laut.de-Kritik

Mal sind die Beach Boys heraus zu hören, mal eher Dieter Bohlen.

Review von

Saint Etienne machen Pop mit gehobenem Anspruch. Nachdem sie mit ihren letzten Alben auf gemischte Reaktionen gestoßen sind, haben sie sich für den großen Wurf entschieden. Mit "Tales From Turnpike House" gesellen sie sich zu erlesenen Popbands wie den Beatles oder Beach Boys, denen das Zusammenstellen von gut klingenden, aber thematisch bunt gemischten Liedern zwischendrin zu belanglos schien. Auch Saint Etienne haben nun ein Konzeptalbum.

Das Thema ist ein Tag im Leben einiger Bewohner von Turnpike House, eine fiktive Siedlung am Rande Londons. Wer sich darunter Mord und Drogen oder Eminem und Sido, vorstellt, wird gleich beim Opener eines Besseren belehrt. Triangel, Akustikgitarren und Vokalharmonien à la Brian Wilson begleiten die zuckersüße Stimme Sarah Cracknells. "I'm opening my eyes to find sun in my morning", trällert sie, ohne jeglichen Anflug von Humor.

Dass die Welt Saint Etiennes eine heile ist, zeigt sich auch im weiteren Verlauf. "I walk the side streets home, even when I'm on my own", heißt es in der Singleauskopplung "Side Streets". Im Pub von "Teenage Winter" haben die Red Hot Chili Peppers-CDs der Bedienung die Jukebox ersetzt. Die Besitzerin eines Wohltätigkeitsladens macht sich Sorgen, dass sich durch ebay die Zahl der Kleiderschenkungen verringert. An Stelle der Bäckerei steht jetzt ein Sonnenstudio.

Probleme, die nicht wirklich die Welt bewegen. Genauso wenig wie die Musik. Leicht melancholische, von Gitarren getragene Stücke wechseln sich mit schnelleren, tanzbaren Rhythmen ab. Mal sind die Beach Boys heraus zu hören, mal eher Dieter Bohlen. Dazu gesellen sich lateinamerikanische Einflüsse und ätherische Passagen, die an Air erinnern. Lediglich zwei Stücke lassen kurz von der angenehmen Hintergrundbeschallung aufhorchen.

Das eine ist "Relocate", ein Duett zwischen Cracknell und dem Popsänger David Essex, in dem eine Frau erfolglos versucht, ihren Mann zu einem Umzug aufs Land zu überreden. "Auf dem Land ist es langweilig, außerdem würde ich meine Freunde vermissen", lautet sein bodenständiges Argument. "Wir brauchen frische Luft. Wir könnten Gemüse anpflanzen und uns ein Schwein oder Huhn zulegen" ihre eher romantische Sicht der Dinge.

Das andere ist das abschließende "Goodnight". Die Ähnlichkeit zum letzten Stück auf dem "White Album" der Beatles beschränkt sich nicht auf den Titel. Zwar begleitete damals ein Orchester die wenig flexible Stimme Ringo Starrs, während es hier reine vokale Harmonien und eine Frau sind, das Ergebnis ist jedoch dasselbe: vollkommener Kitsch. Was auch für weite Teile von "Tales From Turnpike House" zutrifft: Das Konzept scheint zwar interessant, die Umsetzung wirkt aber so künstlich und konstruiert, dass es letztendlich belanglos ist.

Trackliste

  1. 1. Sun In My Morning
  2. 2. Milk Bottle Symphony
  3. 3. Lightning Strikes Twice
  4. 4. Slow Down At The Castle
  5. 5. A Good Thing
  6. 6. Side Streets
  7. 7. Last Orders For Gary Stead
  8. 8. Stars Above Us
  9. 9. Relocate
  10. 10. Bird Man Of EC1
  11. 11. Teenage Winter
  12. 12. Goodnight

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