laut.de-Kritik

Zahnlos und vergänglich wie Seifenblasen.

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Rihanna kann einfach nicht aus ihrer Haut. "Man, my album is complete and I need a fucking drink and a roll up", twitterte sie Anfang des Monats. Was wie ein spontaner Tweet einer abgearbeiteten Sängerin wirkt, ist natürlich alles andere als das. Schließlich ist rund um das PR-Produkt Rihanna alles bis ins kleinste Detail berechnet. Der Spruch ist vielmehr der verzweifelt wirkende Versuch, pünktlich zur Veröffentlichung ein neues Skandälchen zu produzieren.

Was vor "Talk That Talk" der Sexshop-Besuch und ein prüder Bauer war, ist dieses Jahr eben Marihuana. Im Januar ließ sich Rihanna kiffend am Strand von Hawaii erwischen, zu Halloween lächelte sie als "Mary Jane" verkleidet in die Kameras der Fotografen. Mitte November prangte beim Konzert in Berlin ein Hanfblatt auf ihrem Oberteil. Was man nicht alles tut für ein paar Schlagzeilen.

Selbst den offenbar wenig schuldbewussten Schläger Chris Brown lässt Rihanna wieder öffentlichkeitswirksam an sich heran. Auf Instagram veröffentlichte sie unlängst ein Bild, das den schlafenden Brown mit nacktem Oberkörper auf einem Bett zeigt. Dass die beiden turtelnd in Berlin gesichtet wurden und damit die nächste PR-Welle losgetreten haben, ist natürlich blanker Zufall. Mit dem Duett "Nobodys Business" hat das ganz bestimmt nichts zu tun.

"You'll always be the one that I wanna come home to", "you'll always be mine", "let me love you and show you how special you are" – geht es vor diesem Hintergrund eigentlich noch peinlicher? Ja, zum Beispiel wenn ein Wicht wie Brown sich erdreistet, auf Michael Jackson zu machen. Der King of Pop hätte diesem zahnlosen 90er Dance-Stück in seinen guten Zeiten mit Sicherheit keine Aufmerksamkeit gewidmet.

Streng genommen hätte es dieser ganzen Albernheiten gar nicht bedurft. Die komplette "777" getaufte Promo-Tour war schließlich schon Reinfall genug, um Rihanna in alle Gazetten zu heben. Mit 150 Journalisten und ein paar glücklichen Fans im Gepäck bereiste die Dame sieben Städte in sieben Tagen, um ihr siebtes Album auf sieben Konzerten zu bewerben. Presse und Fans würden ihr nahe kommen wie nie zuvor, lockte sie.

Letztlich ließ sich Rihanna kaum blicken und verärgerte Mitreisende und Konzertbesucher mit übertriebenen Verspätungen. Bezeichnend, dass ein australischer Radio-Journalist die Hauptattraktion der Tour war. Er rannte nackt durchs Flugzeug, während seine Kollegen ihrem Ärger lautstark Luft machten. "Just one quote", "I need a headline" und "Save our jobs", skandierten die gehörnten Kollegen irgendwo über den Wolken zwischen Berlin und London.

Rihanna dürfte die schlechte Presse herzlich egal sein. Das Ziel ist erreicht, die Welt weiß, dass sie eine neue Platte hat. Und "Unapologetic" wird sich gut verkaufen, obwohl es kaum etwas zu bieten hat. Frei nach dem Motto aus "Pour It Up", das wohl ironisch gemeint ist, letztlich aber nur zynisch wirkt: "All I see is signs, all I see is dollar signs. Money on my mind, money, money on my mind."

Das Beste an der Scheibe ist noch, dass sie nicht so zerberstend schlecht und unerträglich wie der Vorgänger ist. Zumindest, wenn man die beiden von David Guetta produzierten Tracks "Fresh Off The Runway" und "Right Now" überstanden hat. Woher der Erfolg des Franzosen rührt, ist ohnehin ein weiteres Rätsel des Musikgeschäfts. Für Rihanna macht er es wie immer: Er liefert ideenlose, von Synthies völlig überlagerte Massenware für mittellose Teenies, die zu gerne auf Ibiza Partyurlaub machen würden, sich letztlich aber nur im heimischen Partykeller besaufen.

Der Rest der Platte ist solider Pop. Zahnlos und vergänglich wie Seifenblasen zwar, aber immerhin um Abwechslung bemüht. "No Love Allowed" ist poppiger Reggae aus den Reglern von No I.D. "Jump" reitet die Dubstep-Welle oder zumindest das, was der unbedarfte Hörer für Dubstep hält. Dass sich Rihanna für den Refrain am Text von Ginuwines "Pony" von 1996 bedient, dürfte dem durchschnittlichen Fan hierzulande schon aus Altersgründen kaum bekannt sein.

"Diamonds" funktioniert in Perfektion: Mit seiner Ohrwurm-Hook und der ständigen Wiederholung der Schlagwörter ist die Single wie gemacht fürs gleichgeschaltete deutsche Hit-Radio. Dass der Track in der Rangliste der nervigsten Titel 2012 schon nach wenigen Durchgängen in die hohen Sphären steigt – geschenkt. Schließlich steckt ein Plan dahinter, nach Singles wie "We Found Love", "Where Have You Been" oder "Cockiness" mal wieder ein Ballädchen auszukoppeln. Man möchte das Märchen tunlichst aufrecht erhalten, dass Rihanna eine spannende Künstlerin mit Kanten und immer für eine Überraschung gut sei.

Dabei macht sie einfach nur, was Label und PR-Agentur ihr vorsetzen. Routiniert und völlig ohne Gefühl und Herz, versteht sich. Was offensichtlich auch auf Eminem abgefärbt hat. Zumindest schließt sich an das lustlose "Numb" unmittelbar die Frage nach dem Warum an. Aber wenn seine weniger talentierten Kollegen sogar mit Paris Hilton zusammenarbeiten, wieso sollte Slim Shady es dann nicht mit Rihanna tun?

Und wie soll Eminem eine Sängerin wie Rihanna ernst nehmen, die erst mit Brown turtelt, um sich im nächsten Stück dann doch zu distanzieren: "You took the best years of my life / I took the best years of your life / Felt love struck me with a knife / I pray that love don't strike twice." Als ob "Love Without Tragedy / Mother Mary" nicht willig auf das längst vollends ausgebeutete Privatleben der 24-Jährigen anspielen würde.

"What Now" ist das Pop-Pendant zum Stadionrock Bon Jovis und Konsorten: Piano und Akustikgitarre in der Strophe, überbordender Bombast im Refrain. Ersteres geht direkt in die Klavier-Ballade "Stay" über, ein wenig aufregendes Duett mit Mikky Ekko. Interessanter gerät da schon das Future-Feature "Loveeeee Song", bei dem zur Abwechslung mal etwas Ähnliches wie Atmosphäre entsteht. Autotunegeschwängerte Atmosphäre zwar, aber immerhin. "Space ballad" nennt sich das wohl auf neudeutsch.

Spannend ist das natürlich auch nicht, aber bei einer knappen Stunde unwiederbringlicher Lebenszeit mit Rihanna nimmt man ja, was man kriegen kann. In den 55 Minuten könnte man auch einfach kiffen und saufen. Beides sind sinnvollere und aufregendere Zeitvertreibe, als sich selbst mit "Unapologetic" zu penetrieren. Und mit einem gewissen Pegel lässt sich über die Frage, die über allem schwebt, auch viel besser philosophieren: Rihanna, wie fühlt man sich eigentlich als Produkt?

Trackliste

  1. 1. Fresh Off The Runway
  2. 2. Diamonds
  3. 3. Numb
  4. 4. Pour It Up
  5. 5. Loveeeeeee Song
  6. 6. Jump
  7. 7. Right Now
  8. 8. What Now
  9. 9. Stay
  10. 10. Nobodys Business
  11. 11. Love Without Tragedy / Mother Mary
  12. 12. Get It Over With
  13. 13. No Love Allowed
  14. 14. Lost In Paradise

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