laut.de-Kritik

Der Geist der New Wave geht um.

Review von

Der berüchtigte Fluch des zweiten Albums traf The Jezabels vor zwei Jahren: Nach ihrem ausgezeichneten Debüt "Prisoner", das den Australian Music Prize 2011 abräumte, fielen sie mit dem richtungslosen "The Brink" bei Kritikern durch. Das als gescheiterten Versuch abgehakt, soll nun der dritte Anlauf "Synthia" an die früheren Erfolge anknüpfen. Vielleicht holten die Australier auch deswegen "Prisoner"-Produzenten Lachlan Mitchell zurück.

Wer aufgrund des Titels einen Großeinsatz von Synthesizern vermutet, darf sich freuen: Den Ausgangspunkt vieler Songs formt Keyboarderin Heather Shannon tatsächlich mit ihren neu angeschafften Gerätschaften. Im siebenminütigen Opener "Stand & Deliver" kitzelt sie aus ihren Instrumenten direkt ein mehrteiliges Drama heraus. Sich langsam ansammelnde, plätschernde Synthies begleiten einen einlullenden Spoken-Word-Part.

Nach einer ersten gitarrengestützten Wallung pocht nur noch ein elektronischer Herzschlag, und Sängerin Hayley Mary fragt: "What's a girl to do standing in the spotlight? / What's it gonna be? Maybe it's a broken heart." Zum Finale hin übernimmt Nik Kalopers trockener Drumbeat das Steuer, bis Mary emotional ausbricht, flankiert von der nächsten mächtigen Synthesizer-Gitarren-Welle.

So abwechslungsreich und überwältigend inszenieren The Jezabels das Album zwar nicht durchgängig, aber von Ausfällen wie auf "The Brink" fehlt jede Spur. Marys wandelbares Organ hebt sie von anderen Bands des Genres ab. Sie beherrscht jede Facette, von zerbrechlichem Flüstern über energisches Aufbrausen ("My Love Is My Disease") bis hin zu verträumtem, verhalltem Säuseln ("A Message From My Mothers Passed").

In Synthie-Pop-Rock und der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Genderthemen und Rollenvorstellungen bleibt beim Vierer eine Figur als Referenz omnipräsent: Cyndi Lauper, deren Name ebenfalls im Titel "Synthia" anklingt. "Unnatural" oder "If Ya Want Me" sucht der Geist des New Wave heim, der großen 80er Hymnen.

Recht offensichtlich diskutiert Hayley Mary Frauenbilder etwa in "Smile": "Ask me: How's your daddy? / What you up to? / Where you going? / You can turn me on I'm hardly incorruptible / With things I might say yes to", aber: "I've only got one rule / Don't tell me to smile." Zentrales Thema in "Pleasure Drive" ist (sexuelle) Freiheit: Stichelnde Synthesizer und betont laszive Strophen münden in einem Chorus, den Entschlossenheit antreibt.

Mit "Flowers In The Attic" verlassen The Jezabels einen Moment lang das Synthesizer-Getümmel für eine Ballade, dank Marys theatralischem Ausdruck in Ordnung. Der Absturz in den Kitsch droht allerdings, wenn sie sich zu weit von ihren cool-überladenen Arrangements weg wagen.

Um das Album abzurunden, packt das Quartett ans Ende einen weiteren Siebenminüter namens "Stamina". Deutlich ruhiger als der Auftakt, zieht er ein passendes Fazit für "Synthia" und den bisherigen Weg der Jezabels: Durchhaltevermögen setzt sich letztlich gegen alle Widrigkeiten durch.

Etwas über 50 Minuten Synthesizer-Wabern, ausufernde Gitarren, kraftvolle Drums und ein Gefühlsbad zwischen Pathos, Stärke, Fragilität und Lässigkeit fordern durchaus ein bisschen Geduld. In die Platte reinzukommen, das dauert. Es lohnt sich aber: "Synthia" geht nicht nur als genderpolitisches Statement durch, sondern auch als gelungenes Update der Klänge der 80er.

Trackliste

  1. 1. Stand And Deliver
  2. 2. My Love Is My Disease
  3. 3. Smile
  4. 4. Unnatural
  5. 5. A Message From My Mothers Passed
  6. 6. Come Alive
  7. 7. Pleasure Drive
  8. 8. Flowers In The Attic
  9. 9. If Ya Want Me
  10. 10. Stamina

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1 Kommentar

  • Vor 3 Jahren

    ...das schöne an "Prisoner" waren für mich die Gitarren und die Drums, wenn ich Synth Pop hören will, gibt es eigentlich andere Adressen. Nichts desto Trotz, einige schöne Nummern sind auch diesmal dabei. Ein überzeugendes Album ist auch Nummer drei für mich nicht, aber am Ende könnte bald eine perfekte Best Of Compilation entstehen.