laut.de-Kritik

Rin und die Träume der Anderen.

Review von

Es ist leicht zu verstehen, warum Rin Deutschrap in den letzten Jahren begeistert hat. Nach all den Jahren des peinlichen Rumstochern in den Amisounds haben wir endlich einen, bei dem es einfach aussieht. Der es intuitiv macht. Der gut klingt. Schon sein durchwachsener Vorgänger "Eros" war Balsam für die, die die Rap Caviar-Playlist hören und sich fragen, warum wir das nicht auch auf Deutsch haben können. "Nimmerland" legt nach und beweist: Rin könnte wirklich ein durchschnittlicher Ami sein.

Dementsprechend muss man zugestehen, wie fantastisch diese Platte beizeiten klingt. Besonders "M.I.A." auf "Alien" hört sich überragend an, wertig und mit wachen Augen auf die melodischen Amirap-Trends hinproduziert. Man findet alles, von Travis Scotts etwas psychedelischeren Houston-Interpretationen über 2015-inspirierten Pop-Trap aus der "If You're Reading This, It's Too Late"-Schule bis hin zu den wabernden akustischen Gitarren-Samples, mit denen Produzenten wie Wheezy, Turbo oder Smokeasac zwischen Emo-Trap und YSL Records spielen.

Es findet sich dementsprechend auch ein gutes Gefühl für musikalische Interpolation. Das "Dirt Off' My Shoulder"-Sample auf "Vintage" ist so offensichtlich, dass es wieder genial ist. Dafür kommen die kleinen Samples von Rio Reisers "Junimond" (auf "Nirvana") oder "Du trägst keine Liebe In Dir" (Bausa auf "Keine Liebe") von Echt wie aus dem Nichts. Einzig der Versuch, etwas zwischen Drakes "Forever" und Meek Mills "Championships" nachzustellen, misslingt auf "RSVP" mit klobigen, ungrazil produzierten Horn-Synths gründlich.

Das deutet das Problem von "Nimmerland" bereits an: Der Song hätte funktionieren könnten, wenn wir wirklich einen Drake oder Meek Mill darauf bekommen hätten, die durch natürliches Cool und ihre Energie einen Song tragen können. Rin kann keinen Song alleine tragen. Er ist auf dem Level melodischer Trapper, die zwar genau die richtige Melodie treffen, aber von den richtigen Songs abhängen. Ein bisschen wie Nav, der auf einem Song wie "Tap" großartig klingt, auf einer anderen Nummer dagegen eine komplette Nonpräsenz bleibt.

Im Gegensatz zu "Eros" birgt "Nimmerland" aber fast nur Nummern, mit denen Rin seine Stärken zeigen kann. Seine Vocal-Melodien auf "Nirvana", "Hollywood" oder "M.I.A." sind eindrucksvoll, ausdrucksstark und gehören sicherlich zu den besseren Momenten, die deutscher Pop-Rap in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Und doch gibt es Schwächen, die sich abzeichnen.

Das Phänomen, das es beizeiten am einfachsten macht, ihn nicht so recht ernst zu nehmen, ist seine seltsame Form der Zitation. Nicht, dass nicht jeder Artist Elemente von anderen Künstlern klauen würde, aber Rin verwendet Shoutouts und Hommagen an seine offensichtlichen Vorbilder so freudig und unterwürfig, dass es nicht wie kollegiale Anerkennung, sondern wie die Heldenanbetung eines Fanboys wirkt. Gefühlt auf jedem zweiten Song gibt es ein Shoutout auf Drake (vor allem in Form von furchtbaren Bars wie "Sicko Mode so wie Drake"), manchmal klaut er ganze Travis Scott-Adlibs, dann erzwingt er das Produzenten-Shoutout von Drakes "Money In The Grave" und "In My Feelings" auf "Vintage".

Es ist schwer, genau zu erklären, warum dieses Element so irritiert. Es ist die schiere Häufigkeit, mit der Rin seine Bewunderung für Drizzy, Travis, A$AP Rocky und Frank Ocean bekennt. Folgt man "Bietigheimication" könnte man das durchaus als charmantes Element der Kleinstadtträumerei verstehen: Der Fanboy aus der Provinz lebt die Fantasien seiner Stars aus. Aber auf "Nimmerland" lernt man weder etwas über Bietigheim-Bisingen, noch fühlen die Fantasien sich real an. Drake rappte mal von "Dreams Money Can Buy", aber Rin rappt von Träumen, die nicht seine eigenen zu sein scheinen. Dazu kommt, dass er als MC für sein viertes Tape immer noch spürbare technische Schwächen zeigt, die bei seinen simplen Flows ab und zu mehr wehtun, als sie sollten. Gerade die uninspirierten, unreinen Reime tun der Eleganz, die er sich zuspricht, Abbruch.

Diese kleinen Makel wären absolut verzeih- und übersehbar, würden sie nicht in ein größeres Bild der Angreifbarkeit passen. "Nimmerland" ist ein durchschnittliches amerikanisches Trap-Album. Ungefähr auf dem Level von Navs "Habits" oder Lil Moseys "Certified Hitmaker". Rin hat ein klar abgestecktes Feld an Talenten, Minhtendo, reezy und Alexis Troy geben ihm die großartige Produktion, auf der er diese am besten ausspielen kann. Was entsteht, ist ein solides Tape mit ein paar glasklaren Hits. Aber ganz überzeugen, dass er dieser allumfassene neue Superstar ist, kann RIN bei genauerem Hinsehen dann doch nicht.

Trackliste

  1. 1. Hollywood
  2. 2. Bietigheimication
  3. 3. Nirvana
  4. 4. Keine Liebe (feat. Bausa)
  5. 5. Vintage
  6. 6. Brunai
  7. 7. RSVP
  8. 8. UP IN SMOKE
  9. 9. M.I.A.
  10. 10. Alien
  11. 11. Fabergé
  12. 12. Voyage
  13. 13. Nimmerland (feat. Bilderbuch)
  14. 14. Vintage Remix (feat. Sido & Luciano)

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13 Kommentare mit 27 Antworten

  • Vor 5 Monaten

    Deutschsprachiger Trap – immerhin nicht so ärgerlich wie der ganze andere „Gangsta“-Quatsch, aber auch nicht relev- oder interessant …
    [https://www.peter-hamburger.de/panorama/20…

  • Vor 5 Monaten

    Also ich bin ja echt kein Hip-Hop Fan, aber nachdem sich hier auf einem mehr oder weniger hohen Niveau mit dieser Platte auseinandergesetzt wurde, hab ich doch mal aus Neugier reingehört und was soll ich sagen?
    Stumpfe Texte die jeder Allerweltspopsänger mindestens genauso schlecht hinbekommt gepaart mit unangenehmem Autotune Gestotter auf billigsten Trap-Beats. Wo der Rezensent da Talent sieht, ist mir schleierhaft. Nächstes Mal gibt's wieder 1/5 ungehört

  • Vor einem Monat

    Trap ja (zum Beispiel OG Keemo - Geist), Autotune Hip-Hop nein! Egal, wie ein Future oder eben dieses Album von der Presse schön geredet wird. Mit Autotune Hip-Hop werde ich in diesen Leben nie warm werden. ???? 1/5