laut.de-Kritik

Mit Witz und Wahnsinn durch jede Widrigkeit.

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"Puh, Sean Price ist tot?" Die Nachricht dieses Inhalts zählte zu den traurigen Tiefpunkten des vergangenen Jahres, auch wenn sich das noch junge 2016 bereits redlich (und recht erfolgreich) bemüht hat, diesen Moment noch zu unterbieten. Lass' es bitte eine Falschmeldung sein. Bis zuletzt wollte man es mit aller Macht nicht glauben. Dem 8. August 2015 war das egal: Sean P lebt nicht mehr, gestorben im Schlaf, mit gerade einmal 43 Jahren. Was für ein beschissener Rockstar-Abgang.

Zusammen mit der Flut an Beileidsbekundungen brandete eine Welle der Solidarität über Price' Witwe und seine Kinder hinweg. Innerhalb weniger Tage sammelte das Label Duck Down Records, dem der Rapper in fetten wie äußerst mageren Jahren die Treue gehalten hatte, mehr als 70.000 Dollar ein, um die Hinterbliebenen zu unterstützen. Im Laufe der nächsten sechs Monate wuchs der gespendete Betrag auf knapp 95.000 Dollar an, 10.000 davon ließen Eminems Shady Records springen. Stattlich, aber natürlich trotzdem ein erbärmlich schwacher Trost für den Verlust des Ehemanns, des Vaters und - trotz allem - des Familienernährers.

Hip Hop, Akteure wie Fans, verlieren mit Sean Price eine Figur, die - selten genug im Hauen und Stechen des Geschäfts - überall und jederzeit gern gesehen war. Nicht nur rückblickend scheint es so, schon zu seinem Lebzeiten regierte der Eindruck: Sean Price hat einfach jeder gern. Die Gründe dafür springen einem, auch von seinem Solo-Debüt aus, gebündelt ins Gesicht: Das Cover, angelehnt an "Planet der Affen", verrät den Comic-Nerd dahinter. Außerdem wirft Sean Price Talent, ein riesiges Herz und einen offenbar unerschöpflichen Sinn für Humor, gerne auch der rabenschwärzesten, abseitigen Sorte, in die Waagschale.

Der erste Witz steckt schon in der Kombination von "Monkey Barz" und "Debüt". Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im Mai 2005 bringt Sean Price bereits eine satte Dekade Erfahrung im Rap-Zirkus mit. In den Reihen der Boot Camp Clik Mitte der 90er Jahre aufgekommen, sammelt er mit Partner Rock als Heltah Skeltah mit "Nocturnal" Props und Lorbeeren. Deren Album Nummer zwei, angemessen großspurig "Magnum Force" betitelt, lässt sich jedoch nur ungleich zäher unters Volk bringen.

Die in der Folge entsprechend angespannte finanzielle Situation stellt Heltah Skeltah vor eine Zerreißprobe, der das Duo nicht stand hält. Die Wege trennen sich, Rock verlässt Duck Down und wechselt zum Label von Limp Bizkits DJ Lethal. Sean Price, treue Seele, bleibt auch dann noch auf dem leckgeschlagenen Labelkahn, als der wenig später vollends zu kentern droht: Duck Down verliert seinen Vertriebsdeal mit Priority, sein einstiges Zugpferd schlurft durch die tiefsten Niederungen des Geschäfts.

Eine Hand voll Singles, erstmals unter seinem Geburtsnamen Sean Price veröffentlicht, hier und da ein Feature-Part und mit "Rising To The Top" ein Beitrag zum Soundtrack des Videospiels "Grand Theft Auto 3", obwohl für den erklärten Videospiel-Fan Price sicher ein persönliches Schützenfest, halten nicht wirklich eine Familie über Wasser. Price verlegt sich auf mehr und weniger legale Geschäftemachereien und gießt seine Erfahrungen als "Brokest Rapper You Know" in Trackform: "Last album came out, you motherfucks hate it, Rock solo, Ruck broke, here's a hundred dollars, what a fucking joke, eviction notice, yo I gotta go, album been out two months, ain't did a fucking show."

Mit der Nummer, noch nicht einmal zwei Minuten lang, schreibt sich Sean Price seine eigene Hymne. Seine bittere, bitterböse, vor allem aber selbstironische Bestandsaufnahme steht den allgegenwärtigen Protzereien diametral gegenüber: ehrlich, brutal, brutal ehrlich, und genau deswegen zugleich wahnsinnig traurig.

Bis Sean Price endlich tatsächlich seinen ersten Alleingang veröffentlicht, ziehen gefühlte Ewigkeiten ins Land. Erst 2004 fängt sich das schlingernde Duck Down-Label wieder, plant dafür dann aber gleich einen Dreifachschlag, die "triple treats". Drei Alben stehen nahezu gleichzeitig auf der Veröffentlichungsliste: "Chemistry" von Buckshot & 9th Wonder, "Reloaded" von Smif'N'Wessun - und eben "Monkey Barz".

Auch, wenn sich der in finanziellen Erträgen messbare Erfolg wieder in Grenzen hält: Die Kritiken fallen geradezu überschwänglich aus. Die Source und allhiphop.com krönen das Album gleichermaßen zur Independent-Veröffentlichung des Jahres. "Price ist sich seiner Stärken sehr genau bewusst", lobt Cyril Cordor bei allmusic.com. "Sein Charisma allein hält jeden Song zusammen." Ja, sogar die schwächeren.

Eine Qualität, aus der Sean Price kein Geheimnis macht: "Niggas be rhymin' 'bout nothing, I rhyme about nothin', it sound like somethin'." Viel Handlung oder gar ein Konzept braucht er dafür tatsächlich nicht. Er rappt in der ihm ureigenen Beiläufigkeit, was ihm gerade in die Rübe kommt.

Zuvor heißt ein MC, der sich seines Titels würdig erweisen will, aber erst einmal formvollendet willkommen: "Welcome", eröffnet "Peep My Words" artig und informiert beflissen: "The name of this album is 'Monkey Barz' and I'm your host, Sean P." So stimmungsvoll eingelullt, startet es sich bestens in alles, das da kommen mag.

Da kann durchaus eine sehr spezielle Liebeserklärung dabei sein: Komplimente des Kalibers, wie sie Sean Price in "I Love You (Bitch)" verteilt, lässt sich sicher nicht jede Angebetete bieten. "Der Sexismus, der in einigen seiner Texte zutage tritt, mag manchen ein wenig abstoßen", findet allmusic.com. "Aber am Ende hat er dich doch soweit, dass wir alle zusammen mit ihm die Adlibs singen: 'Sean P!'"

Die alles überlagernde Eigenschaft dieser Platte nämlich: "Monkey Barz" ist über weite Strecken zum Schreien komisch. Seiner selbst gewählten Rolle als "ODB of the BCC" wird Sean Price jederzeit gerecht. Witz und Wahnsinn gehen Hand in Hand durch jede Widrigkeit.

Derer birgt "Monkey Barz" mehrere: Die Beatauswahl erweist sich als nicht hundertprozentig treffsicher. Was Sean Price an dem befremdlich scheppernden Groove von "Mad Mann" fand, lässt sich nicht ohne Weiteres nachvollziehen. Genau so wenig, warum das doch reichlich lummelige "Rising To The Top" als Schlusspunkt den soliden Gesamteindruck verwässern darf.

Das Instrumental zu "Slap Boxing": auch kein besonders gelungener Wurf. Hier allerdings erscheint alles egal, sobald Ex-Partner Rock zum Mic greift. Die beiden nehmen hier die Reunion vorweg, die Heltah Skeltah erst 2008 mit "D.I.R.T." wieder mit greifbaren Resultaten besiegeln sollen.

Dem gegenüber stehen auf "Monkey Barz" aber auch ganz und gar großartige Produktionen. Die harschen, kantigen Klavierakkorde von "One Two Yall" markieren da nur den Auftakt. Für die Highlights sorgen Khrysis und 9th Wonder.

Ersterer liefert den Soul frei Haus, erst mit "Onion Head", dann, ein zweites Mal, mit einem Aretha Franklin-Sample in "Bye Bye". Die muckelige Melodieseligkeit der Beats steht in krassest möglichem Kontrast zu Sean Price' ungeschönten Worten: wunderbar. 9th Wonder gelingt Ähnliches mit den Streichern von "Heartburn", in denen Sean P prächtig schwelgen und alles umarmen kann, woran sein Herz hängt.

Außer auf die beiden Justus League-Produzenten vertraut Sean Price einem Strauß weitgehend unbekannter Reglerschubser. Mit Recht, wie sich zeigt: An Phat Babyz' orientalisch gefärbten "Fake Neptune" lässt sich so wenig meckern wie an dem Genickbrecher, den das kanadische Produzententeam Tone Mason "Boom Bye Yeah" unterschiebt. Die irren Dschungelvibes im Titeltrack verantwortet Ty Deals.

"All my motherfuckin' life I've been real, yo." Sicherheitshalber erwähnt Sean Price das Offensichtliche in "Jail Shit" noch einmal. Wer hier redet, sollte inzwischen wahrhaftig jedem klar sein, spätestens nachdem Tek in die Runde posaunt hat: "Allow me to tell these onion heads what's ya name." Ja, sags ihnen: "First name: Sean. Last name: Price."

Sean Price veröffentlicht zwei weitere Solo-Alben und steigt 2008 noch einmal als Teil von Heltah Skeltah in den Ring. 2011 tritt er, auch wieder nach monatelangem Vorlauf, zusammen mit Guilty Simpson und Black Milk unter dem Banner Random Axe an. Er liefert Featureparts bei Gott und der Welt ab. Jeder schätzt und lobpreist ihn. Jeder feiert seine Skills, sein Händchen für verschachtelte Reime, Alliterationen und schräge Bilder, mit denen er um sich wirft, als sei es gar nichts. Vor allem aber schätzt jeder, der je mit ihm zu tun hatte, seine Persönlichkeit.

Der echte Durchbruch, ein nachhaltiges kommerzielles Sich-gesund-Stoßen, erfolgt nie, und von einem Tag auf den anderen lebt Sean Price nicht mehr. Vom Vice-Magazin mit der damals noch höchst hypothetischen Frage konfrontiert, wie er der Welt in Erinnerung bleiben möchte, erklärte der brokest rapper you know, er habe sich mit seiner Situation abgefunden:

"Ich wünschte, die Leute würden sagen: 'Er ist dope und hat acht Platinschallplatten.' Die hab' ich aber nicht, und das ist auch okay so. Für die, die es nicht wissen: Sean P? Der Motherfucker kann reimen. Das ist cool für mich, weil, Motherfucker, ich KANN reimen!"

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Peep My Words
  2. 2. One Two Yall
  3. 3. Onion Head
  4. 4. Fake Neptune
  5. 5. Heartburn
  6. 6. Shake Down
  7. 7. Mad Mann
  8. 8. Brokest Rapper You Know
  9. 9. Boom Bye Yeah
  10. 10. I Love You (Bitch)
  11. 11. Bye Bye
  12. 12. Spliff-n-Wessun
  13. 13. Jail Shit
  14. 14. Monkey Barz
  15. 15. Slap Boxing
  16. 16. Rising To The Top

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