laut.de-Kritik

Dynamik, Melodie und Tanzbarkeit: Stillhalten unmöglich.

Review von

Irgendjemandem scheint "Coming Home" verdammt wichtig zu sein. Gleich fünfmal purzelte der Promo-Pappschuber aus der Post. Was soll man bitte damit? Zum Tapezieren der leeren Wände sind fünf zu wenig, Frisbeespielen macht auch nur kurzzeitig Spaß, und es gibt nur vier Gläser in der Redaktion. Die haben jetzt offenbar ihre Untersetzer, denn eine CD hat es eher durch Zufall und auf Umwegen zu mir geschafft. Gemeinerweise hat mir, was ich zu hören bekam, auch noch gefallen.

The Bianca Story erinnern an Arcade Fire, Talking Heads oder Heaven 17. Dazu kommt ein ungemeiner Hang zum dramatischem Moment, zur großen Hymne. Der bärtige Sänger Elia Rediger gibt den Jarvis Cocker der Schweiz unter Einnahme von Valium. Sein Gegenpart, Sängerin Anna Waibel, spielt das totale Kontrastprogramm.

So gehen beide im Laufe des Albums eine Beziehung ein, die zwischen der Kombination Lee Hazlewood/Nancy Sinatra und Philip Oakey/Human League-Hupfdohlen schwankt. Schlagzeuger Lorenz Hunziker verpasst den Songs die nötige Kraft und zusammen mit Bassist Joël Fonsegrive den Unterbau, damit die Beinchen der Zuhörerschaft auch ja nie länger als vier Sekunden stillstehen.

Aufgenommen wurde "Coming Home" schon 2010 in den altehrwürdigen Abbey Road Studios. Kurz danach nahm sich der Manager und Freund der Band, Nigel Day, aus gesundheitlichen Gründen das Leben. Ein Schock, den man erst einmal verkraften musste. "Coming Home" lag auf Eis, die Trauer sangen sich die Hinterbliebenen auf Konzerten von der Seele. Es brauchte seine Zeit, bis sie sich mit neuem Manager und Produzenten dem eingespielten Material nähern konnten.

Gerade die ersten Tracks haben es mir angetan. Hier macht die Band erst einmal alles richtig, gibt Tempo und macht Spaß. "Afraid Of The World" erklärt sofort die ganze Platte: Dynamik, Melodie und Tanzbarkeit stellen sich bis hin zum bombastischen Finale dem gebremsten Refrain entgegen, um ihn am Ende doch zu überrennen und den Sieg einzufahren.

Das melancholisch-verträumte "Coming Home" ist dem verstorbenen Manager gewidmet. "Lazy Boy" und "Dancing People Are Never Wrong" gehen den eingeschlagenen Weg konsequent weiter. "Bird Rocket" orientiert sich am Groove der The B-52's, findet aber seine eigene Methode, um im "I could die, baby baby die, baby baby die, baby die, baby baby die"-Refrain einen größtmöglichen Human League-Moment zu erleben.

Ich fühle mich peinlich an Jugendsünden erinnert, kann aber nicht anders, als das Stück mit bunten Luftballons in den Augen zu feiern. "Friends Bar", zusammen mit ZeDe, dem Beatbox-Worldchampion von 2009, aufgenommen, erinnert an einen vergessenen Cardigans-Titel aus der "Gran Turismo"-Zeit.

Leider baut "Coming Home" im letzten Drittel stark ab. Das vom Arrangement überlastete "Brand New Vision" kippt spätestens beim Refrain in sich zusammen. Da wäre weniger mehr gewesen, und mehr fast unmöglich. "Eclat" nervt einfach nur, "High & Low" will nicht zünden.

"Coming Home" bietet viel mehr durchdachten Pop als planloses Alternative-Geschrammel. Der Ruf nach Ausverkauf wartet nur auf den noch ausstehenden Erfolg. Aber die Mehrheit der Lieder fällt trotzdem ungemein catchy aus, das Album besitzt zudem die Frechheit, mit jedem Hören ein wenig mehr zu wachsen.

Vielleicht fehlt The Bianca Story noch ein wenig das eigene Gesicht. Zu oft tanzen vor dem inneren Auge ganz andere Bands herum, an deren Großtaten man sich erinnert fühlt. Aber eben an Großtaten. Wenn die Schweizer aber in Zukunft mehr von sich selbst zeigen und die Qualität der ersten Songs über ein ganzen Platte halten, steht Außergewöhnliches bevor.

Trackliste

  1. 1. Afraid Of The World
  2. 2. Coming Home
  3. 3. Lazy Boy
  4. 4. Dancing People Are Never Wrong
  5. 5. Bird Rocket
  6. 6. Lion Is Awake Now
  7. 7. Friends Bar
  8. 8. Not The Sun
  9. 9. Brand New Vision
  10. 10. Eclat
  11. 11. High & Low

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