laut.de-Kritik

Mehr als nur ein lyrisches Fressepolieren?

Review von

Rap ist Competition. Dieses Prinzip hat Takt32 verinnerlicht und räumt so seit ein paar Jahren auf hiesigen Battlerap-Veranstaltungen auf. Doch auf Albumlänge muss es natürlich mehr sein, als das lyrische Fressepolieren. Intelligent, persönlich und unangepasst will der Berliner mit seinem neuen Werk auftrumpfen. Die Leitlinie von "ID" formuliert er auf dem gleichnamigen Opener selbstsicher: "Nichts zu kaschieren, alles mein Leben."

Besagtes Leben fiel bisher reichlich unbequem aus. Die Stimmung der grauen Plattenbauten, in denen Takt aufwuchs, schwingen in seiner Musik unweigerlich mit. Bissig und aggressiv lässt er auf "ID" seinen Werdegang Revue passieren. Die Ambition ist klar: sprichwörtlich nach oben soll es gehen, und zwar ohne die weichgespülte Hype-Maschinerie anderer Rapper. Echt und authentisch muss Rap im Verständnis des Hauptstadtkindes sein.

"Worte machen hungrig, doch nur Taten machen satt" – Takt32 verkörpert die Attitüde eines Machers. Die Dringlichkeit seines Anliegens verpackt der MC passenderweise in einen routiniert-rastlosen Flow. Auf dem Takt macht dem versierten Battlerapper eben so schnell keiner was vor. Mit einer einnehmenden Präsenz entfaltet er seine raue Stimme auf den Beats, was den düsteren Hinterhofcharakter der Songs überzeugend unterstreicht.

Takts Themenkomplexe muten inhaltlich allerdings nicht besonders innovativ an. Oft genug nutzt er seine Worthülsen über Gangs, Sneakermarken und Drogengeschäfte nur als Vehikel, um seinen formvollendeten Flow zu präsentieren. Bei Songs wie "Laber Nicht" muss man für den Hörgenuss das kritische Textverständnis zuerst ausschalten. Nicht zuletzt, weil der Berliner einige französische Begriffe einstreut, um die Banlieue-Atmosphäre des ganzen zu erhöhen. Erst dann kann man sich von dem gefährlichen Haudrauf-Sound schön berieseln lassen.

Den eingangs formulierten Anspruch nach Echtheit vernachlässigt Takt32 trotzdem nicht ganz. Immer wieder klingt ein sozialkritischer Unterton in den Tracks an. Der Protagonist verurteilt Fremdenfeindlichkeit, übt Kapitalismuskritik und beobachtet Armut in seiner Gegend. Wirklich anregend verpackt er diese Gedanken allerdings kaum. Nur äußerst allgemein beschäftigt sich Takt mit den komplexen Themen und nutzt sie eher dazu, um der düsteren Stimmung seiner Musik mehr Konturen zu geben.

Am schlagkräftigsten geht er aber gegen Polizeigewalt auf die Barrikaden. Seinen blau-weißen Feinden widmet der Ex-Sprayer mit "110" sogar einen kompletten Song. Mit dem reichlich radikalen Track wühlt Takt allerdings nicht so recht auf. Die plastischen Gewaltschnipsel in seinen Lyrics gehen leicht in dem überbordenden Beat unter. So klingt das ganze am Ende eher nach oberflächlichem Trap-Brett, als nach ernsthafter Beschäftigung mit der Problematik.

Meistens bastelt Produzent Jumpa, der für die kompletten Instrumentals des Albums verantwortlich zeichnet, ein stimmig zusammenhängendes Klangbild. So unterstreicht er die Fertigkeiten des Rappers. Dank einiger Stimmeffekte klingen auch Gesangshooks wie auf "Von Mir / Von Hier" modern und wuchtig. Features, wie Chima Ede und LÜ RIQUE auf "Dis Wo Ich Herkomm" schlagen in dieselbe Kerbe wie Takt, so dass die Gastbeiträge passend sind, aber gleichfalls wenig Überraschungen bereit halten.

Sein Versprechen löst Takt32 durchaus ein: Leben und Alltag legt er auf den insgesamt zwölf Songs ungeschönt offen. Die Frage ist nur, ob das auch erzählenswert ist. Denn ist die inhaltliche Spannbreite zwischen grauen Blocks und Armutsgrenze erst einmal abgesteckt, kann man die Texte des MCs schon beinahe erahnen. Der kraftvolle Sound mit dem er seine Raps darbietet, enthält jedoch einiges von der kämpferischen Essenz des Battlerappers. Mit dieser Power rettet sich Takt32 gerade noch davor, im farblos-beliebigen Sumpf des deutschen Straßenraps zu versinken.

Trackliste

  1. 1. ID
  2. 2. B.A.U
  3. 3. Von Mir / Von Hier
  4. 4. Hungrig
  5. 5. Dis Wo Ich Herkomme
  6. 6. 110
  7. 7. Laber nicht
  8. 8. 100 Bilder
  9. 9. Tiré
  10. 10. Glück
  11. 11. Bang Bang
  12. 12. Was wäre

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