laut.de-Kritik

Die ganz große Party.

Review von

Schöne Stimmen haben Rudimental ausgewählt, die auf "Toast To Our Differences" vor allem zu Dance-Beats verschiedene Schattierungen zeichnen. Die Stimmen von Protoje, Chronixx, Kabaka Pyramid, Yebba über Anne-Marie bis Olivia klingen warm, teils leicht ins Näselnde kippend und lassen soulige Nuancen mitschwingen. Das passt gut zur Aussage des Albumtitels. Dank der lässigen Uptempo-Grooves taugt die Platte gut, um in die Gänge zu kommen. Für Rudimental geht es aber um die große Party, um den Zusammenhalt gegen alle, die das Aus- und Abgrenzen - etwa entlang von Einkommensklassen - versuchen, wie der Titelsong erklärt.

Musikalisch könnte man den Albumtitel auch so verstehen, dass verschiedene Arten des Toastens durchprobiert bzw. vorgeführt werden. Toasting ist eine aus dem Dancehall bekannte Art des Sprechgesangs. Wertet man die ganzen Gastbeiträge als verschiedene Formen des Toastings, dann überbrücken Rudimental die Differenzen zwischen verschiedenen musikalischen Subkulturen und führen sie zu einem Global Pop zusammen.

Wobei die Grenzen längst verfließen. Für Kabaka Pyramid etwa, Roots Reggae-Zukunftshoffnung: Er sendet gerne seine Voice Files aus Jamaika gen USA und Westafrika und lässt sie dort zu Hip Hop-Reggae-Elektronik zusammenbauen. Bei Rudimental bietet er ungezwungenes Singen und Rappen in einem: "No Pain (feat. Maverick Sabre, Kojey Radical & Kabaka Pyramid)" strahlt eine sakrale Aura aus. Kleine Bläsersamples zur Verzierung im Refrain machen diesen Song eine ganz kleine Prise mellow-jazzig.

Eher Augenwischerei ist dagegen die Ladysmith Black Mambazo-Truppe in der Tracklist: Nur 47 Sekunden werden dieser südafrikanischen Vokallegende zuteil, es wird kurz besinnlich. Insgesamt prescht das Album aber voran. Und schneller heißt hier auch besser: Denn überall dort, wo sie auf "Walk Alone (feat. Tom Walker)" in gemäßigtem Tempo in den Ed Sheeran-George Ezra-Modus einmünden, beweisen sie weit weniger Originalität.

Rudimental kommen aus dem Drum'n'Bass, einer genuin englischen Musik, und es war auch beim Vorläufer, dem Acid-Jazz, üblich (so bei Soul II Soul), sich mit zahlreichen Gastsängern zu umgeben. In diesem Fall ist die Wahl dieser das Interessante. Die Azonto-Sängerin Raye nebst R'n'B-/Afro-Hip Hop-Shooting Star Maleek Berry machen auf "1by1 (Feat. Raye & Maleek Berry)" eine gute Figur. Urban Beats, die Spaß machen - da kommt es vor allem darauf an, wie mitreißend die blubbernd verrückten Rhythmen gestaltet sind. Für Sehnsuchtsflair sorgt "Last Time (feat. Raphaella)". Der Clou steckt hier im betörenden Gesang der britischen Alternative-Producerin.

Auf den ersten drei Tracks fließt das Album wie ein Mixtape aus einem Guss und nimmt Fahrt auf. Anne-Marie und Mr Eazi sind zusammen auf Major Lazer-Beats unterwegs und verkörpern Gegenwart und Zukunft des ghanaisch-nigerianischen Bogens zur UK-Musikszene. "Dark Clouds (feat. Jess Glynne & Chronixx)" gestaltet sich recht überraschend als sehr schneller Jungle-Raggamuffin-Tune, in dem Jess Glynne als dunkler Kontrast gut zum vernuschelten, hellen und ausgelassenen Sprechgesang von Chronixx passt.

Von Raggamuffin spricht man, wenn im Reggae und Dancehall nur noch stoisches Kopfnicken als Tanzbewegung passt, und der Gesang einem Non-Stop-Sprachvortrag weicht (bevorzugt zu Uptempo-Beats). Jungle war in den 90ern eine ähnliche Kreuzung von Techno und Reggae wie heute EDM-Trap als Dubstep auf einem Hip Hop-Beat stolpert.

Die Texte rauschen auf der Scheibe dagegen vorbei. Schon Titel wie "Scared Of Love (feat. RAY BLK & Stefflon Don)", "Summer Love" (mit Rita Ora") oder "Sun Comes Up (feat. James Arthur)" zeigen, dass mehr als Liebes-Plattitüden und Small Talk kaum zu erwarten ist. Das nichtssagende Elektropop-Stück mit dem etwas depressiv-knödeligen Gesang von James Arthur entfaltet in der "Stripped"-Version auf YouTube paradoxerweise mehr Tanzbarkeit als die Electro-Abmischung.

Noch weniger funktioniert "These Days (feat. Jess Glynne, Macklemore & Dan Caplen)", das nach Dance-Einheitsbrei klingt und sich mit Platze 3 in Deutschland rühmen kann. Verträumt genug um sich fallen zu lassen, brilliert dagegen "Leave It For Tomorrow (feat. Elli Ingram)", toll, wenn auch keine musikalische Revolution.

Im programmatischen Titeltrack mit der hymnischen Programmatik "Let's have a toast on our differences!" kiekst die simbabwische Sportlerin und Songwriterin Shungudzo (als heimlicher Star der Platte) mit erfrischender Stimme den Slogan, der alles zusammenhält, während Protoje - allmählich so etwas wie der mentorenhafte Vordenker der jüngsten Roots Reggae-Generation - seine reflektiert sozialrealistischen 'Conscious'-Gedanken ausbreitet.

Gerade die Reggae- und Afrobeat-Beiträge verleihen dem Album Charme und auch einige zeitlos wirkende Songs. Dazwischen stören zwar farblosere Tracks den Flow. Andererseits demonstriert "Let Me Live (feat. Anne-Marie & Mr Eazi)" vorzüglich, wofür Rudimental auf ihrem eigenen Label Major Tom's eine Plattform bieten: Afrobeats in europäische Hörgewohnheiten zu übersetzen. So pflegt die Platte ein musikhistorisches Anliegen, afrikanische Musik und Reggae wieder groß zu machen. Macklemore ist insofern nicht als Featuregast, sondern als Zugpferd für die kleineren Acts zu verstehen.

Trackliste

  1. 1. Toast To Our Differences (feat. Shungudzo, Protoje & Hak Baker)
  2. 2. Rudimental x Major Lazer - Let Me Live (feat. Anne-Marie & Mr Eazi)
  3. 3. Dark Clouds (feat. Jess Glynne & Chronixx)
  4. 4. Walk Alone (feat. Tom Walker)
  5. 5. Thula Ungakhlai (feat. Ladysmith Black Mambazo)
  6. 6. These Days (feat. Jess Glynne, Macklemore & Dan Caplen)
  7. 7. Sun Comes Up (feat. James Arthur)
  8. 8. 1by1 (Feat. Raye & Maleek Berry)
  9. 9. Last Time (feat. Raphaella)
  10. 10. No Pain (feat. Maverick Sabre, Kojey Radical & Kabaka Pyramid)
  11. 11. Scared Of Love (feat. RAY BLK & Stefflon Don)
  12. 12. Rudimental & Rita Ora - Summer Love
  13. 13. They Don't Care About Us (Feat. Maverick Sabre & Yebba)
  14. 14. Do You Remember (feat. Kevin Garrett)
  15. 15. Leave It For Tomorrow (feat. Elli Ingram)
  16. 16. Adrenaline (Feat. Olivia)

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1 Kommentar mit 2 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    "Nichtssagende Elektropop-Stücke" fasst das ganze Album gut zusammen. Gute Feature, verschenkt auf - selbst für Rudimental - viel zu seichten Produktionen. Mit DnB oder Jungle hat das bis auf die BPM-Zahl schon lange nichts mehr zu tun (wenn es das denn jemals hatte). Hätte mit etwas mehr Mut zu kantigeren Produktionen sehr gut werden können. So ist es nur Hintergrundmusik für "hippe" Shops und Burgerläden.

    2/5.

    • Vor 2 Monaten

      Nachvollziehbar, danke fürs Feedback! Mit In-Ear-Kopfhörer wirkt zB der Track mit Chronixx schon sehr viel stärker als nur für Burgerläden ; stimmt schon, die nehmen solche Musik gerne in ihre Rotationen ;) Hat auch seine Nische und Daseinsberechtigung :)

    • Vor 2 Monaten

      Gerne. Ich habe es nur auf meinen Sport-KH gehört, vielleicht hängt es teils damit zusammen. Hatte mir aufgrund der Features mit Leuten wie Mr Eazi, Protoje, Stefflon Don, Ray BLK, Chronixx etc. einfach mehr versprochen.