laut.de-Kritik

Dionysos in Ketten: Jim Morrisons letzter großer Auftritt.

Review von

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Auftritt in einer Katastrophe enden würde, war sehr hoch. Als die Doors am 29. August um zwei Uhr morgens auf die Bühne traten, war der vierte Tag des größten Musikfestivals, das jemals stattgefunden hat, gerade angebrochen. Längst war es außer Kontrolle geraten.

Statt der erwarteten 300.000 Zuschauer waren fast 700.000 gekommen, die meisten ohne Ticket. Bald waren die dürftigen Wellblechzäune niedergerissen, und das riesige, windige Areal an einem Hang der beschaulichen Insel wurde zum "free Concert". Im Gegensatz zu Woodstock herrschten aber weniger Peace & Love als große Anspannung. Immer wieder gab es Brände, die Hell's Angels sorgten für Chaos, Aktivisten stürmten auf die Bühne. So auch bei Joni Mitchell am Nachmittag zuvor. Die kanadische Singer/Songwriterin war vom Publikum ausgepfiffen wurde, weil sie mehr Respekt für die Künstler eingefordert hatte.

Als sich die Doors nach Emerson, Lake & Palmer auf die Bühne trauten, schien die Stimmung etwas ruhiger. Die Band hatte selbst große Probleme: Im März 1969 hatte ein betrunkener Jim Morrison in Miami bei einem Konzert Polizei und Publikum herausgefordert. Ob er tatsächlich seinen Penis zeigte, wird sich wohl nie klären lassen. Jedenfalls flatterte ihm eine Strafanzeige ins Haus, die in den USA für großes Aufsehen sorgte. Die Doors mussten ihre erste große Nordamerika-Tour absagen, der Prozess hatte wenige Tage vor der Reise auf die Insel begonnen. Morisson drohten bis zu dreieinhalb Jahre Haft.

Die Isle of Wight sorgte für Abwechslung. In Europa war es erst der fünfte Auftritt der Doors überhaupt: 1969 hatten sie ihren vierten in Frankfurt absolviert. Eigentlich die Chance, mal wieder Gas zu geben. Doch die Band hatte offenbar keine Lust darauf.

Oder besser Jim Morrison, der neben Gesang auch für die Stimmung verantwortlich war. Da es die Doors versäumt hatten, eine eigene Lichtanlage mitzubringen, beleuchtete ein einsamer roter Scheinwerfer die überschaubare Bühne. Womöglich war es Morrison selbst, der entschieden hatte, nahezu im Dunkeln aufzutreten. Fest steht, dass der größte Teil des Publikums nichts sah.

Doch auch alle Lampen Großbritanniens hätten es nicht spektakulärer gemacht. Ray Manzarek bediente links leicht wippend seine Keyboards, John Desmore versteckte sich hinter seinem Schlagzeug, rechts zupfte Robbie Krieger scheinbar teilnahmslos seine Gitarre. In der Mitte, nahezu regungslos, stand Jim Morrison mit langen Haaren, Vollbart, weißem Hemd und dunkler Jacke mit südamerikanischem Muster. Seine Augen geschlossen, die Lippen dicht am Mikrophon. Eine gute Stunde lang.

Offenbar wollte er die Musik sprechen lassen, die Poesie seiner Texte. Und das gelang ihm vorzüglich. Seine Gefühle legte Morrison in seine Stimme, mal kreischend, mal flüsternd, stets für Aufmerksamkeit sorgend. "Wenigstens war er nüchtern und sang gut", fasste der damalige Manager der Band zusammen. Die Setlist war auch gut ausgewählt, mit dem räudigen "Roadhouse Blues" als einem der besten Opener überhaupt und "The End" als prädestiniertem Abschluss. Die grandiosen Versionen von "Back Door Man", "Break On Through (To The Other Side)" und "When The Music's Over" lassen darüber hinweg sehen, dass "Ship Of Fools" nicht so richtig reinpasst und "Light My Fire" mit 14 Minuten viel zu lang ausfällt.

Seine letzten Worte, "this is the end" sang Morrison ganz ruhig, bevor er mit einem leichten Knicks und den Händen in der Tasche von der Bühne trat. "Dionysus lag in Ketten", erklärte Keyboarder Manzarek über 40 Jahre später. "Irgendwie gelang es uns nicht, loszulegen. Jim war wegen dem Prozess in einer schlechten Stimmung", so Gitarrist Krieger. The Who, die nach ihnen auftraten und "Tommy" in voller Länge vorführten, spielten sie an die Wand, so Schlagzeuger Densmore.

Dennoch bleibt dieser Auftritt ein ganz besonderer. Sicherlich wegen seiner eigenartigen Intensität: Das Publikum schien ihn in dieser Form zu akzeptieren, denn die Katastrophe trat wider Erwarten nicht ein. Auch handelt es sich um den letzten dokumentierten Auftritt Jim Morrisons. Wenige Wochen später wurde er tatsächlich zu sechs Monaten Haft verurteilt, legte aber Einspruch ein und blieb vorerst auf freiem Fuß. Im Dezember absolvierte die Band zwei Konzerte, bevor sie im neuen Jahr ins Studio ging, um das Album "L.A. Woman" aufzunehmen. Noch vor Fortführung des Verfahrens starb Morrison am 3. Juli 1970 in Paris.

Ganze 48 Jahre hat es gedauert, bis der Isle of Wight-Auftritt nun in voller Länge erhältlich ist. Dafür hat sich Doors-Tontechniker Bruce Botnick um den klaren und gut abgemischten Sound gekümmert. Und es gibt sogar bewegte Bilder, die von Murray Lerner stammen, der einen Film zum Festival drehen sollte. Da das auch finanziell ein Riesenchaos war, erschien der Film erst 1995 mit dem Titel "Message To Love". Angesichts der schlechten Beleuchtung und Morrisons Reglosigkeit ist der Streifen kein Höhepunkt der Filmgeschichte, ohne seine Stage-Performance merkt man gar erst, wie nerdig der Rest der Band eigentlich spielt.

Dennoch ist er sehenswert, auch dank des Intros mit Bildern der Insel und des Geländes, vor allem aber wegen einer "Easy Rider"-Nachahmung mit einer schönen Norton und "Roadhouse Blues" als Untermalung. Wie eifrig Lerner bei er Sache war, zeigt sich auch daran, dass sein Material für einige weitere Filme gereicht hat, unter anderem zu Jimi Hendrix, Miles Davis, The Who und Leonard Cohen. Die DVD enthält auch eine kurze Dokumentation mit Interviews aus dem neuen Jahrtausend mit den weiteren Mitgliedern der Band und ihrem damaligen Manager.

Diese Veröffentlichung beweist mal wieder, welch toller Sänger Morrison im Schoße seiner Band war. Letztlich bewahrheiteten sich die Worte, die er auch hier inbrünstig vortrug: "Music is your only friend, until the end / Until the end, until the end".

Trackliste

  1. 1. Roadhouse Blues
  2. 2. Back Door Man
  3. 3. Break On Through (To The Other Side)
  4. 4. When The Music's Over
  5. 5. Ship Of Fools
  6. 6. Light My Fire
  7. 7. The End

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4 Kommentare mit 16 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    cohen hat dem festival in der tat den arsch gerettet. wenn man beide gigs - doors und lenny - hintereinander hört/schaut, erschließt sich sehr viel von der beklemmenden atmosphäre.
    http://www.laut.de/Leonard-Cohen/Alben/Liv…

  • Vor 3 Monaten

    hmmm...
    light my fire mit 14 Minuten zu lang?!?
    nönö...
    das dürfte auch länger sein du laut.de.kritiker... :-)

  • Vor 3 Monaten

    Jim Morrison: sein Vater war übrigens kommandierender Admiral der Flotte, die den Anlass für den Vietnam Krieg geliefert hat. Eine typische Laurel Canyon Ausgeburt.

    • Vor 3 Monaten

      Moskito-Verlag? Dein Ernst?

    • Vor 3 Monaten

      das Referenzwerk ist leider auf englisch:
      https://www.amazon.de/Weird-Scenes-Inside-…

      Weird Scenes Inside the Canyon: Laurel Canyon, Covert Ops & the Dark Heart of the Hippie Dream

    • Vor 3 Monaten

      aus einer A-Rezi:
      Wer wusste, dass verehrte Kultfiguren und (angebliche) Vertreter der "68er"- "Gegen"-Kultur (Anti-Establishment) wie Jim Morrison, Frank Zappa, Jackson Browne, Jimmi Hendrix, David Crosby etc. Kinder von hochrangigen "above Top Secret"-Militärs bzw. erlesenen High-End-Society Familien waren, die allesamt auf die eine oder andere Weise in Verbindung mit CIA Psy-OPS standen?
      Wer wusste, dass einige dieser "Idole" -eigenen Aussagen (Crosby, Hendrix) und Indizien entsprechend- in Spezial-Einheiten des Militärs aktiv waren ? (prä-Vietnam)

    • Vor 3 Monaten

      "..dass dieses Grüppchen angeblich "alternativer Hippies" sich (bevor sie "Stars" wurden) wie aus dem Nichts "zufällig" ausgerechnet in der speziellen Gegend des Laurel Canyon (zwischen LA und Burbank nach der Hollywood Bowl links rein) zusammengewürfelt hat- einer erlesenen Promi-Gegend, seit den 30er Jahren "a high class restricted Park for DESIRABLE people only"- ...und damit für aufmüpfige, anti-Establishment-Nobodies (wären sie das gewesen) definitiv gar nicht zugänglich...
      ...dass diese -ehemals von Stars wie W.C. Fields, Harry Houdini, Mary Astor, Fatty Arbuckle, Errol Flynn, Orson Welles, Robert Mitchum etc. bewohnte und befeierte -und über die Jahrzehnte von CIA und Sicherheitsdiensten Argus-äuglein-behütete- Gegend, seit Beginn der "Canyon-Szene" in den 20ern nachgewiesenermassen eine Drehscheibe von Filmindustrie, Geheimdiensten, Mafia- Kriminalität, KinderPornographie und satanistischen Kreisen war... (und das ist vielfältig belegt)
      ...dass (sicher nur ein Zufall) gleich mehrere der oben Genannten (und viele mehr) ein offen bekundetes Faible für Dinge wie, äh- Waffen... Satanismus... hatten und diese kleinen, eh- Schwächen innerhalb der Szene offen auslebten...-
      Mit "Peace & Love"... nicht so wirklich vereinbar, oder?
      ... dass der Laurel Canyon seit 1941 von einer (Ueberraschung) Top-Secret Air Force Militär-Basis auf dem höchsten Hügel des Canyon ("Lookout Mountain Laboratory") überragt wurde... (später stillgelegt und schliesslich 2012 an "Privat" verkauft: Okkultist Jared Leto)
      ...dass zahlreiche (!) der mehr (oder weniger) prominenten Canyon-Bewohner über die Jahrzehnte gewaltsam zu Tode gekommen sind (offiziell stets "Selbstmord" oder "Unfall", auch wenn Indizien klar dagegen sprachen)
      ...dass das satanistische "Manson-Massaker" -dass es damals (1969) wegen prominenter Opfer bis in europäische Medien geschafft hat- in dieser Gegend keineswegs ein Einzelfall war... im Gegenteil.

      Um Missverständnisse zu vermeiden: McGowan lässt offizielle Unterlagen, Zitate unmittelbar Beteiligter und belegte Tatsachen zu Wort kommen-
      Dies ist KEIN Buch mit "Verschwörungstheorie(n)", das einem einseitige Antworten auf ungeklärte Umstände vorzusetzen versucht..
      Es ist ein sehr gelungenes Beispiel unaufgeregt geduldiger Puzzle-Arbeit, kluger Zusammenstellung auch weitgehend unbekannter -nichtsdestotrotz belegter- Aussagen und Umstände und der Anregung zum subjektiven Ueberdenken bestehender Vorstellungen über eine Zeit, die nicht nur die Kultur Amerikas verändert hat..."

    • Vor 3 Monaten

      Verrate doch nicht alles. DIE finden dich.

    • Vor 3 Monaten

      Bist du bescheuert damit so offen in so einem Forum umzugehen? Das war's mit ihm..

    • Vor 3 Monaten

      Jaja Kinder, und jetzt kommt mal aus Eurer Welt heraus.

    • Vor 3 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 3 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 3 Monaten

      Wie macht man den Kotz-Smiley? Asking for a friend.

    • Vor 3 Monaten

      Evt. kann ich deinem Freund ja weiterhelfen. Versuch bitte mal folgendes:

      :Gleep Glorp: oder :Spast:

    • Vor 3 Monaten

      Nachdenken hilft oft auch weiter, vor allem mal ein Gespür dafür zu entwickeln was Manipulation bedeutet und wie sie durchgeführt wird,

  • Vor 3 Monaten

    Das Todesdatum stimmt nicht. Am 29. August 1970 gespielt und am 3. Juli 1970 gestorben ist nahezu nicht möglich. Es war der 3. Juli 1971.