laut.de-Kritik

Ein Mixtape ohne Kompromisse.

Review von

"Wenn du das liest, ist es zu spät ..." Wer fühlt sich da angesprochen? Auf jeden Fall lebt Drake bereits im Titel des wie aus dem Nichts bei iTunes auftauchenden Tapes wieder seine Liebe zu Doppelbödigkeiten und subtilen Anspielungen aus und stiehlt mit seinem recht überraschendem Beyoncé-Move allen die Show.

Vielleicht ist die Headline ja an Labelchef Birdman gerichtet. Drakes Vertrag mit Cash Money Records soll nun nach vier Alben ausgelaufen sein, der wechselwillige Homie Lil Wayne ist einer von nur drei Gästen (keine Nicki, kein Young Thugger), auf den handgeschriebenen Shout-Outs fehlt der Boss, und statt bei Soundcloud wird das Teil nun regulär über Apple vertrieben (und gilt damit als regulärer Release).

Vielleicht war der Spruch auch für P. Diddy gedacht, der ihm ja vor kurzer Zeit eine Watschn verpasst hatte und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung mitten in einem viel beachteten Livestream hockte. Immerhin killt er den Mogul "Used To" mit der erwähnten Subtilität: "Shaq posting up on Nikkas I used to have posters of / Real quick nikka you couldn't have hated that, / Let's be real nikka - you couldn't have made it that....Woooo!!". Der Hintergrund: Puffy hatte seinen "0 To 100"-Beat einst ablehnt. Drake dagegen nutzte ihn im Sommer unter anderem für die Ankündigung, dass der Frühling seine Zeit werden wird. Auch das könnte durchaus ein Grund für den Titel sein: Drake lässt jetzt Taten sprechen.

Wie es sich für ein Straßenalbum gehört, geht er dabei straight und ohne Kompromisse ans Werk. Hooks oder eingängige Raffinessen sucht man fast vergeblich, so dass der Sound eine dunkle, fast winterliche Stimmung kreiert. Das nützen auch die kleinen, überraschenden Beat-Adaptionen im letzten Drittel der Songs nicht. So klingt vor allem die erste Hälfte wie ein Überbleibsel aus der "Nothing Was The Same"-Session – und stellt trotzdem ähnliche Lückenfüller-Platten oder Tapes doch klar in den Schatten.

Das Mixtape – und genau nur das ist "If You're Reading This, It's Too Late" trotz offiziellem Verkaufs – kommt ab dem zweiten Track "Energy" richtig in Fahrt. Boi-1da, der das Gros der Tracks produzierte, packt unter die wabbernden Synthie-Wolken einen unaufhaltsamen Old School-Beat, während Drake die Themenbreite der folgenden 15 Tracks klar zusammenfasst:

"I got girls in real life tryna fuck up my day / Fuck goin' online that ain't part of my day / I got real shit poppin' with my family too / I got niggas that can never leave Canada too / I got two mortgages, thirty million in total / I got niggas that'll still try fuckin' me over / I got rap niggas that I gotta act like I like / But my actin' days are over, fuck them niggas for life, yeah"

Frauengeschichten, Familienprobleme, Weltschmerz, große Schnauze und großes Geld – hier wird wieder das klassische Drake-Meme geteilt, das bürgerliche Millenials-Pendant zu DMX' "More Money, More Cash, More Hoes" Ende der 90er. In "Energy" haut Drake auch seinen coolsten Reim raus: "I got bitches askin' me about the code for the wifi / So they can talk about they timeline / And show me pictures of they friends / Just to tell me they ain't really friends". Da erblüht das Hipster-Herz. Ebenfalls großer, bildgewaltiger Sport ist "6 God, put both hands together; that's amazing grace" aus "10 Bands". Die Sechs steht dabei wie gehabt für seine Toronto-Postleitzahl und spielt in einigen Stücken ("6 Man", "6 God") als Vorbote für das kommende, superoffizielle Studioalbum "Views From The 6" eine immer größere Rolle.

Vielleicht ist mit dem "If You're Reading This It's Too Late"-Titel aber auch nur der reine Spaß am Wettkampf gemeint, gerichtet an die Adresse von Kanye West und Kendrick Lamar, die beide gerade neue Songs in Blogs und Blocks pushten. Im dritten Teil seiner Städtereise auf "6PM in New York" (nach "9PM in Dallas" und "5AM In Toronto") nimmt Drake Mr. West ganz leicht und unterschwellig aufs Korn. "I got a backyard where money seems to come from the trees / And I'm never ever scared to get some blood on my leaves."

Auch Tyga, der Drake einst im Vibe Magazin vor einigen Monaten disste, bekommt nun weniger subtil im selben Song sein Fett weg: "I heard the lil lil homie talking reckless in Vibe / Quite a platform you chose, you shoulda kept it inside / Oh you tried, it's so childish calling my name on the world stage / You need to act your age and not your girl's age."

Die wahrscheinlichste Lösung für den Spruch ist jedoch: Drake meint sie alle, denn er ist – wie im ersten, Ginuwines "So Anxious" sampelnden Opener gerappt – eine "Legende" und hat das Momentum auf seiner Seite. "If I die all I know is I'm a motharfuckin' legend / It's too late for my city, I'm the youngest nigga reppin".

Wenn du das liest, ist es zu spät...

Trackliste

  1. 1. Legend
  2. 2. Energy
  3. 3. 10 Bands
  4. 4. Know Yourself
  5. 5. No Tellin'
  6. 6. Madonna
  7. 7. 6 God
  8. 8. Star67
  9. 9. Preach (feat. PARTYNEXTDOOR)
  10. 10. Wednesday Night Interlude (feat. PARTYNEXTDOOR)
  11. 11. Used To (feat. Lil Wayne)
  12. 12. 6 Man
  13. 13. Now & Forever
  14. 14. Company (feat. Travi$ Scott)
  15. 15. You & The 6
  16. 16. Jungle
  17. 17. 6PM In New York (Bonus Track)

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6 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 3 Jahren

    2015 wird wieder ein Drake-Jahr

  • Vor 3 Jahren

    Fuer mich immer noch eine der groessten Flaschen ueberhaupt und einer der schlechtesten rapper. Ganz oben auf meiner Hateliste.

    • Vor 3 Jahren

      Das erste Album war im damaligen Kontext ganz cool, danach langweilte die Masche nur noch.

      Aus der Figur Drake wird wahrscheinlich eh nie ein gestandener Mann, damit gingen nämlich auch die größten Zielgruppen verloren. :D

  • Vor 3 Jahren

    Sein letztes Werk plus die 0to100 Single waren die Highlights der letzten Jahre. Ich hab lange gebraucht bis ich den feiern konnte. Für einer der besten aktuell.

  • Vor 3 Jahren

    Hab es mir wie alle Drake-Releases angehört, weil einfach nicht in meinen Kopf gehen will, dass der wohl erfolgreichste US-Rapper der letzten Jahre einfach nichts bei mir auslöst. Vor allem, weil ich seine Feature-Parts bei Kendrick Lamar und YG überragend fand.
    Aber es war wieder mal nichts. Die Musik ist für mich belanglos und langweilt mich zu Tode. Schade.

  • Vor 3 Jahren

    Aus Langeweile dann doch noch angehoert, ich meine, der Scheissdreck kost' ja nix, ne.

    Beats wie immer erste Sahne, da kann man Drake nicht kritisieren. Aber sonst.. Inhalt: 0. Skills: selbst Melachi the Nutcracker rappt besser. Attituede: laecherlich.

    Aber immer noch interessant, dass er IMMER NOCH der Einzige ist, den Kendricks Aussagen stressen. Da ist jemand tief getroffen worden.

    So ein Hundesohn, dieser Typ.

  • Vor 3 Jahren

    Der Typ ist der Beste, selbst so ein Album im Maxtape-Gewand ohne echt Melodien oder Single-taugliche Songs ist GOLD. Hör ich mir seit Jahren am liebsten von allem amerikanischen Kram an, mit Kendrick.