laut.de-Kritik

"Nothing left to do but smile, smile, smile."

Review von

Ein Meilenstein für Grateful Dead? Kein leichtes Unterfangen. Immerhin ließ sich die Band um den schillernden Frontman Jerry Garcia nie stilistisch festlegen und glänzte in etlichen Genres wie Psycedelic Rock, Folk Rock/Americana, Progressive Rock und Classic Rock gleichermaßen. Doch es wird noch komplizierter: Obwohl etliche Studioalben tolle Zeugnisse ihrer Ära sind, gelang es GD nie, per Tonkonserve jenen berückenden Spirit und letzten Kick einzufangen, den ihre ausufernden, weitgehend improvisierten Gigs versprühten.

Der perfekte Meilenstein kann mithin nur eine ihrer zahllosen über 100 Liveplatten sein. Mit ihrer ersten Konzert-Doppel-LP "Live/Dead" zündeten sie 1969 einen ganz großen Joint an. Kommerziell betrachtet winkte hiermit endlich der längst verdiente Erfolg. Musikhistorisch wie popkulturell handelt es sich um eine der bedeutendsten Liveplatten der Sechziger. Sogar medial erkannte man schon damals das Klassikerpotential als Manifest des Psychedelic Rock.

San Francisco, Fillmore West am 2. März 1969: Publikum und Band stehen einander in fast andächtiger Stille gegenüber. Wie bei vielen Shows jener GD-Phase gibt es im Zentrum des jeweiligen Konzerts ein aus Protest gemachtes Requiem für die Toten des Vietnamkriegs. "Death Don't Have No Mercy" umarmt alle Opfer und setzt ein Zeichen gegen Krieg und dessen Grauen. Dass Garcia samt Band ebenso high sind wie ihr Publikum, trägt zur Intensität des Geschehens beträchtlich bei. Besonders den Dialog zwischen Garcias Sologitarre und Tom Constantens Orgel sollte man nicht verpassen. Zehn Minuten lang wabert dieser todtraurige Blues durch die Halle und lässt kein einziges Auge trocken zurück.

Um dieses Auge des Sturms wirbelt ein psychedelischer Trip zwischen feinsinniger Lavalampe und zupackender Derbheit. Alles entstanden aus etlichen, mehrstündigen, bekifften Gratiskonzerten im Szeneviertel Height-Ashbury – genannt 'Hashbury'. Hier wurden GD – besonders Jerry Garcia – und die eng befreundeten Jefferson Airplane – vor allem Grace Slick – zu Galionsfiguren der Gegenkultur.

Schon der 23-minütige Opener "Dark Star" bündelt alles, was Grateful Dead auszeichnet. Die Nummer ist ihr ultimativer Kultsong, gestartet 1968 als knapp dreiminütige Non-LP-Single. Wer diese Urversion hören möchte, greife zu einer "Live/Dead"-Edition, die den Track als Bonus beifügt. Die Musik stammt von Garcia. Der Text von Lyriker Robert Hunter, der zwar etliche ihrer Songs in Worte fasste, aber niemals auf der Bühne zu erblicken war.

Bemerkenswerterweise leidet dieser himmlische Spacetrip nicht unter seiner Länge. Was viele an gedehnten Jazz- oder Prog-Improvisationen als verkopft bis masturbativ empfinden, gibt es hier nicht. Jedes Instrument arbeitet für den ultimativen emotionalen Ausdruck. Das Ergebnis: Hohe Komplexität ohne nennenswerte Anstrengung für den Hörer als virtuose Cannabis-Klangreise. Bob Weir gibt mit seiner Rhythmusgitarre den spröden Kontrast zu Garcias gleitender Lasergitarre. Bassist Phil Lesh ist im Rockkontext einer der ersten, der sein Instrument aufwertet, indem er es zeitweise als melodieführendes Leadinstrument einsetzt.

Zur Krönung setzen Dreadful Great als erste Formation auf den simultanen Einsatz zweier Drummer. Bill Kreutzmann und Mickey Hart geben einander wechselseitig per Trommel und Percussion den Beat in die Hand. Ein "Drums" bezeichneter Solopart beider fiel hier leider der Schere zum Opfer, da dieser das damalige Doppel-LP-Format gesprengt hätte.

Ähnlich ausgelassen, dabei weit offensiver, geht es auf "Turn On Your Love Light" zur Sache. Im Original ein Rhythm & Blues-Klassiker Bobby Blands von 1961, wächst die Nummer hier zu einem viertelstündigen Monster. Neben GDs Bluegrass-Wurzeln hört man hier auch ihre Leidenschaft für Gospel. Garcia brüllt sich im Verlauf immer mehr in Ekstase und pendelt geschickt zwischen gedimmtem Verführer und flippendem Veitstänzer.

Am Ende des Gigs bleibt man bewegt zurück und tut es unwillkürlich Jerry Garcias Motto gleich: "Nothing left to do but smile, smile, smile."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Dark Star
  2. 2. St. Stephen
  3. 3. The Eleven
  4. 4. Turn On Your Lovelight
  5. 5. Death Don't Have No Mercy
  6. 6. Feedback
  7. 7. And We Bid You Goodnight

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