laut.de-Kritik

Mit neuer Sängerin und gefühlt hundert Gesangslinien.

Review von

Für The Agonist ist "Eye Of Providence" nicht nur Album Nummer vier. Mit dem ersten Album nach dem Abgang von Original-Sängerin Alissa White-Gluz zu Arch Enemywollen sie beweisen, dass sie auch aus vermeintlichen Rückschlägen neue Energie schöpfen können. Das gelingt den kanadischen Metalheads auch ganz gut: Die Scheibe knallt und kracht an so ziemlich jeder Ecke.

Schon der Opener soll allfällige Zweifel an der Band-Zukunft pulverisieren. "Gates Of Horn And Ivory" ist ein thrashiger Frontalangriff, bei dem die Musiker aus allen Rohren feuern. Vor allem die neue Sängerin Vicky Psarakis lässt sich nicht lumpen: Von höllischen Growls bis zu hymnischem Klargesang im Refrain – die Griechin ist eine Bank und hat das imposante Spektrum ihrer Vorgängerin ebenfalls drauf. Kleine Spielereien wie die knackigen Gitarrensoli und der seltsam schräge Chorgesang, der plötzlich durch den Hintergrund wabert, sind zusätzliche Politur.

"My Witness, Your Victim" geht gemächlicher los, gewinnt aber rasch an Fahrt, während Vicky mit Leichtigkeit zwischen Growls, Power-Gesang und einem koketten Säuseln variiert. Im "Danse Macabre" dominiert dann erstmals der Klargesang, was der Nummer prompt einen melodischeren Anstrich verpasst. Phasenweise gerät das Ganze aber schon überdramatisch, wenn sich Vickys Stimme in himmlische Höhen schwingt. Da können ihre Kollegen noch so wacker in die Saiten und auf die Kessel hauen.

Je nachdem, wo die persönliche Kitsch-Schmerzgrenze liegt, wird dieses Problem noch an anderen Stellen auftauchen. Das liegt aber auch daran, dass "Eye Of Providence" mit 60 Minuten Spielzeit etwas lang geraten ist und die Gute gefühlte hundert Gesangslinien auffährt.

Generell meistert Vicky ihren Einstand aber mit Bravour. In "I Endeavor" etwa bestreitet sie ein an Schizophrenie grenzendes Schrei/Gesang-Duett mit sich selbst. Und im starken "Perpetual Notion" zaubert sie, nachdem erst einmal ordentlich die Kehle durchgegurgelt wurde, eine operettenhaften Melodie hervor. Das verleiht der Nummer einen schönen eigenwilligen Touch.

Und wo ließe sich denn nun eigentlich ein wenig Spielzeit streichen? Gute Frage, weil unter den 13 Songs kein echter Stinker auszumachen ist. Ob Vollgas-Gedresche wie in "Disconnect Me" und "A Necessary Evil" oder der Stampfer "Architects Hallucinate" – das knackt und pustet einigen Rost aus den Boxen. Und trotzdem stellt sich in der zweiten Albumhälfte eine gewisse Sättigung ein, hat man den steten Dynamikwechsel zwischen heavy und ruhigen Passagen einmal verinnerlicht.

Zumal die Band die einzigen beiden Songs, die kompositorisch aus dem gewohnten Terrain ausbrechen, ganz an den Schluss packen. "A Gentle Disease" überrascht mit akustischer Gitarre sowie sanften Klängen, die diesmal nicht gleich zerdeppert werden. Der Rausschmeißer "As Above, So Below" ist geradezu proggig ausgefallen: In diesem Achtminüter legen The Agonist einen tollen Steigerungslauf hin, der mit einem Minimum an metallischem Kolorit auskommt. Zwischen diesen beiden Nummern wirkt "Follow The Crossed Line" unglücklich platziert - ein weiterer solider Brecher zwar, der aber nichts mehr Neues aufs Tapet bringt.

Trackliste

  1. 1. Gates Of Horn And Ivory
  2. 2. My Witness, Your Victim
  3. 3. Danse Macabre
  4. 4. I Endeavor
  5. 5. Faceless Messenger
  6. 6. Perpetual Notion
  7. 7. A Necessary Evil
  8. 8. Architects Hallucinate
  9. 9. Disconnect Me
  10. 10. The Perfect Embodiment
  11. 11. A Gentle Disease
  12. 12. Follow The Crossed Line
  13. 13. As Above, So Below

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