laut.de-Kritik

Der Schlager-Superstar für Minion-Meme-Mütter.

Review von

Vielleicht ein Generationen-Ding, aber es bleibt eine magische Erinnerung, als Teenager die aktuellen Gewinner von Deutschlands größter Castingshow zu hassen. Als auf dem Pausenhof geraunt wurde, dass die alle gar nicht singen könnten und eh kein Talent hätten und – oh schreck! - nicht mal ihre eigenen Songs schreiben! Sich selbstgerecht von Mark Medlock und Alexander Klaws wegdrehen und wieder würdevolle Musik wie Limp Bizkit und The Offspring hören. Essentielle Erfahrungen der deutschen Edginess.

Heute umweht das Format ein Schleier der Egalheit. Wäre Xavier Naidoo nicht aus der Jury geflogen, hätten viele die Existenz der Staffel gar nicht registriert. Dasselbe gilt für den diesjährigen Sieger Ramon Roselly, der Schlager-Superstar, der exklusiv bei militanten Minion-Meme-Müttern und Vollblut-Dorfkindern in der Midlife-Crisis Anklang findet. Eine Zielgruppe, die immerhin noch fern sieht und dem Mann so einen Kantersieg und einen Nummer Eins-Hit ermöglichte.

Aber: Es macht keinen Spaß, diesen Kerl zu hassen. Nicht, weil sein Album gut wäre. Er hat einfach nicht das Format, um irgendeine starke emotionale Reaktion zu rechtfertigen. Schaut man sein Musikvideo zum Nummer Eins-Hit "Eine Nacht", entsteht ein bisschen Verwunderung über das Billo-Video und Mitleid für diesen irgendwie echt niedlichen Typ, der unbeholfen die Grinsebacke schwingend einen selbst für Schlager austauschbaren Song singt.

Ramon Roselly hat den rohen Sex-Appeal eines Hundewelpen in einer Zahnpasta-Werbung und die charakterliche Komplexität eines Versicherungs-Maskottchens. Aber er ist nicht das Problem auf "Herzenssache". Tatsächlich schlägt er sich auf Albumlänge nicht halb so schlecht, wie man mutmaßen könnte. Seine Stimme könnte ausdrucksvoller sein, aber sie ist nicht schlecht, er übersingt nicht und bringt natürliche Showmanship mit.

Außerdem besitzt er wohl als erster DSDS-Gewinner seit einem Dutzend Staffeln so etwas wie eine musikalische Identität, indem er ein Nerd für den Oldschool-Schlager ist und immer wieder Vergleiche zu Marianne Rosenberg und Roland Kaiser herbeiführte. Nun ja, Kaiser hat zwar Swagger und Rosenberg einen Puls, aber musikalisch sorgen diese nostalgischen Querverweise für Momente auf dem Album, an die man sich regelrecht erinnert. "Nachts, Wenn Ich Alleine Bin" spielt mit einem eingängigen Disco-Beat, "Eine Sommernacht Mit Dir" groovt effektiv in den Fade-Out und Songs zu singen, die schon von Costa Cordalis und Randolph Rose erprobt wurden, ist wohl auch keine schlechte Wahl. Ab und zu ein bisschen Doo-Wop, ein bisschen 70er-, manchmal sogar 50er Vibes.

Wer hätte es gedacht, das so zu protokollieren: Aber ja, dank ein paar wirklich solider Kompositionen und geschmackvoll gewählter Cover klingt "Herzenssache" für ein Schlager-Projekt überdurchschnittlich. Hätte er doch nur einen Produzenten gehabt, dem nicht alles egal war. Wenden wir uns nun also Menschen zu, die zu hassen über all die Jahre kein bisschen an Spaß eingebüßt hat: Dieter Bohlen ist ein horrender Produzent. Sein fummeliger, ekliger Plastiksound klingt, als würde Camp David auch Synthesizer herstellen. Dazu immer mal wieder einen schnulzigen Chor für die Fühlis und ein bisschen Rummelbumsdisco für Malle. Dieters emotionaler Feinsinn misst sich mit Leatherface aus dem Texas Chainsaw Massacre.

Aber selbst wenn das Album nicht klingen würde, als betrüge sein Produktions-Budget 38 Cent Wechselgeld, tragen ein paar solide Melodien das Songwriting nicht genug. Welcher lieblose Nichtskönner steckt hinter diesen Lyrics? Oh Bohlen, man hört dir tapsen. Nicht jeder muss Shakespeare sein, aber wenigstens Rosamunde Pilcher wäre schön gewesen. Stattdessen schlägt dem Hörer textlich ein Vakuum entgegen. Immer wieder singt Ramon von einer Trennung, ohne sich halbwegs gut zu verkaufen: "Ja, es stimmt, ich habe viel falsch gemacht / Aber ich habe es nicht böse gemeint / Und ich schwöre dir, ich werde das alles ändern" spricht er in einer schmerzhaften Spoken Word-Bridge auf "Eine Sommernacht Mit Dir" mit der glühenden Überzeugung eines Drittklässlers, den seine Mutter zu einer Entschuldigung zwingt. Der Rest bewegt sich auf dem Level von "Es gibt kein Wort, kein Wort dafür, diese Liebe ist der Wahnsinn / Es gibt kein Wort, kein Wort dafür, wie sehr ich dich lieb". Roselly schreibt Liebeslieder mit dem Wortschatz eines Fußball-Kommentators und empfindet Emotionen von der Tiefe eines Straßenpfütze.

Mensch, das hat wirklich keinen Spaß gemacht. Vielleicht ist es cool für den Schlager-Betrieb, ein wenig Nachwuchs zu gewinnen, der die Tradition des Genres kennt und wertschätzt. Aber bis Ramon Roselly nicht schleunigst neue Produzenten anheuert und zumindest ein bisschen versucht, Texte zu schreiben, die irgendetwas hergeben, überzeugt das nicht. "Herzenssache" birgt überraschend Positives für einen Schlager-DSDS-Gewinner, aber begräbt diese Elemente in einem Düngerhaufen aus Lieblosigkeit und Halbherzigkeit. Man kann und will es nicht so recht hassen, aber gemocht kriegt man es dann auch nicht. So evoziert das Debüt dieses DSDS-Gewinners dieselbe Reaktion wie die Staffel der Serie: Ein Schulterzucken.

Trackliste

  1. 1. Nachts, Wenn Ich So Alleine Bin
  2. 2. Wenn Du Gehst
  3. 3. Es Gibt Kein Wort Dafür
  4. 4. Eine Nacht
  5. 5. Wie Zwei Sterne Im Himmel
  6. 6. Der Himmel Kann Die Hölle Sein
  7. 7. Eine Sommernacht Mit Dir
  8. 8. Du Hast Ja Tränen In Den Augen
  9. 9. Sag Einfach Ja
  10. 10. Ist Es Wahr?
  11. 11. 100 Jahre Sind Noch Zu Kurz
  12. 12. Mandy

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11 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Ich mag weder Stimme noch Musik, aber die Texte sind toll.

  • Vor 3 Monaten

    Ich mag seine Stimme und die Musik, aber auch die Texte sind fresh af.

  • Vor 3 Monaten

    Ich fasse zusammen "belangloser Typ mit schlimmer Plastik-Produktion und Gülle-Texten" - wie genau kommen dann 2/5 zustande? Weil man NOCH WENIGER erwartet hätte?

    • Vor 3 Monaten

      @Bensonaro:
      Steht doch im Text drin: das ist der Rest Eigenständigkeit und Talent, den Bohlen während des Aufnahmeprozesses nicht kaputt gekriegt hat. Angesichts des ... in Ermangelung eines besseren Begriffs: "künstlerischen Outputs" des Produzenten Bohlen ist das bei einer frischen Flitzpiepe im Showgeschäft 'ne Leistung, die man durchaus mit einem schulterklopfenden zweiten Punkt honorieren darf, wie ich finde.
      Gruß
      Skywise

    • Vor 3 Monaten

      Der heiße Scheiß für den nächsten SCHLAGERBOOOOOM. KluBBB3 hyperventiliert: welcher Generalvernichter hat nur diese treibenden Beats generiert? Roselly mit dem fäddn‘ Management vom Dieeeedaaa im Rücken, der neue Nichtraucher-Posterboy der Superillu, bekommt erst mal die Backstagekabine neben der gud‘n Helene. Jeder weiß, was dass heißt – die Headlines im Goldenen Blatt sind sicher, im Schrank gibt’s ne heimliche Zwischentür. Morgen kann der olle Tänzer ne Selbsthilfgruppe mit Silbi eröffnen.

      Derweil eine Ecke weiter in der Westfalenhalle, Inneraum Oberkante, heizt der Zarella bumsfidel die Menge an. Kohlebricketts schaufeln is angesagt, der Bro’Sis Barde trällert fein fein „Dicke Tüten, Kartoffelsalat“ auf sardinisch und schwitzt, als müsste er so physical performen wie der Mathias Reim (stehend, in Beton gegossen aber mindestens nicht bewusstlos). Im Publikum brennt die Sinnlichkeit, da sind Leute mit dem Airbrush-Bart vom Wendler und der Lodermähne eines Old-School-Silbereisens. Alles wird zu einem grauen Brei – fast wie wenn der Forster kocht, jeder klatscht ein bisschen daneben, jeder lebt die Leuchtarmbändchen so sehr.

      Dieeeedaaa schickt den Roselly auf die Bühne, meint: „Mach ma mega jetzt! Aber mega!“ und grinst im 4/4 Takt. In der Menge hat ein Ruhrpottroyal „4eva Ben Zucker“ auf die Rückseite einer Sodastream Verpackung gekritzelt. Dieedaaa lacht. Für die nächste DSDS Staffel holt er sich die Naddel in die Jury. Einfach weil er der King of Hass is.

    • Vor 3 Monaten

      Schlager hat schon seine eigene Sprache.

    • Vor 3 Monaten

      Man muss Schwingi verstehen: Er ist gerade traurig, weil er im Sommer weder zu Wacken noch zu RaR fahren kann um mit seinen Zauselkumpanen mal so richtig abzumeddln und zu irgendwelchem Lärm bierselig Luftgitarre spielen zu spielen. :D

    • Vor 3 Monaten

      Trauer führt zu Wut und Wut zum ESC und ESC zur dunklen Seite der Macht. Stefan Raab ist ein Schildkrötoid.

    • Vor 3 Monaten

      Gracie, ich war seit Ionen nicht auf Wacken. Der Ausfall des Festivalsommers trifft mich persönlich nicht besonders. Mir tut's nur um all die Künstler Leid. 2020 ist wohl das Jahr des (metaphorischen) Künstlersterbens.