laut.de-Kritik

Wegweisende Ikone aus Rap, R'n'B und Reggae.

Review von

Hätte 1995 irgendwer gesagt 'Die Fugees werden einmal zu den legendärsten Hip Hop-Bands der Welt gehören', er oder sie wäre für irre erklärt worden. Ihr Debüt "Blunted On Reality" floppte im Jahr zuvor, galt als unausgereift, unoriginell. Kein Wunder also, dass sich Pras, sein Cousin Wyclef Jean und Lauryn Hill dachten: 'It's time to settle the score.' Jetzt wird abgerechnet.

Und das taten sie. Statt wie zuvor auf Labelchefs und Wichtigtuer um sie herum zuhören, die den Fugees sagen wollten, wie sie zu klingen hatten, verließen sie sich auf ihr Bauchgefühl. Im Keller von Wyclefs Onkel richteten sie sich mit dem Vorschuss vom Label ein Studio ein, nannten es Booga Basement - und machten Musik. Nach ihrem Gutdünken.

Heute fehlt "The Score" in keiner Aufzählung der wichtigsten Hip Hop-Alben, eigentlich sogar in keiner genreübergreifenden Listung. "The Score" ist zeitlos, trotz oder gerade wegen seiner starken musikalischen Verortung in den Neunzigern. Es wurde weltweit bisher knapp 18 Millionen mal verkauft - und besiegelte tragischerweise das Ende einer Band, die die Zukunft des Rap weisen sollte.

Zumindest wenn es nach den Kritikern ginge. Nachdem besagte Schreiberlinge "Blunted On Reality" in der Luft zerissen hatten, verneigten Sie sich förmlich vor dem zweiten Release, denn was die Fugees mit "The Score" ablieferten, war 1996 absolut ungehört. Ein Potpurri aus R'n'B, Reggae und Rap, angereichert mit Verweisen auf Soul-Klassiker und aktuellen Pop aus den Charts. Zugegeben, aus heutiger Sicht wirken manche Beats auf "The Score" etwas simpel, da sie sich häufig auf Drum-Loops und Sampleeinschübe beschränken. Aber nur, weil irgendwer trockengeeiste Pasta-Türme mit hochgestochenen Soßenkreationen auftischt, verzichten wir doch noch lange nicht auf Nudeln mit Tomatensoße!

Die Einfachheit der Produktionen trägt zum Status des Albums als Klassiker bei. Es braucht eben nicht immer aufwändige Layer und komplexe Synthie-Sphären. Manchmal reicht ein simpler Beat mit einem guten Sample, um eine Atmosphäre zu erschaffen, die auch über Jahrzehnte hinweg Menschen ergreift. Stichwort Samples: wohl kaum eine Band hat sich dermaßen durch die Musikszene gesampled wie die Fugees. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das stimmungsvolle Summen zu Beginn von "Ready Or Not" stammt von Enya, einer New Age-Künstlerin, die unter anderem die Titelmusik für "Herr der Ringe" erschuf. Die Hook für den Song (und noch ein paar andere Zeilen) borgen sie sich von der Soul-Band Delfonics aus Philadelphia, die damit in den 70ern bereits einen Hit landeten.

Dabei brauchen die Fugees eigentlich keine Nachhilfe in Sachen Lyrics, denn die drei sind für sich bereits Hochbegabte ihres Fachs. Wyclef zeigt sich als begnadeter Geschichtenerzähler, der mit erhobenem Zeigefinger und Augenzwinkern zugleich gesellschaftliche Zustände kommentiert. Sein Part in "The Beast" ist so ein Beispiel, in dem er Polit-Aufreger seiner Zeit aufgreift und gleichzeitig Kritik am Polizei-System äußert, die leider auch knapp 25 Jahre später nichts an Aktualität verloren haben: "You can't search me without probable cause / or the proper ammunition they call reasonable suspicion / listen, I bring friction to your whole jurisdiction / you planted seeds in my seat when I wasn't lookin' / now you ask me for my license registration". Überragend auch "The Mask", in dem Wyclef von einem Job bei Burger King erzählt ("A King taking orders"), bei dem ihm sein Boss zum Spionieren überreden will, Wyclef ihn deswegen umbringt und dann von Cops entführt wird, um unterhalb von Washington Waffen für den dritten Weltkrieg zu bauen. Er gleitet von Punchlines zu kritischen Beobachtungen, zu biblischen Vergleichen, zu launig zum Besten gegebenen Anekdoten und erweckt dabei eher den Eindruck eines Liedermachers als den eines Rappers.

Dann ist da Pras, das eigentliche Mastermind hinter den Fugees, der mit seiner tiefen, brummenden Stimme den Gangsta-Lifestyle zelebriert und düstere Mordfantasien offenbart. "And my panache will mosh your entourage / squash the squad and hide their bodies under my garage", schildert er in "How Many Mics". Oder in "Zealots": "Violence ain't necessary / unless you provoke me / then you get buried like the great Mussolini /and for you biting Zealots, your Rap styles are relics ". Umso abstruser erscheint es, dass Pras das Ohr für die großen Pop-Melodien nachgesagt wird. Im Gespräch mit dem Rolling Stone erklärte er einst, dass er mit Rap eigentlich nichts anfangen konnte und lieber Phil Collins, die Eagles, Elton John oder Pat Benatar hörte. Er ist es auch, der sich für den Großteil der Produktionen verantwortlich zeichnet.

Es führt jedoch kein Weg daran vorbei festzustellen, dass das lyrische Genie der Fugees in Lauryn Hill haust. Mit ihren wahnwitzigen Reimen, ihrer Delivery und stimmtechnischen Finesse besitzt sie die heilige Dreifaltigkeit. Das zeigt etwa ihr Part in "Fu-Gee-La", in dem sie in vier Lines vierzehn Reime unterbringt: "Yeah in saloons we drink Boone's and battle goons til high noon / bust rap tunes on flat spoons, take no shorts like poom poom / see hoochies pop coochies for Guccis and loochies / find me in my Mitsubishi eatin' Sushi bumpin' Fugees". Oder ihr Part in "The Beast", der Gesellschaftskritik und Attitüde vereint: "conflicts with night sticks / illegal sales districts / hand-picked lunatics keep poli-trick-cians rich / heretics push narcotics admist its risks and frisks / cool cliques throw bricks but seldom hit targets / private-DIC sells hits, like porno-flicks do chicks / the 666 cut W.I.C like Newt Gingrich sucks dick".

Lauryn dribbelt ihre Wörter quasi im Vorbeigehen in den Korb. Sie reimt "subconcious psychology" auf "penitentiary" mit einer Unbeschwertheit, die vielen Lyrik-Schwergewichten wie Aesop Rock oder MF Doom fehlt. Sie weiß ganz genau, wie sie sich zwischen ihrer vornehmlich männlichen Konkurrenz Gehör verschafft: "So after all my logic and my theory / I add a motherfucker so you ign'ant Niggas hear me."

Dazu kommt ihre herausragende Singstimme, die ihre Sternstunde im mittlerweile legendären Cover von Roberta Flacks "Killing Me Softly With His Song" findet. So kraft- und gefühlvoll, zart und unbändig zugleich, den Grand Dames des Souls mehr als ebenbürtig. Zwar legt Wyclef mit seinem "No Woman, No Cry" Cover von Bob Marley eine ebenfalls ziemlich mächtige Neuinterpretation auf den Tisch, aber allein am Fakt, dass die meisten ab den Neunzigern Geborenen "Killing Me Softly" für ein Original von den Fugees halten, spricht Bände.

Im Zusammenspiel ergibt die Kombination aus politischem Liedermacher/Rapper, Powerstimme/Lyrikgöttin und Pop-Jünger/Gangsta-Rapper eine so diverse Mischung, dass sich Menschen aus den unterschiedlichsten Richtungen auf die Fugees einigen können. Jedes Mitglied der Band gibt den Songs seinen eigenen Twist, sie versuchen sich gegenseitig zu überbieten und pushen sich so in Höchstform. "The Score" ist gespickt mit ikonischen Oneliners, die einfach im Ohr kleben bleiben. Eine kleine Auswahl: "Me without a mic is like a beat without a snare" / "Too Many MCs, not enough Mics / exit the show like I exit the turnpike" ("How Many Mics") - "I play my enemies like a game of chess" ("Ready Or Not") - "Stevie Wonder sees crack babies becomin' enemies of their own families" / "I sit 90 degrees under the palmtrees" ("Fu-Gee-La").

Es ist diese Freude am Rap, in seiner reinsten, unschuldigsten Form, der den Ernst der Lage allerdings nie aus den Augen verliert, die "The Score" zu einem Welthit machte. Die Liebe zum lyrischen Detail, ohne sich die Lust an großen Melodien zu versagen. Und doch birgt dieses Album so einige Schattenseiten, die ebenso zur Legendenbildung beigetragen haben, wie seine Musikalität selbst. Die toxische Liebesaffäre zwischen Wyclef und Lauryn, die sie später in ihrem einzigen Solo-Album "The Miseducation Of Lauryn Hill" verarbeitet, soll die Albumproduktion maßgeblich begleitet haben.

Wegbegleiter wie Diamond D treffen später Aussagen wie: "Den Grammy hab ich weggeworfen. Böse Erinnerungen, tolles Album." Und dann ist da die Trennung der Fugees selbst, knapp ein Jahr nach dem Erscheinen von "The Score". Zwar versuchten sie gut zehn Jahre später einen Neuanfang, doch auch der scheitert. "Bevor ich wieder mit Lauryn zusammenarbeite, werden Osama bin Laden und [George W.] Bush einen Latte bei Starbucks trinken und sich über Außenpolitik unterhalten", sagte Pras Mitte der 2000er. Nach dem Tod von Osama bin Laden steht es also schlecht um eine erneute Reunion der Fugees. Was aber bleibt, ist ein Album für die Ewigkeit.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Red Intro
  2. 2. How Many Mics
  3. 3. Ready Or Not
  4. 4. Zealots
  5. 5. The Beast
  6. 6. Fu-Gee-La
  7. 7. Family Business
  8. 8. Killing Me Softly With His Song
  9. 9. The Score
  10. 10. The Mask
  11. 11. Cowboys
  12. 12. No Woman, No Cry
  13. 13. Manifest/Outro
  14. 14. Fu-Gee-La (Refugee Camp Remix)
  15. 15. Fu-Gee-La (Sly & Robbie Mix)
  16. 16. Mista Mista
  17. 17. Fu-Gee-La (Refugee Camp Global Mix)

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9 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor einem Monat

    Ganz großes Album! Ist nicht mal meine Zeit, ich hab das abgesehen von den Hits wie "Ready or Not" oder "Killing me Softly" zum ersten Mal erst Jahre später gehört, und dennoch fesselt es. Der Absatz mit den Oneliners trifft es sehr gut, diese ikonischen Stellen sind auch musikalisch oft ähnlich legendär eingefasst: Der Beginn von Ready or not, die Hook von How Many Mics oder der Anfang von Fu-gee-la ("We used to be number ten! Now we're permanent one") als Beispiele.

    Toll geschrieben Review, die sehr gut einfängt, was an diesem Album so Spaß macht!

  • Vor einem Monat

    Unvergessene Zeiten, geiler Impact, geiles Album mit Classics für Ionen.

    Dennoch Lauryn solo > Fugees

    • Vor einem Monat

      Neyyy...zu viele Filler auf ihrer Soloplatte. Dafür die geilen Songs Brenner für die Ewigkeit. Beste Stimme aller Zeiten. Aber auch Wyclef war mal dope, glaubt man ja kaum. Damals als Band ihrer Zeit voraus. Wie Outkast zb, nur eingängiger.

    • Vor einem Monat

      Sehe ich witzigerweise genau andersherum. Also das mit den Fillern. The Score hat mit Ready Or Not, Killing Me Softly, Fuu-Gee-La und No Woman, No Cry totale Überhits, ist mir dazwischen aber, vmtl. auch rap-technisch, ein bisschen zu langweilig für den ganz großen Klassiker-Status.

      Zugegeben, auch auf der Miseducation komme ich manchmal ins Skippen, das ist aber mehr den Skits geschuldet. Und sie ist mMn auch schon auf der Platte hier der Stand Out Artist, ergo #teamarge

    • Vor einem Monat

      The Score hab ich nicht mehr so präsent, vllt stimmt das mit den Fillern hier auch. Auf ihrer Soloplatte war mir außer den Hits zu viel Midtempo-Dudelmusik, da rettet dann auch die Ohrgasmenstimme nix.

    • Vor einem Monat

      Miseducation von vorne bis hinten pures Gold. Lediglich die Skits sind skipp/spulbar, ja. Hätte sie ähnlich viel Output wie Sade, wäre sie meine Kandidatin für die Göttin aller Göttinnen. ;)

    • Vor einem Monat

      Bin da auch bei Lauti und Kubischi, The Score ist zwar großartig, aber gegen die Standouts, fallen die anderen Songs schon ziemlich ab. Miseducation ist auch für mich, das konsistentere Album.

  • Vor einem Monat

    Klassiker natürlich, extrem viele Hits.
    Hätte nicht gedacht, das Pras an den Produktionen beteiligt war, war für mich eher der stille Sidekick neben den Stars Lauryn und Wyclef (Clef dürfte mit der musikalisch begabteste Rapper ever sein).

    Der Refugee Camp-Remix von Fu-Gee-La ist btw weitaus geiler als das Original, finde ich...wie gefühlvoll Wyclef die Hook singt ♥ :koks:

    https://www.youtube.com/watch?v=kRaQ2K6-i1c