laut.de-Kritik

Zu viel Kanye kann auch stören.

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Selten wartete man länger auf ein Solo-Debüt eines Künstlers als im Fall Pusha T. Schon vor 20 Jahren machte er im Verbund mit seinem Bruder als Clipse schnupfend die Rap-Szene unsicher. Nun wagt er sich unter der Schirmherrschaft von Neu-Mentor Kanye West an das heiß erwartete Debüt – und holt sich dabei schubkarrenweise Mitstreiter ins Boot, die ihn mal mehr, mal weniger, tatkräftig unterstützen.

Eigentlich bräuchte Pusha, der Raekwon der Neuzeit, nicht ebenso viele Features wie Tracks. Ständig ein Ohr, oder besser gesagt eine Nase auf der Straße, kickt das G.O.O.D.-Music Signing seit jeher die rohsten und unverfrorensten Lyrics. Bescheiden betitelt er seine Platte als "Album Of The Year", Yeezy fügt schlicht hinzu: "Everything is Pusha T." Demnach kann man durchaus erwartungsvoll an "My Name Is My Name" rangehen und wird zunächst auch nicht enttäuscht.

"King Push", produziert vom Stiefsohn des Metallica-Drummers Lars Ulrich, co-produziert von Kanye West, verwendet das gleiche Sample wie "New Slaves". Und wieso das Ganze? Nun, weil man es eben kann. "This is my time, this is my hour/ This is my pain, this is my name, this is my power", skandiert Pusha gleich zu Beginn verheißungsvoll.

Und tatsächlich: Kaum einer versteht es so, seinen Vortrag einerseits unfassbar hingerotzt wirken zu lassen, auf der anderen Seite aber bei jeder Silbe absolut on point zu sein. Nur wenigen außer ihm würde man Lines wie "I sold more dope than I sold records/ You niggas sold records, never sold dope" abnehmen.

Lyrischer Höhepunkt des Albums und sicherlich auch des Jahres bildet aber das multiperspektive "Nosetalgia". Gemeinsam mit Kendrick Lamar wird die 80er Jahre Crack-Epidemie aus zwei verschiedenen Sichtweisen betrachtet. Pusha – Geburtsjahr '77 – erzählt authentisch, wie er schon in jungen Jahren mit den kriminellen Machenschaften in Berührung kam und unweigerlich in den Strudel mit hineingezogen wurde. Der aus Compton stammende Kendrick – Geburtsjahr '87 – hingegen erlebte das Geschehen am Beispiel seines Vaters zwar in jungen Jahren ebenfalls hautnah mit, sträubte sich aber, wie aus seinem Klassiker-Album "GKMC" bekannt sein sollte, gegen Drogen und die mit ihnen einhergehende Gewalt. "Wanna see a dead body?"

Mit seinem Vortrag sorgt Pusha schon alleine für genug Abwechslung und Vielfalt, um getrost auf die Hälfte der anwesenden Gäste verzichten zu können. Entbehrlich wären neben Re-Up-Gang Kollege Ab-Liva allen voran Big Sean, 2 Chainz und The-Dream.

Auch das breit gefächerte Spektrum an Soundunterlagen sorgt nicht gerade für Eintönigkeit. Sei es das bedrohliche Synthie-Bass-Monster "Sweet Serenade", das zusätzlich mit Chören aufgewertet wird, das wunderbar minimalistische "Nosetalgia" oder die Wiederauferstehung der Clipse-Neptunes-Konstellation in "Suicide" und "S.N.I.T.C.H.". Vertreten ist zwar nur eine Hälfte des jeweiligen Gespanns, die unkonventionelle Mischung aus verspielten Beats und knallharten Raps funktioniert aber noch genauso hervorragend wie eh und je.

Doch wo Licht ist, da sind in diesem Fall auch billig klingende Produktionen. Bestes Beispiel dafür ist das kitschig-radioanbiedernde "Let Me Love You" mit The-Dream. Das ist vielleicht Meckern auf hohem Niveau, wenn man sich jedoch vor Augen führt, wie das Pusha/Dream-Tag-Team in Vergangenheit (an dieser Stelle möchte ich eindringlich auf "Exodus 23:1 hinweisen, den besten Pusha T Solo-Track) harmonierte, rückt die Aussage hoffentlich in ein anderes Licht.

Auch lässt sich das Gefühl, Kanye West hätte seine Finger das ein oder andere Mal zu oft im Spiel gehabt, nicht abschütteln. Autotune-Geträller im Hintergrund von "Hold On"? Muss nicht. Sein Name taucht in der Liste der beatbauenden Zunft unverhältnismäßig oft auf, was der Platte einen wässrigen "Yeezus"-Anstrich verpasst.

Um uns aber nicht falsch zu verstehen: Pusha versteht es alle ihm vorliegenden Soundgerüste sauber zu bespucken. Stets selbstsicher und standfest, aber nie abgehoben oder arrogant. "My Name Is My Name" eben. Ist man sich des unglaublichen Potentials des in Virginia aufgewachsenen Terrence Thornton erst einmal bewusst, kann man hier keinesfalls von dem selbst als Ziel ausgegebenen Klassiker sprechen. Die wahrscheinlich ausgelutschteste Phrase aller Zeiten passt hier deshalb einfach wie Arsch auf Eimer: Da wäre mehr drin gewesen.

Trackliste

  1. 1. King Push
  2. 2. Numbers On The Board
  3. 3. Sweet Serenade
  4. 4. Hold On
  5. 5. Suicide
  6. 6. 40 Acres
  7. 7. No Regrets
  8. 8. Let Me Love You
  9. 9. Who I Am
  10. 10. Nosetalgia
  11. 11. Pain
  12. 12. S.N.I.T.C.H.

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9 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor 5 Jahren

    Erster, noch frischer Eindruck: Ich schwanke zwischen 3 und 4 Zählern.
    Absolut starker Anfang mit den beiden ersten Nummern, danach etwas durchwachsen, z.T. zu viel schräges kanyeartiges Geseiere, einige gewöhnungsbedürftige Beats und auch einfach zu viele Features. Dennoch auch im weiteren Verlauf ein paar Höhepunkte und einige bockstarke Parts vom Gastgeber. King Push präsentiert sich in bestechender Form und nach ein paar weiteren Durchgängen kann ich mich bestimmt auch noch mehr mit dem Rest anfreunden, bin da recht optimistisch.
    Dass Kelly Rowland nicht auf ungeteilte Begeisterung stößt, verwundert ja nicht weiter. Wer sich einmal ins "Dilemma" gestürzt hat, kommt da kaum wieder raus! :P

  • Vor 5 Jahren

    Einfach eines der besten Projekte des letzten Jahres, locker 5/5

  • Vor 2 Monaten

    Sweet Serenade ist einer der besten Songs die ich je gehört habe