laut.de-Kritik

Feinfühlige Melodien, tiefgründige Texte.

Review von

In seinem dritten Soloalbum "Ghost" verfolgt Songwriter, Maler und Autor Ben Cooper alias Radical Face, fernab seines zweiten Musikprojekts "Electric President", die Frage: Was wäre, wenn unsere Häuser Erinnerungen haben und unsere Ideen und unser Wirken sie lange nach unserer Präsenz als Geister heimsuchen würden?

Einige Songs sind aus Sicht der Lebenden und andere wiederum aus Sicht der Geister geschrieben. Der außergewöhnlich begabte Musiker gibt Kurzgeschichten zum Besten, deren Erzähler jedoch häufig durch den perfekt inszenierten Einsatz von Piano, Geigen und einem Akkordeon abgelöst wird. Aufgenommen wurde das kleine Juwel in kompletter Eigenregie. Ben Cooper spielte alle Instrumente persönlich ein und sang in seinem kleinen Tonstudio in Jacksonville Beach/Florida mit sich selbst im Chor.

Mit der leisen Klaviermelodie, die den ersten Track "Asleep On A Train" einleitet, gelingt ein sehr gefühlvoller Einstieg in "Ghost". Ein sich sanft einbringendes und sehr feinfühlig gespieltes Akkordeon, das nun die musikalische Führung übernimmt, weckt mein Interesse auf die folgenden 47 Minuten. Das Instrumentalstück lädt geradezu ein, sich heißes Wasser in die Wanne zu lassen, die Augen zu schließen und von den rauschenden Wellen des Meeres zu träumen. Nahtlos wird zu "Welcome Home" übergegangen, das vor allem durch den hauptsächlich mit Händen geklatschten Takt auffällt. In diesem eingängigen Song wird deutlich, dass Bens Stimme nicht als alles übertönende Instanz fungieren soll, hingegen reiht sie sich in den Kreis der Instrumente ein, was das Verständnis der tiefgründigen Texte nicht unbedingt erleichtert. Die Textzeile "I've Seen You Drifting Away" aus "Let The River In" steht für das gesamte Album, mit dem Ben seine Hörer zum Träumen und Entspannen einlädt.

Der vierte Song spiegelt die musikalische Offenheit Coopers wieder, denn bei "Glory" handelt es sich um einen Marsch, dessen Rhythmus durch Trillerpfeifen und marschierende Schritte bestimmt ist. Einer meiner persönlichen Höhepunkte stellt "Wrapped In Piano Strings" dar, das, nach einem eher schwermütigen Intro, vor allem im Refrain etwas flotter als die vorherigen Songs daherkommt und ebenso mit wunderschönem Text wie auch einer ergreifenden Melodie besticht. "Along The Road" ist das düsterste Stück des Albums. Das einsetzende Treppenknarzen entführt meine Gedanken in ein altes, verwahrlostes Haus mit hölzernem Boden entführt, in dem etliche transparente Gestalten die Räume füllen und aneinander vorbeischweben ohne sich gegenseitig wahrzunehmen.

In "Winter Is Coming" erinnert sehr an einen anderen Songwriter, der die Welt leider viel zu früh verlassen hat: Elliott Smith. Stimme, Rhythmus sowie "Ghosts" emotionaler Gesamteindruck ähneln Smiths Album "Figure 8". Mit "Homesick", einem weiteren Song über die Heimat und dem daraus folgenden sich zu Hause fühlen, endet das kleine Meisterwerk. Hierbei handelt es sich um ein ruhiges Stück, das neben Gesang, Piano und Akustikgitarre auch Vogelzwitschern als Stilmittel verwendet.

"Ghost" ist ein Album, das seine Hörer mit zart-melancholischen wie auch rhythmischen Melodien, tiefsinnigen Texten und den innovativen musikalischen Ideen, die an den Einfallsreichtum eines Conor Oberst erinnern, zum Träumen und "Dahindriften" regelrecht auffordert. Also, ab in die Badewanne oder das kuschelige Bett, Augen zu und einfach nur genießen.

Trackliste

  1. 1. Asleep On A Train
  2. 2. Welcome Home
  3. 3. Let The River In
  4. 4. Glory
  5. 5. The Strangest Things
  6. 6. Wrapped In Piano Strings
  7. 7. Along The Road
  8. 8. Haunted
  9. 9. Winter Is Coming
  10. 10. Sleepwalking
  11. 11. Homesick

Preisvergleich

Shop Titel Preis Porto Gesamt
Titel bei http://www.amazon.de kaufen Radical Face – Ghost €5,57 €3,00 €8,57
Titel bei http://www.jpc.de kaufen Ghost €10,99 €2,99 €13,98

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Radical Face

Radical Face ist der Grund, warum die halbe Welt beim Fotografieren vor sich hin summt: "Welcome home. Ho-ho-ho-ho-home." Man schreibt das Jahr 2010.

Noch keine Kommentare