders als vor drei Jahren. Achers weinerliche Stimme ungeahnt präsent, der Refrain immer noch voller Melancholie, dabei wuchtig im Ausdruck. Als würden Dinosaur Jr auf Autechre prallen.

Es folgt "Chemicals", der erste richtige Hit der Band, mit Video-Dauerrotation auf Viva Zwei. Ein Song, der belegt, wie weit die Band mit ihrem Ansatz, elektronische und akustische Instrumente in einem unpeinlichen Pop-Kontext zu vermählen, seiner Zeit voraus war. Zur Erinnerung: Selbst Radiohead waren zu diesem Zeitpunkt noch über zwei Jahre von "Kid A" entfernt. Wer diesen Vergleich anmaßend findet, verkennt die immense Strahlkraft von "Shrink". Denn trotz Achers eigentümlicher Betonung der Texte fallen Menschen in Großbritannien oder Amerika vom Glauben ab, als sie vom Heimatland der Gruppe erfahren. Solch einen introvertierten, detailverliebt arrangierten Schönklang auf internationalem Niveau kannte man aus dem Land von Fool's Garden bislang nicht.

Im Mittelpunkt: Die dünne Gesangsstimme von Markus Acher, nach wie vor ein Anti-Sänger, der auf "Shrink" aber sein Versteckspiel aufgibt und deutlich nach vorne gemischt ist. Während der Pop-Zeitgeist der späten 90er nach klaren Meinungen und politischer Haltung dürstet (Hamburger Schule, Deutschrap), achtet Acher nach eigenen Worten vor allem darauf, dass er "keinen Blödsinn" singt. Maximale Abgrenzung trifft hier auf das Wissen um die eigenen Stärken. Die Produktion von Mario Thaler und Olaf Opal besteht den Praxistest auch nach zwanzig Jahren. Wenig verwunderlich, wenn man weiß, dass hier zwei Herren am Werk waren, die aufgrund ihrer hohen Ansprüche ans Mastering die fertig eingespielten Bänder ihrer Klienten schon mal direkt in die Londoner Abbey Road Studios schicken. Fürs Mittelmaß sind andere zuständig.

Allenfalls das singende Modem, das Gretschmann im Mittelteil von "Chemicals" postiert, wirkt heute charmant nostalgisch. Der Zeitlosigkeit von "Shrink" tut dies keinen Abbruch. Die Bläserarrangements des studierten Jazztrompeters Micha Acher und Enders' Tenorsaxofon in Songs wie dem flirrenden Film Noir-Glanzstück "Moron" oder auch "N.L." schärfen 1998 das Profil der Band, die so mit eigenen Vorbildern wie Stereolab oder Tortoise gleichzieht. Das fast siebenminütige "Your Signs" am Ende ist dann endgültig näher an Mingus als an Mascis.

"Shrink" ist das "Spirit Of Eden" ihrer Diskografie, der deutlichste Bruch mit dem Vorherigen. Im Gegensatz zu Talk Talk rannten sie mit ihrer Neuausrichtung nicht gegen Wände, sondern wurden sogar mit Platz 49 in den deutschen Albumcharts belohnt. Markus Acher hat "Shrink" sogar kürzlich wieder zuhause angehört. Selbstverständlich nicht aus freien Stücken: "Ein Freund erzählte mir, dass er die Platte gerade wieder oft höre und dabei fiel mir auf, dass ich gar nicht mehr genau wusste, was da alles drauf ist. Deshalb habe ich sie dann aufgelegt, aber eher so nebenher gehört. Jetzt weiß ich wieder, welche Songs da drauf sind."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Day 7
  2. 2. Chemicals
  3. 3. Another Planet
  4. 4. Moron
  5. 5. Electric Bear
  6. 6. No Encores
  7. 7. N.L.
  8. 8. Shrink
  9. 9. Your Signs
  10. 10. 0-4

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LAUT.DE-PORTRÄT The Notwist

Sie sind wohl der Inbegriff der deutschen Indie-Band: The Notwist. 1989 im bayerischen Weilheim von Markus Acher (Gitarre, Gesang), Michael Acher (Bass) …

10 Kommentare mit 15 Antworten

  • Vor 11 Tagen

    The Notwist, so die machen also in Musi! Laut Schuh finds gut und wenn man die bisher nicht auf dem Schirm hatte dann fühlt man sich gleich so als wenn man von nix Ahnung hat.

    Indie als Genre gibt es gar nicht, Deutschen schon gar nicht. Indie = Kritikerausgrenzungsbegriff um aufs gemeine Volk runter zu schauen. Ich fühle mich missverstanden!

    Talk Talk haben auch in Indie gemacht, sagt der Schuh. Nun gut, werde mir das mal zu Gemüte führen, erste Töne kommen aber nicht an den Spirit ran, gibt es in Eden einen Kritikerelfenbeinturm? Wahrscheinlich!

    Bohlen ist so richtig deutscher Indie!

    "Platz 49 in den deutschen Albumcharts belohnt"

    Laut Bohlen muss man dafür 2 oder 3 Alben verkaufen, auch schon 98.

    Nichts liegt mir ferner als einen Meilenstein zu kritisieren, schwör! Kritikerelfenbeinturm vermeldet das er dem Volk nicht auf Maul schaut!

    Gruß Speedi

    PS: Kritik nach 27 min vom Album da oben. Kann man sich zweimal geben. Hoch ruf zum Kritikerelfenbeinturm, komm da runter und tanz mal wieder.

    • Vor 11 Tagen

      "Nichts liegt mir ferner als einen Meilenstein zu kritisieren, schwör!"

      Daher machst Du das bei jedem, der Dir irgendwie nicht passt?

      Dein Fan
      Paranoidn

    • Vor 11 Tagen

      "Daher machst Du das bei jedem, der Dir irgendwie nicht passt?"

      War das ironisch gemeint, ich frage wegen dem "jedem"?

      Zu meiner Kritik, ich bin mir sicher das Michael Schuh ganz gut mit meiner Ironie umgehen kann! Zu mal ich defenitiv immer unterscheidbar mache, zwischen persönlicher Kritik und Kritik an der Sache.

    • Vor 11 Tagen

      ne, soll "jeder, die Dir" heißen. Mea culpa.

      Ist mir halt aufgefallen, dass Du gernen mal Kritik über die Auswahl bei den Meilensteinen bringst.

    • Vor 11 Tagen

      Vor allem höre ich gerne mir die Steine an, das dabei die ein oder andere Meinungsäusserung bei rum kommt liegt für mich in der Natur der Sache! Bei mir sind die positiven Meinungen zu den Steinen auch wohl in der Mehrheit, deutlich. Wäre ja schlimm wenn wir alle den gleichen Geschmack hätten.

    • Vor 11 Tagen

      Stephan, wie sehr müsste ich dein Hartz aufbessern, dass du dich hier endlich löschst?

    • Vor 11 Tagen

      "selbstgefälliges Gefrickel"

      Sorry Toni muss ich mir ausleihen! Das war gestern mein erster Gedanke und doch formulierte ich den Zweiten dann zuerst. Der Zweite ist die Mär vom Kritikerliebling, falls das nicht ganz klar ist.

      Nachdem ich Shrink nun mehr als zweimal gehört habe, zolle ich dem Album auch meine Anerkennung. Zwischenzeitliches querhören aller sonstigen verfügbaren Werke, lassen aber einen faden Beigeschmack über. Beide Gedanken ergänzen sich also.

      Shrink ist schon sehr "catchie", im heutigen Kontext wirkt das aber alles nicht mehr authentisch sondern eher wie ein überhöhtes Konstrukt, was vor allem sich selbst dient. So was regt mich auf, weil es nichts mit wirklich guter Musik zu tun hat. Zumindest meinem Musikverständnis.

      Der Autor des Steins gibt es quasi vor, der Vergleich mit dem Talk Talk Album "Spirit Of Eden". Spirit Of Eden sprengt jede (Hör-)Grenze. 'Überall endeckt man Melodien die so wunderbar sind, das man sich am liebsten in eine ewig andauernde Repeatschleife sich begibt. Wo sind bei Shrink diese Melodien? Nein es hält den Vergleich nicht stand.

      Der Vergleich ist entlarvent!

      Kleinere Brüche im Text ebenfalls. Deshalb der Kritikerliebling wahrscheinlich.

      "an vollen Clubs" "zehn bis dreißig Leuten spielen"

      Ähm, sehr kleine Clubs offensichtlich! Auch der erwähnte Platz 49 irgendwelcher Charts gehören hier zu.

      Jetzt ist klar warum ich The Notwist nicht auf dem Schirm hatte und habe.

    • Vor 10 Tagen

      Entlarvent indeed.

    • Vor 9 Tagen

      Knallharte Abrechnung von Speedi.

  • Vor 11 Tagen

    Für mich ihr mit Abstand bestes Werk. Schon "Neon Golden" empfand ich größtenteils als selbstgefälliges Gefrickel.